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Das Phantom von Guantanamo

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- Berlin - Bernhard Docke ist Anwalt, ein Experte für Strafrecht. Viele seiner Fälle hakt er nach zwei, drei Jahren ab. Aber dieser Fall ist anders. "Ich kenne meinen Klienten nicht. Ich kann ihm nicht schreiben, ihn nicht besuchen", sagt Docke. "Es ist, als ob ich ein Phantom verteidigen würde."

Das Phantom heißt Murat. Er ist in Bremen aufgewachsen, Lehrling, 22 Jahre alt. Unter den 500 Gefangenen im berüchtigten US-Lager Guantanamo ist Murat einer der Jüngsten - und der Einzige, der aus Deutschland stammt. Seit genau drei Jahren wird Murat K. vom amerikanischen Geheimdienst auf Kuba festgehalten. Sein US-Anwalt Prof. Baher Amzy durfte ihn erst zweimal besuchen, die Aufzeichnungen des Verteidigers wurden von der Regierung als geheim gesperrt. Bis vor einer Woche. Seitdem dürfen die Anwälte öffentlich machen, worüber ihr Mandat berichtet: Hunger und Kälte, Folter und sexuelle Demütigungen.

Die Geschichte beginnt wenige Wochen nach den Terroranschlägen vom 11. September: Murat, gläubiger Moslem und Sohn einer türkischen Gastarbeiter-Familie, fliegt nach Pakistan, wo er Koranschulen besuchen will. Es sind die Wochen, in denen amerikanische Marschflugkörper auf Afghanistan regnen. Im Nachbarland herrscht Ausnahmezustand. In einem Linienbus gerät Murat in eine Kontrolle der pakistanischen Polizei. Der Ausländer, der nur Deutsch spricht, weckt das Misstrauen der Beamten. Sie übergeben den Verdächtigen den US-Streitkräften, die ihn in ein Camp nach Afghanistan bringen.

Treffen die Schilderungen zu, die Murats Anwälten vorliegen, wird ihr Mandant brutal gefoltert: US-Soldaten tauchen seinen Kopf in einen Wassereimer, drohen, ihn zu ertränken. Man richtet ein Gewehr auf Murats Kopf und droht, ihn zu erschießen. Nach Nächten in der Kälte wird er in Afghanistan mit Elektroschocks an den Füßen gequält, "damit er sich aufwärmen kann".

Im Januar 2002 wird der damals 19-Jährige mit einer Militärmaschine nach Kuba verlegt - auf die US-Basis Guantanamo Bay, die Washington für "feindliche Kämpfer" eingerichtet und zum rechtsfreien Raum erklärt hat. Murats Verteidiger berichten von "systematischen Misshandlungen": Mehrmals wird ihm Nahrung verweigert, bis zu elf Tage lang. Psychopharmaka, grelles Licht und laute Musik setzen ihm zu. Die Verhör-Spezialisten belassen es offenbar nicht dabei, seine Religion mit Worten verächtlich zu machen. Einmal kommen drei Soldatinnen in knappen Bikinis in den Raum und umgarnen den Gefesselten hemmungslos. Die üble Anmache eskaliert, als eine Frau die Hand des Moslems nimmt und sie unter ihren BH schiebt. Der Häftling wehrt sich, worauf sieben Soldaten herbeieilen und ihn verprügeln. Nach den Demütigungen tritt der junge Mann in einen Hungerstreik. Weil er die Einnahme von Proteinen verweigert, wird er künstlich ernährt.

Murat K. ist unschuldig. Das glauben nicht nur seine Anwälte, das sehen auch die US-Ermittler so. In den jetzt freigegebenen Akten des Geheimdienstes steht, es gebe "keine definitiven Beweise, dass der Inhaftierte in Verbindung zu Al Kaida steht oder die Vereinigten Staaten in spezifischer Weise bedroht hat". Gibt es deshalb noch immer keine Anklageschrift? Das US-Militär will den 22-Jährigen trotzdem weiter in Guantanamo festhalten. Seine Anwälte Azmy und Docke haben bisher alle Prozesse gewonnen, doch die Regierung geht wieder in Revision. Ein Urteil der letzten Instanz ist nicht vor Sommer 2006 zu erwarten.

Anwalt Docke appelliert an die Bundesregierung, sich für den jungen Bremer einzusetzen. Außenminister Joschka Fischer lässt mitteilen, ihm seien die Hände gebunden, weil Murat nur einen türkischen Pass besitze. In der Zwischenzeit hat sich die Bremer Innenbehörde gemeldet, bei den Eltern. Ihnen wurde mitgeteilt, dass die Aufenthaltserlaubnis ihres Sohnes erloschen sei. Der Grund: Murat habe es versäumt, eine Verlängerung zu beantragen. 

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