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In Oldenburg beginnt der Prozess gegen einen ehemaligen Krankenpfleger.

Prozessauftakt

Ex-Krankenpfleger unter dreifachem Mordverdacht

Oldenburg - Kollegen nannten ihn scherzhaft „Rettungsrambo“ und „Pechvogel“. Dass der Krankenpfleger Patienten tötete, wollte lange keiner wahrhaben. Jetzt soll sich der Angeklagte erstmals ausführlich äußern.

Sein Vater war ebenfalls Krankenpfleger und ein großes Vorbild. Wenn sie zusammen durch ihre Heimatstadt Wilhelmshaven gingen, grüßten Menschen den Vater dankbar. Viele von ihnen hatte er gesund gepflegt. Genau das wollte auch der Sohn sein: Ein Pfleger, dem das Wohl seiner Patienten am Herzen liegt, der immer ein freundliches Wort für sie übrig hat. Doch dieses Ziel verlor er irgendwann aus den Augen. Statt Kranken zu helfen, soll er viele von ihnen getötet haben. Wie kam es dazu?

Seit September steht der heute 38-Jährige in Oldenburg vor Gericht. Angeklagt ist er wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs an Patienten am Klinikum in Delmenhorst. Gestanden hat er weit mehr Taten. 90 Menschen will er eine Überdosis eines Herzmedikaments gespritzt haben, bis zu 30 Patienten sollen gestorben sein. Was in dem massigen Mann vorgeht, können Prozessbeobachter nur erraten. Bisher hat sich der Angeklagte nicht detailliert zu den Vorwürfen geäußert. Am Donnerstag wollen ihn die Richter erstmals ausführlich befragen.

Einem psychiatrischen Gutachter hat er sich bereits anvertraut. Der beschreibt den Angeklagten als einen unsicheren Menschen. In der Schule spielt er den Klassenclown, um Anerkennung zu bekommen. Später tritt er - auch deshalb - in die Fußstapfen seines Vaters. Alles läuft gut, bis der junge Pfleger ans Klinikum Oldenburg wechselt. Die Arbeit auf der Intensivstation empfindet er als traumatisch. Die an piepsenden Geräten und Schläuchen hängenden Kranken nimmt er laut Gutachten kaum noch als Menschen wahr. Doch wann immer ein Patient wiederbelebt werden muss, ist er in seinem Element. Dann kann er beweisen, was ihn ihm steckt.

„Ich habe mich in der Zeit zu einem richtigen Großkotz entwickelt“, erzählt der Angeklagte später dem Gutachter. In Delmenhorst, wohin der Pfleger 2003 wechselt, geht es dagegen deutlich ruhiger zu. Ihm fehlt die Aufregung, der Kick. Um die innere Leere zu füllen, löst er, so die Darstellung, immer wieder Notfälle bei schwer kranken Patienten aus, oft tödliche Notfälle. Das Hochgefühl in ihm soll danach tagelang angehalten haben.

Der Psychiatrie-Professor Karl Beine, der 36 Mordserien an Krankenhäusern untersucht hat, sieht ein typisches Verhaltensmuster: „Diese Menschen ergreifen oft einen helfenden Beruf, um sich selbst besser zu fühlen.“ Doch die Erwartungen würden enttäuscht. Denn der Alltag im Krankenhaus ist knallhart, Lob selten. Typisch sei auch, dass es mehr als zwei Jahre gedauert habe, bis die Mordserie am Delmenhorster Klinikum aufgeflogen sei. Ein Pfleger, der Patienten tötet? Für die Kollegen unvorstellbar - und ein Skandal für eine Klinik.

Nicht nur in Delmenhorst, auch schon in Oldenburg gibt es Gerede über den Angeklagten. Als „Rettungsrambo“ bezeichnen ihn Kollegen und als „Pechvogel“, weil es während seiner Schichten immer dramatische Zwischenfälle gibt. Das Oldenburger Klinikum will den Pfleger irgendwann nur noch loswerden - und stellt ihm ein gutes Arbeitszeugnis aus. In Delmenhorst dann gibt es neben Gerüchten ganz konkrete Hinweise, wie sich im Prozess zeigt. Die Sterberate auf der Intensivstation verdoppelt sich von 2003 bis 2005 beinahe. Der Verbrauch des Herzmedikaments steigt sprunghaft.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen gegen acht Mitarbeiter an beiden Kliniken wegen Totschlags durch Unterlassen. Außerdem lässt sie den Tod von mehr als 200 Patienten an allen Arbeitsstätten des Pflegers untersuchen. Der Angeklagte selbst bestreitet, an anderen Orten als in Delmenhorst Menschen geschadet zu haben. Ob das glaubwürdig ist, daran hat der Vorsitzende Richter wegen der Gerüchte in Oldenburg jedoch schon Zweifel geäußert.

dpa

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