Mahnendes Beispiel Manaus

Corona: Keine Immunität nach Erkrankung? Virologe erklärt, warum Reinfektion möglich ist

  • Andreas Schmid
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Sind Menschen nach einer überstandenen Covid-19-Erkrankung immun? Diese Annahme gilt offenbar in einigen Fällen nicht. Ein Virologe erklärt, warum auch Reinfektionen mit dem Coronavirus drohen.

  • Gerade zu Beginn der Pandemie wurden Stimmen laut, wonach man nach einer Corona-Infektion immun gegen das Virus sei.
  • Diese Auffassung wird in der Wissenschaft mittlerweile kritisch gesehen.
  • Auch im Hinblick auf Virusmutationen bleibe gewissermaßen nur eine Möglichkeit: das Impfen

München - Ist man nach überstandener Corona-Infektion immun gegen das Virus? Diese Frage beschäftigt die Wissenschaft aktuell sehr. Noch gibt es wenige verlässliche Studien über das Infektionsrisiko nach einer Erkrankung. Doch auch wenn bisher wenige Fälle von sogenannten Zweitinfektionen bekannt sind, scheint das Risiko einer erneuten Ansteckung durchaus gegeben.

Corona: Herdenimmunität? Das Rätsel um die zweite Welle in Manaus

Dies wird derzeit am Beispiel Manaus auf erschreckende Art und Weise deutlich. In der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Amazonas waren laut einer im Fachmagazin Science veröffentlichten Studie bei rund drei Vierteln der Bevölkerung (76 Prozent) Corona-Antikörper festgestellt worden. Die damit einhergehende Hoffnung der Herdenimmunität ist jedoch keineswegs eingetreten. Manaus wird von der zweiten Corona-Welle nahezu genauso heftig erfasst wie von der ersten.

Brisant: Die entscheidende Schwelle zur Herdenimmunität wird von der Wissenschaft in der Regel bei 67 Prozent angesetzt. Diese Grenze hätte Manaus also eigentlich überschritten. Wieso konnte es dennoch zu einem zweiten Corona-Ausbruch kommen? Eine klare Antwort auf diese Frage gibt es bis dato nicht. Die Erklärungsansätze gehen vom Anzweifeln der Herdenimmunität per se bis zu einer größeren Aggressivität der auch in Manaus grassierenden Virusmutationen und zu einem generellen Abnehmen der Immunität. Haben sich also womöglich Menschen ein zweites Mal infiziert? Möglich, so die Ansicht verschiedener Wissenschaftler.

Menschen mit Masken warten vor einem Sauerstoff-Händler. Die Kapazität der Stadt Manaus zur Sauerstoffproduktion deckte zwischenzeitlich weniger als ein Drittel des eigentlich notwendigen Bedarfs. Die zweite Welle traf den Bundesstaat Amazonas mit voller Wucht. Das marode Gesundheitssystem war auf den erneuten Ausbruch nicht vorbereitet.

Corona-Studien: Wohl keine vollständige Immunität gegeben

Eine aktuelle Studie aus Großbritannien untersuchte die Daten von mehrmals auf Covid-19 getestetem Klinikpersonal und kam zu dem Ergebnis, dass sich bei rund 6600 Personen, die zwischen Juni und November positiv auf Corona-Antikörper getestet worden waren, 44 Probanden in dem Zeitraum erneut mit Corona infizierten. Ein sehr geringer Anteil, aber eben keine hundertprozentige Immunität.

Eine vorangegangene Arbeit aus London beobachtete Corona-Patienten über den Zeitraum von mehreren Monaten und stellte fest, dass die Anzahl der Antikörper innerhalb von vier Monaten um rund ein Viertel zurückging*. Andere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass ehemalige Corona-Patienten rund acht Monate immun seien.

Corona: „Je heftiger die Symptome, desto heftiger ist auch die Immunantwort“

Entscheidendes Kriterium der Immunität scheint generell die Anzahl der Antikörper beziehungsweise die Schwere der Erkrankung zu sein, wie der Virologe Friedemann Weber gegenüber Focus Online erklärt: „Je heftiger die Symptome, desto heftiger ist auch die Immunantwort. Oder mit anderen Worten: Wenn jemand nur leichte Erkältungssymptome hat, dann hat er zwar Antikörper, aber die Immunität ist nicht hoch genug, um vor einer Reinfektion zu schützen.“ Diese Ansicht deckt sich mit einer Studie aus dem Fachmagazin Nature.

Der Rückgang der Antikörper spielte Weber zufolge wohl auch beim erneuten Corona-Ausbruch in Manaus eine Rolle. Die neu aufgetretenen Virusmutationen könnten in Kombination mit einer zu geringen Immunität eine Vielzahl an Reinfektionen nach sich gezogen haben. Denn bei den Mutanten würden „die Antikörper aus der ersten Welle nicht mehr richtig binden“. Derzeit wird in der Wissenschaft davon ausgegangen, dass die Virusmutationen zwar nicht zwingend tödlicher, aber aggressiver, sprich ansteckender sind.

Corona: Immunität nach Infektion? „Nur durch eine quasi lückenlose Impfung“ möglich

Weber ist sich daher sicher, dass eine Corona-Erkrankung nicht zwangsläufig vor einer zweiten Infektion schützt. „Eine Immunität durch eine Infektion schafft eine Menge Leid und klappt auch gar nicht. Die Bevölkerung wird dadurch nicht geschützt. Das ist nicht möglich.“ Folglich bleibe nur ein Weg: „Nur durch eine quasi lückenlose Impfung bekommen wir eine stärkere Immunantwort hin.“ (as)

* Die Studienergebnisse wurden in einem sogenannten Preprint veröffentlicht und müssen erst noch repliziert werden. Unter einer Replikation versteht man in der Wissenschaft das wiederholte Durchführen einer Studie mit ähnlicher Methodik, aber durch in der Regel andere Wissenschaftler.

Rubriklistenbild: © Soeren Stache/dpa

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