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Die Bildserie zeigt den Angriff auf einen Mann im U-Bahnhof Friedrichstraße in Berlin.

Prozessbeginn nach grausamer U-Bahn-Attacke

Berlin - Mit voller Wucht trat ein junger Mann vor vier Monaten gegen den Kopf eines Handwerkers, der schon hilflos in einem Berliner U-Bahnhof lag. Ermittler sagen, ein Mann aus Bayern habe das Leben des Opfers gerettet. Am Dienstag beginnt der Prozess.

Viermal und mit voller Wucht tritt der junge Mann gegen den Kopf des Handwerkers, der schon hilflos im Berliner U-Bahnhof Friedrichstraße liegt. Dann tänzelt der Schläger auf dem Bahnsteig der U 6 in der Nacht zum Ostersamstag etwas zurück. Das zufällige Überfallopfer hat das Bewusstsein verloren. Genau vier Monate später beginnt nun an diesem Dienstag am Landgericht in der Hauptstadt der Prozess gegen den mutmaßlichen Schläger und einen mutmaßlichen Komplizen. Beide sind 18 Jahre alt.

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Die brutale Attacke, festgehalten von einer Überwachungskamera, hatte eine bundesweite Debatte über den Umgang mit jugendlichen Gewalttätern ausgelöst. Die Forderungen reichten von einem Warnschussarrest für junge Kriminelle bis zu einem Alkoholverbot im öffentlichen Personennahverkehr. Immer wieder werden Fahrgäste in Bahnen, Bussen oder an Haltestellen attackiert, gibt es Verletzte und Angst. Die Hilfsorganisation Weißer Ring warnte davor, sich an Kriminalität im Alltag zu gewöhnen.

Der mutmaßliche Berliner U-Bahn-Schläger ist wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung angeklagt, dem anderen 18-Jährigen werden in dem Verfahren vor einer Jugendkammer unterlassene Hilfeleistung und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

Es gab Empörung, weil die Staatsanwaltschaft nicht wegen versuchten Mordes angeklagt hatte. Unmut regte sich auch, weil der Gymnasiast, der aus einer intakten Familie kommen soll, gegen Auflagen schnell von der Untersuchungshaft verschont wurde. Der überfallene 29-Jährige, der mit einem Schädel-Hirn-Trauma, gebrochener Nase und Platzwunden ins Krankenhaus kam, schrieb in einem Brief an Berlins Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD), das sei für ihn wie ein weiterer Tritt ins Gesicht.

Der mutmaßliche Schläger bekommt inzwischen Einzelunterricht, um den “Schulfrieden zu wahren“. “Wir müssen seinem Wunsch nachkommen, denn er hat ein Recht darauf, sein Abitur zu machen“, wie eine Sprecherin der Bildungsverwaltung sagte.

Eine Entschuldigung des Schlägers nehme der 29-Jährige nicht an, sagte Opferbeistand Thomas Kämmer der Nachrichtenagentur dpa. Der Brief des Angeklagten sei reine Prozesstaktik und verlogen, monierte der Jurist. “Das Ziel des Täters war Gewalt um jeden Preis.“ Bis heute brauche der Angegriffene psychologische Betreuung.

Der mutmaßliche Schläger hatte sich der Polizei gestellt und den Überfall gestanden. In einer Vernehmung sagte er laut Staatsanwaltschaft, er habe sein Opfer aus purer Streitlust ausgesucht. Er sei in aggressiver Stimmung gewesen und soll dem Unbekannten zunächst eine Hartplastikflasche ins Gesicht gedonnert haben, worauf dieser zu Boden ging. Der Mitangeklagte soll dann auch gegen die heftigen Tritte nichts unternommen haben.

“Neu und auffallend ist ... dass es heute scheinbar unmotivierte Gewalttaten sind, die plötzlich wie aus dem Nichts auftreten“, sagt die Berliner Jugendpsychiaterin Annette Streeck-Fischer. Diese Übergriffe seien unabhängig von der Schicht, aus der der Täter komme. Überforderung durch hohe Erwartungen und zugleich emotionale Vernachlässigung durch die Eltern nennt die Präsidentin der Internationalen Gesellschaft für Jugendpsychiatrie und -psychologie als mögliche Gründe.

Nach einer anderen Prügelorgie in Berlin, die bundesweit Entsetzen auslöste, wurde versuchter Mord angeklagt. Vier Jugendliche, der Jüngste erst 14, sollen am U-Bahnhof Lichtenberg einen jungen Mann so attackiert haben, dass er wochenlang im künstlichen Koma lag und sich nur mühsam ins Leben zurückkämpfte. Für diesen Fall steht noch nicht fest, wann der Prozess beginnt.

Auf dem U-Bahnhof Friedrichstraße schritt jedoch ein Passant ein. Er verhinderte weitere Tritte gegen den Handwerker, indem er den Angreifer wegzog. Dafür sei er von den beiden mutmaßlichen Schlägern selbst getreten worden, bevor sie zunächst flüchteten. Georg Baur aus Bayern, der ebenso wie das Überfallopfer Nebenkläger ist, wird zum Prozessauftakt am Dienstag in Berlin erwartet. Er war für seine Zivilcourage öffentlich geehrt worden. Baur sagte: “Man kann so leicht jemand das Leben retten, wenn man hilft und nicht zusieht.“

dpa

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