Castor-Ärger: Polizei räumt Schienenblockade

Gorleben - Nach einer Rekord-Blockade tausender Atomkraftgegner auf den Gleisen räumt die Polizei stundenlang das Waldgelände. Für die Einsatzkräfte und Demonstranten ist es bei eisiger Kälte ein beispielloser Kraftakt.

Es ist eine extreme Belastungsprobe für beide Seiten. Atomkraftgegner - auf Strohsäcken und in Thermofolien eingewickelt - harren bei Minusgraden über Nacht bis zu 19 Stunden auf den Schienen in einem Waldstück bei Harlingen aus. Noch nie beteiligten sich im Wendland so viele Menschen an einer Gleisblockade gegen einen Atommüll-Transport. Für die Polizei nimmt dieser Castor- Einsatz ungeahnte Ausmaße an. Etwa sechs Stunden brauchte sie, um nach und nach die Demonstranten vom Gleis wegzutragen. Der Plan der Atomkraftgegner, den immer weiter Richtung Gorleben rollenden Castor-Transport mit hoch radioaktivem Atommüll möglichst lange aufzuhalten und den Einsatz so zu verteuern, ging auf. Die Polizei stellte den Zug am Sonntagabend gegen 20 Uhr etwa 30 Kilometer von Dannenberg entfernt ab - die Zwangspause dauerte länger als zwölf Stunden.

Die 19-stündige Schienenblockade mit zeitweise 5000 Teilnehmern ist einer der längsten und größten in der Geschichte der Bundesrepublik. Jochen Stay, ein Kopf der Anti-Atom-Bewegung, spricht von einer “Sternstunde des gewaltfreien Widerstands“. Viele Einsatzkräfte sind nach bis zu 24 Stunden Dauereinsatz am Montagmorgen mit ihren Kräften am Limit. Wegen Trecker-Blockaden auf den zentralen Zufahrtsstraßen gelang es nur sehr schwer, Nachschub an neuen Beamten herbeizuschaffen. Kurz vor 02.00 wurde es auf den Gleisen im stockdunklen Wald dann ernst: Massive Einsatzkräfte rückten an, sie forderten die Demonstranten zunächst noch auf, freiwillig die Schienen auf der Strecke des Castor-Zugs zu verlassen. Als die Atomkraftgegner nach drei Weisungen nicht freiwillig abzogen - und das waren viele - wurden sie einzeln weggetragen.

Bilder vom Protest gegen den Castor

Castor: Proteste gegen den Atom-Müll-Transport

Die Einsatzkräfte seien umsichtig vorgegangen, wird betont. Die Polizei habe auch schon vorher angekündigt, sie werde mit Fingerspitzengefühl vorgehen, sagte der niedersächsische Linken-Fraktionschef Manfred Sohn, der rund zwölf Stunden bei der Aktion auf den Gleisen dabei war. Die Protestgruppe “Widersetzen“ beschwerte sich aber, die Polizisten habe mit “Schmerzgriffen“ zugelangt, Demonstranten seien über den Boden geschleift oder auch fallen gelassen worden. Viele Langzeit-Blockierer jedenfalls gestalteten sogar die Auflösung ihres Protests noch als kleine Party. Die Atmosphäre war trotz des Kräftemessens zwischen Atomkraftgegnern und Polizei gut: Immer wenn die Sicherheitskräfte bei den einzelnen Menschengrüppchen ansetzte, um sie wegzutragen, griff eine Band in die Tasten. “Take me home“ sangen die Musiker, Lagerfeuer brannten. “Es war eine faszinierende Stimmung“, heißt es immer wieder.

War es 2001 die junge 16-jährige Marie, die sich mit anderen Robin-Wood- Aktivisten an Gleise kettete und so den Castor zu einem langen Stopp zwang, war es diesmal die pure Masse Mensch, die den Wunsch der Polizei nach einem schnellen Ende der tagelangen Odyssee durchkreuzte. Die Anti-Atom-Initiativen sendeten nach einigen Krawallen am Sonntagvormittag auch das Signal aus, der Protest müsse gewaltfrei sein. Und das blieb er bis zum Schluss. Auch am Zwischenlager Gorleben harrten mehr als tausend Aktivisten die Nacht über aus, um später den Castor auf seinen letzten Kilometern auf der Straße zu stoppen. Ein Bauer brachte Stroh zum Wärmen vorbei. Nach der stundenlangen Räumung des Schienenabschnitts bei Harlingen ging die Nervenprobe weiter. Viele hundert Demonstranten wurden in einer Sammelstelle unter freien Himmel stundenlang festgehalten. Der Transport sollte nach der langen Stop-und-Go-Fahrt seit dem Start am vergangenen Freitag in Frankreich nicht nochmals aufgehalten werden. “Abschalten, Abschalten“ riefen die Demonstranten, als der Castor dann am Montagmorgen an ihnen vorbeirollte.

dpa

Rubriklistenbild: © ap

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