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Psychologe erklärt Vorliebe für Discounter-Fleisch: „Deutsche haben keine Esskultur“

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Von: Sven Barthel

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Einkauf in einem Supermarkt
In Deutschland greifen Menschen, die sich Bio-Qualität leisten können, trotzdem gerne zum Billigfleisch. © Imago / Martin Wagner

Fleischskandale hin, Fleischskandale her: Die Deutschen lieben Billigfleisch und kaufen es am liebsten beim Discounter - auch jene, die sich Qualität eigentlich leisten können. Ein Ernährungspsychologe erklärt, warum das so ist.

München - „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“ lautet ein von der Fleischindustrie oft genutztes Zitat. Es verstärkt den tierischen Rohstoff zum stärkenden Nahrungsmittel und wurde seit Ende des Zweiten Weltkrieg überliefert - mit der steten Bitte der Großeltern, doch wenigstens noch das Fleisch zu essen, auch wenn man eigentlich schon pappsatt ist.

Denn Fleisch war einst ein rares Gut. Von den Deutschen besonders geliebt. Mehr als 57 Kilogramm Fleisch pro Kopf verzehrten die Bundesbürger im Jahr 2020 im Durchschnitt. Nur kosten soll es möglichst wenig.

Fleisch wird heute überall auf der Welt als Massenartikel produziert. Freilich auf Kosten des Tierwohls. Denn Massenproduktion und artgerechte Haltung schließen einander aus. Für die Tiere in Mastbetrieben bedeutet das: wenig Platz, wenig Licht, billiges Futter, ein Leben im eigenen Dreck, Antibiotika und oft auch eine ruppige Handhabung.

Und obwohl Verbraucher hierzulande längst Bescheid wissen über die unsäglichen Bedingungen, zu denen das Fleisch für Supermärkte und Discounter hergestellt wird, greifen sie weiterhin zu. Nicht einmal Hygieneskandale wie der im Schlachthof von Fleischfabrikant Tönnies in der Nähe von Gütersloh können sie davon abhalten.

Fleisch ist ein Statussymbol

Doch warum ist das so? Warum essen die Deutschen mehrheitlich Billigfleisch? Zeit.de ging dem Phänomen im Gespräch mit dem Ernährungspsychologen Johann Christoph Klotter auf den Grund. Der Professor für Gesundheits- und Ernährungspsychologie an der Hochschule Fulda sieht eine Erklärung im seit Jahrtausenden bestehenden Prestigefaktors des Lebensmittels. So stehe Fleisch für „Überleben, Wohlstand und Macht“. Doch heute, wo Fleisch für jedermann erschwinglich sei, könnten auch die finanziell schlechter Gestellten beim Fleischessen symbolisch am allgemeinen Wohlstand teilnehmen.

Fleisch vermittele „Ernährungssicherheit“, weshalb die sozialen und ökologischen Konsequenzen des Fleischkonsums verdrängt würden. Dass sich aber auch Besserverdienende Billigfleisch* essen, obwohl sie sich sogar Bioqualität leisten könnten, sei nach Ansicht Klotters ein „deutschlandspezifisches“ Phänomen. Der Anteil an verkauftem Biofleisch in der Bundesrepublik liegt gerade mal im einstelligen Prozentbereich. Klotter führt dies darauf zurück, dass die „Deutschen insgesamt geizig beim Essen“ seien und zwar über alle Schichten hinweg.

Die Deutschen haben keine Esskultur

Nur 13 Prozent ihres Einkommens sollen die Deutschen für Essen ausgeben, wohingegen die Franzosen dafür 30 Prozent locker machen. Schon vor über 2.000 Jahren hätten Historiker verschriftlicht, dass die Germanen sich sehr einfach ernährten. Diese geringe Wertschätzung für gutes Essen habe sich bis heute gehalten. „Die Deutschen haben keine Esskultur“ und seien auch keine Genussmenschen*, resümiert Klotter. Statt eines hochwertigen Stücks Steak kaufe sich der Deutsche lieber einen teuren Grill, denn damit könne er sich inszenieren.

Neben der Vorliebe für niedrige Preise spielt auch Gewohnheit eine Rolle. Sie sorgt dafür, dass sich Menschen trotz Gammelfleischskandalen nicht vom Kauf von Billigfleisch abschrecken lassen. Was wir essen, wird vor allem durch unser soziales Umfeld geprägt.

Wenn also Mama und Papa schon in der Tiefkühltheke nach der gefrorenen Schweinshaxe gegriffen haben, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es ihr Nachwuchs ihnen gleich tun wird. Denn Kinder lernen durch Nachahmung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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