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Proteste in Marokko nach Haftstrafen für Rockmusiker

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- Rabat/Madrid - Die Zeiten, in denen Rockmusiker mit ihren Haarschnitten oder ihrer Kleidung Aufsehen erregten, sind in Europa seit langem vorbei. In Marokko dagegen handelten sich junge Rocker mit ihren wilden Frisuren und ihrem martialischen Outfit nicht nur Ärger, sondern sogar Gefängnisstrafen ein. 14 junge Musiker wurden von einem Gericht in Casablanca zu Haftstrafen zwischen einem Monat und einem Jahr verurteilt. Ihre Vergehen: Erschütterung des islamischen Glaubens, sexuelle Ausschweifungen und Teufelsverehrung.

Die Urteile lösten eine beispiellose Welle von Protesten in dem nordafrikanischen Land aus. 5000 Demonstranten ließen sich zu einem Sit-in vor dem Gerichtsgebäude nieder. Mehr als 50 Bürgerinitiativen unterstützten die Proteste. Das Arabische Komitee für Menschenrechte in Paris erkannte die Musiker als «politische Gefangene» an.

Die jungen Leute im Alter zwischen 22 und 28 Jahren - überwiegend Studenten aus gutem Hause - hatten in Amateurbands unter Namen wie «Infected Brain» oder «Reborn» Hard-Rock- und Heavy-Metal-Musik gespielt. Die Anklage legte den 13 Marokkanern und einem Ägypter zur Last, sie hätten einer satanistischen Sekte angehört und Katzenblut getrunken. Als «Beweise» präsentierte der Staatsanwalt dem Gericht CDs, Poster und schwarze T-Shirts mit Dämonen und Schlangen-Motiven. Auch die Tatsache, dass die Angeklagten Piercings trugen, wurde als belastend gewertet.

Die Angeklagten erklärten demgegenüber, sie liebten einfach nur die Rockmusik. Um zu zeigen, dass sie gute Muslime sind, rezitierten sie während des Prozesses Koranverse. Aber sie fanden beim Gericht wenig Verständnis. Einer der Richter meinte: «Normale Menschen tragen Anzug und Krawatte, wenn sie in ein Konzert gehen.»

Die Urteile stießen nicht allein bei jungen Marokkanern auf Empörung. Sogar die seriöse Wirtschaftszeitung «L'Economiste» schloss sich den Protesten an und bezeichnete das Verfahren als «Parodie eines Prozesses». «Gibt es ein Gesetz, welches das Tragen schwarzer T-Shirts unter Strafe stellt?», fragte das - den Unternehmern nahe stehende - Blatt und fügte hinzu: «Diese Affäre ist ein ernsthafter Test für die Demokratie in Marokko.» Die Wochenzeitung «Tel Quel» spracht von einer «Inquisition».

Der Prozess gegen die Musiker zeigt die zwei Seiten der marokkanischen Gesellschaft. Auf der einen Seite erlebt das Land einen Prozess der Öffnung und der Modernisierung. Der junge König Mohammed VI. trägt selbst gerne Jeans und Lederjacke. Zur Belebung des Kulturlebens rief er in Marrakesch ein Filmfestival ins Leben, das namhafte Stars ins Land lockte.

Auf der anderen Seite wehren sich konservative und religiöse Kreise gegen eine «Verwestlichung» Marokkos. Die Urteile gegen die Rockmusiker waren nach Ansicht von Beobachtern vermutlich ein Zugeständnis des Staates an die Islamisten. Die islamischen Fundamentalisten waren bei den vorigen Wahlen zur stärksten Oppositionspartei aufgestiegen.

Die Proteste gegen die Hafturteile hatten erste Erfolge. Justizminister Mohammed Bouzoubaa sorgte dafür, dass die Haftbedingungen verbessert wurden. 11 der 14 Verurteilten wurden wenig später bis zum Berufungsverfahren auf freien Fuß gesetzt.

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