Prozessbeginn um PCB-Umweltskandal

Dortmund - Einer der größten deutschen Umweltskandale wird von Mittwoch an vor dem Landgericht Dortmund verhandelt. Mehr als 50 Menschen vergifteten sich damals mit der krebserregenden Chemikalie PCB.

Vier Mitarbeiter von inzwischen insolventen Tochterfirmen des Entsorgungsunternehmens Envio sitzen auf der Anklagebank, unter ihnen ein ehemaliger Geschäftsführer. Sie müssen sich dafür verantworten, dass Unmengen des hochgiftigen Kühl- und Isoliermittels PCB in die Umwelt gelangten. Dutzende Mitarbeiter erlitten schwere Vergiftungen.

Die Firma Envio stand nicht allein im Fokus des Skandals. In dem Umweltkrimi wurde auch die staatliche Kontrolle vonseiten der Bezirksregierung in Arnsberg kritisiert. Gegen die Kontrollbehörde gingen Strafanzeigen ein, weil sie illegale Entsorgungspraktiken geduldet haben soll. Diese Ermittlungen wurden eingestellt.

Zwei von der Landesregierung in Auftrag gegebene Gutachten kamen aber zu dem Schluss, dass „Schwachstellen und Defizite im behördlichen Vollzug und in der Behördenstruktur dazu beigetragen haben, dass gravierende Verstöße der Firma Envio gegen Schutz- und Vorsorgepflichten erst festgestellt wurden, nachdem bereits erhebliche Belastungen eingetreten waren“. Als Konsequenz kündigte die Landesregierung an, mehr Stellen im Arbeits- und Umweltschutz zu schaffen und eine Beschwerdestelle für Arbeitnehmer einzurichten.

An der jahrelangen Verseuchung von Arbeitern ändert das nichts mehr. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hatte Envio aus Gewinnsucht auf grundlegende Vorsichtsmaßnahmen bei der Entsorgung der hochgiftigen Chemikalie Polychlorierte Biphenyle (PCB) verzichtet.

Tatort ist das Firmengelände von Envio im Dortmunder Hafen, dem größten Kanalhafen Europas. Dort hat der Entsorger die Transformatoren von dem gefährlichen PCB befreit. Die giftigen Substanzen wurden bis in die 80er Jahre als Isolierflüssigkeit in Transformatoren verwendet und sind seit 1989 in Deutschland verboten. Bei der Entsorgung gelten besondere Vorsichtsregeln.

Unter anderem wurden 51 Mitarbeiter, Leiharbeiter und Beschäftigte von Fremdfirmen bei der Entsorgung der Transformatoren hochgradig kontaminiert. Ihre PCB-Konzentration im Blut lag um bis zu 25 000 Mal höher als beim Durchschnitt der Bevölkerung. Die Betroffenen müssen mit späteren Gesundheitsschäden rechnen. Auch in der Umgebung der Firma wiesen Menschen erhöhte Werte auf.

„Für mich ist es unfassbar, mit welcher Skrupellosigkeit Envio Vorschriften und Auflagen missachtet, die Gesundheit seiner Mitarbeiter aufs Spiel gesetzt und eine Verseuchung von Mensch und Umwelt in Kauf genommen hat“, hatte Landesumweltminister Johannes Remmel (Grüne) gesagt. Messungen ergaben bei 276 Menschen erhöhte PCB-Werte im Blut, darunter auch bei Kindern und Angehörigen von ehemaligen Envio-Mitarbeitern. Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) sprach von einem „Fall hoher Umweltkriminalität“.

Wochen nach Bekanntwerden des Skandals wurde der Betrieb geschlossen. Die betroffenen Tochter-Gesellschaften der Hamburger Mutter meldeten Insolvenz an. Auf der Anklagebank sitzt der ehemalige Geschäftsführer. Er ist auch Vorstand der Envio AG. Daneben müssen sich ein ehemaliger Betriebsleiter, ein externer Immissionsschutzbeauftragter und ein ehemaliger Werkstattmeister des Recycling-Unternehmens verantworten.

Bis heute ist das Gelände nicht saniert, weil kein Geld da ist und das Ergebnis des Insolvenzverfahrens noch nicht feststeht. Vermutlich muss der Steuerzahler den Großteil der Sanierungskosten übernehmen.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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