Der Wert muss unter 1 bleiben

Corona-Reproduktionszahl: Der entscheidende R-Faktor einfach erklärt

  • Alicia Greil
    vonAlicia Greil
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Die Reproduktionszahl R ist in der Corona-Krise für Politiker und Experten ein zentraler Wert. Was es damit auf sich hat, und warum sie im Kampf gegen das Coronavirus entscheidend ist.

Berlin - Sie gibt an, wie viele Menschen ein Corona-Infizierter im Schnitt ansteckt und sie sollte unbedingt unter 1 bleiben, damit die Pandemie eingedämmt werden kann: Die Reproduktionszahl ist der Wert, auf den sich Virologen und Politiker im Kampf gegen Covid-19 immer mehr fokussieren. Der Grund: Schon minimale Schwankungen der Reproduktionszahl können eine Überlastung des Gesundheitssystems zur Folge haben. 

Coronavirus: Je niedriger die Reproduktionszahl, umso geringer die Ausbreitung

Generell gilt: Je niedriger der Wert der Basisreproduktionszahl, desto besser. Liegt die Reproduktionsrate bei über 1, steckt ein Corona-Infizierter im Mittel mehr als eine andere Person an. Daher erhöht sich die Zahl der täglichen Neuinfektionen*. Liegt die Rate jedoch unter 1, überträgt ein Corona-Infizierter das Virus im Durchschnitt auf weniger als einen anderen Menschen. So kann die Epidemie nach und nach auslaufen.

Was verbirgt sich hinter der Basisreproduktionszahl? 

Laut Informationen des Robert-Koch-Instituts (RKI)* beträgt die Basisreproduktionszahl des Erregers Sars-CoV-2 grundsätzlich ohne Gegenmaßnahmen zwischen 2,4 und 3,3. Das bedeutet, ein Infizierter steckt im Mittel mehr als zwei oder möglicherweise sogar mehr als drei weitere Personen an. Dadurch verbreitet sich das Virus schnell und es müssten zwei Drittel aller Übertragungen verhindert werden, um die Pandemie in den Griff zu bekommen.

Bei ihrer Pressekonferenz (15. April) erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Blick auf die Reproduktionszahl, dass die Kurve flacher geworden sei. Dennoch sei es weiterhin wichtig, das Gesundheitssystem nicht zu überfordern. „Wir sind jetzt ungefähr bei einem Reproduktionsfaktor von 1,0“, berichtete die Bundeskanzlerin. Das lasse sich aus Modellbetrachtungen ableiten. Die jüngsten Zahlen geben sogar noch mehr Grund zum Optimismus. Am Samstag lag der Wert der Reproduktionszahl in Deutschland laut Informationen des RKIs bei 0,8 - wobei er in einzelnen Gebieten wegen regionaler Schwankungen auch noch über 1 liegen könnte, betonte RKI-Chef Lothar Wieler

Coronavirus: Schon kleine Schwankungen der Reproduktionszahl haben immense Auswirkungen

Für Deutschland bedeutet das, dass jeder Infizierte im Mittel einen anderen Menschen ansteckt*. „Schon wenn wir annehmen, dass jeder 1,1 Menschen ansteckt, wären wir im Oktober wieder an der Leistungsgrenze unseres Gesundheitssystems mit den angenommenen Intensivbetten angelangt“, warnte Merkel. Denn bei einer Reproduktionsrate von 1,1 würden im Schnitt zwar immer noch neun von zehn Personen nur einen anderen infizieren. Einer der zehn Infizierten würde allerdings zwei anstecken. Rechnet man das hoch, kann es zu einem immensen Unterschied führen. 

Ausgehend von einem Wert von 1,2, „also, dass jeder 20 Prozent mehr Menschen ansteckt“, erklärte Merkel weiter, kämen wir bereits im Juli an die Belastungsgrenze unseres Gesundheitssystems. Bei 1,3 ginge dies noch schneller, die Belastungsgrenze wäre bereits im Juni erreicht - und so weiter. Differenzen um 0,1 hören sich nicht viel an, räumte Merkel ein. Tatsächlich machen sie aber einen erheblichen Unterschied. 

Coronavirus: Helmholtz-Forscher stellen mit Blick auf Reproduktionszahl Szenarien auf

Mit Blick auf die Reproduktionszahl stellten Forscher des Helmholtz-Instituts drei mögliche Zukunftsszenarien auf: 

  • 1. Würden die geltenden Kontaktbeschränkungen* so gelockert, dass die Reproduktionszahl wieder ansteigt, würde dies das Gesundheitssystem innerhalb weniger Monate stark überlasten. Denn dann würde die Zahl der benötigten Intesivbetten massiv steigen.
  • 2. Würden die Kontaktbeschränkungen und weiteren Maßnahmen* so gelockert, dass eine Reproduktionszahl von 1 gehalten werden kann, sollte unser Gesundheitssystem der Einschätzung der Wissenschaftler zufolge wohl stabil bleiben. Jedoch könnten bei diesem Szenario Kontaktbeschränkungen über Jahre aufrechterhalten werden müssen, um so eine vollständige Immunisierung der Gesellschaft zu ermöglichen. Zumindest gilt dies für den Fall, dass in den nächsten Jahren auch kein Impfstoff gegen Corona gefunden wird (Anm. d. Red.).
  • 3. Im letzten Szenario würden die Kontaktbeschränkungen vorerst aufrechterhalten und flankierende Maßnahmen angeordnet, um die Reproduktionszahl dauerhaft deutlich unter 1 zu halten. Ist dieser Ausgangswert stabil, könnten die Maßnahmen gelockert werden. Jedoch sollte dieses Vorgehen von massiven, ausgeweiteten Tests* begleitet werden, um Infektionsketten nachverfolgen und eine erneute Infektionswelle verhindern zu können. 

Coronavirus: Reproduktionszahl kann auf unterschiedliche Weise berechnet werden

Das dritte Szenario empfahlen die Helmholtz-Wissenschaftler als bestes mögliches Zukunftsszenario. Für Probleme könnte allerdings noch sorgen, dass Wissenschaftler bei der Berechnung der Reproduktionsrate zwischen verschiedenen Modellen wählen können und außerdem Parameter schätzen müssen

„Mit verschiedenen Methoden kommt man zu verschiedenen Ergebnissen“, sagt Moritz Kaßmann von der Universität Bielefeld laut einem Bericht von Focus.de. In einem sind sich Forscher wie RKI-Chef Wieler und Politiker aber einig: Die Reproduktionszahl muss dauerhaft unter 1 liegen, damit von einem Abflauen der Epidemie die Rede sein kann. 

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © AFP / BERND VON JUTRCZENKA

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