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Aufrecht: Mit einem Blindenstock muss sich Dietrich Wagner, (l.) heute seinen Weg durchs Leben suchen. Der Strahl eines Wasserwerfers nahm ihm bei einer Demonstration gegen „Stuttgart 21“ fast vollständig das Augenlicht. Das Bild, auf dem er aus beiden Augen blutete (r.), ist ein Symbol für den Protest geworden.

S21-Gegner Wagner: Fast blind kämpft er weiter

München - Das Bild ging um die Welt: Es zeigt Dietrich Wagner mit zerfetzten Lidern, ein Wasserwerfer hatte ihn ins Gesicht getroffen. Seither gilt er als Ikone des Widerstands gegen „Stuttgart 21“, das Bahnprojekt. Fast blind kämpft er weiter.

Vorsichtig tastend setzt Dietrich Wagner, 67, einen Fuß vor den anderen. Es dauert Minuten, bis er das Foyer der Akademie der Bildenden Künste in München durchquert hat. Aber er will nach draußen – unbedingt. Er könnte auch drinnen rauchen, die Veranstalter haben es ihm erlaubt. Aber Wagner will vor die Tür. Ausgerechnet er will das Rauchverbot befolgen. Minuten, nachdem er hier in München als Ikone des Widerstands ausgezeichnet worden ist. Als einer, der aufsteht gegen den Staat. Dafür hat er den Georg-Elser-Preis bekommen. Ein paar Tage vor der Volksabstimmung in Baden-Württemberg.

Stuttgart 21: Argumente Pro und Contra

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Vor der Tür zieht Wagner einen Zigarillo aus der Schachtel, hält ihn sich dicht vor die Augen und fixiert ihn lange. „Sonst zünd’ ich mir den Filter an“, sagt er mit leicht schwäbischem Einschlag. Als der Zigarillo brennt, nimmt er einen Zug und beginnt zu erzählen. Von dem Tag, der vor gut einem Jahr sein Leben verändert hat. „Der schwarze Donnerstag“, so nennt Wagner den 30. September 2010. Es ist der Tag, an dem er zum Gesicht des Widerstands gegen das Bahnhofprojekt „Stuttgart 21“ wurde, unfreiwillig. An dem er sein Augenlicht fast ganz verlor.

Das berühmte Foto hat er erst Monate später gesehen. Damals im Krankenhaus, nach einer der vielen Augen-Operationen haben sie es ihm gezeigt. Wagner hat es mit einer starken Lupe betrachtet. „Aber genau habe ich es nicht erkennen können.“ Es ist ein schreckliches Foto. Wagner wird darauf von zwei Männern gestützt. Sein rechtes Lid hängt zerfetzt herunter, aus beiden Augen läuft Blut, zwei jüngere Männer stützen ihn. Wagner trägt einen schwarzen Skianzug.

An diesem Abend in München trägt er ein lilafarbenes Sakko. Über beide Ärmel hat er gelbe Armbinden gestreift, mit mit je drei schwarzen Punkten. Wagner ist jetzt fast blind. Auf dem linken Auge sieht er gar nichts mehr, auf dem rechten hat er noch eine Sehkraft von acht Prozent, sagen die Ärzte. „Ein theoretischer Wert“, sagt Wagner. An schlechten Tagen kann er nur hell und dunkel unterscheiden. Er trägt Brillengläser so dick wie der Boden von Einmachgläsern.

Unterschiedliche Versionen zum Unglück

Es gibt zwei Versionen, wie es dazu kam. Eine stammt von Wagner, eine vom Staat. Wagner sagt, was am 30. September 2010 geschehen ist, sei ein Verbrechen. Der Staat sagt, Wagner sei selbst schuld. Klar ist: Wagner protestierte an jenem Donnerstag im Stuttgarter Schlossgarten gegen „Stuttgart 21“, gegen den Bau des neuen Tiefbahnhofs. Als die Polizei den Park räumt, setzt sie Wasserwerfer ein. Wagner sagt, er habe sich dem tonnenschweren Fahrzeug nur in den Weg stellen wollen. Videoaufnahmen zeigen ihn, wie er vor dem grünen Lastwagen wild mit den Armen fuchtelt. Auf ihn gerichtet: eine riesige Wasserkanone.

„Ich war naiv“, sagt er heute. „Ich habe gedacht: Du wirst nicht das erste Mal im Leben nass.“ Mit ein paar blauen Flecken habe er gerechnet. „Dass die einen mit einem Wasserwerfer vorsätzlich, gezielt blind schießen können, das habe ich nicht gewusst.“

Wagners Anwalt Frank-Ulrich Mann vertritt gleich vier Menschen, die an diesem Tag durch Wasserwerfer an den Augen verletzt wurden. „Dietrich Wagner hat es am schlimmsten getroffen“, sagt er. Mit 16 bis 20 Bar, einem unglaublichen Druck, etwa zehn Mal so hoch wie in einer normalen Wasserleitung, habe die Kanone aus nur 15 bis 20 Metern Entfernung Wagner getroffen. „Das ist lebensgefährlich“, sagt Mann. Wagner überlebte zwar. Doch seine Augenlider, sie werden in Stücke gerissen.

Mit diesem Moment enden die Erinnerungen von Dietrich Wagner. „Alles war schwarz“, sagt er. Er erinnert sich auch nicht an den Moment, als der Fotograf auf den Auslöser drückte. Das Foto des Mannes mit den blutenden Augen geht um die Welt. Zunächst kennt niemand den Namen Dietrich Wagner. Doch das Bild ist mächtig. Bei den nächsten Protesten schminken sich Demonstranten mit roter Farbe Blut unter ihre Augen. Andere drucken das Bild vom blutenden Wagner auf T-Shirts. Schaut her, wollen sie sagen, so geht der Staat mit uns um.

Kastanien statt Pflastersteine

Die Polizei will das nicht auf sich sitzen lassen. Veröffentlicht Videoaufnahmen, auf denen zu sehen sein soll, dass Wagner mit Pflastersteinen auf die Wasserwerfer und Polizisten wirft. Anwalt Mann analysiert die Bilder, dann steht fest: Es sind keine Pflastersteine, sondern Kastanien. Dennoch ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Wagner, wegen Sachbeschädigung und versuchter Körperverletzung. Genauer: versuchte Körperverletzung an Polizeibeamten. Und Sachbeschädigung am Wasserwerfer. Wegen Kastanien. Die Ermittlungen werden eingestellt, doch zur Empörung von Anwalt Mann nicht, weil Wagner die Taten nicht begangen habe. Nein, er sei durch seine Verletzung schon gestraft genug. „Begnadigung“, nennt Wagner das.

Er klagt vor dem Verwaltungsgericht. Die Richter sollen feststellen, dass der Polizeieinsatz rechtswidrig war. Von der Justiz erwartet er aber nicht viel. „Ich vermute, dass mir ein korruptes Gericht keinen Schadenersatz und kein Schmerzensgeld zusprechen wird“, sagt Wagner. Er klingt jetzt verbittert.

Inzwischen brennt der zweite Zigarillo, da passiert das Malheur: Wagner klopft die Asche ins Weinglas eines Zuhörers. Wagner entschuldigt sich, kann aber selbst über seinen Fehler lachen. „So etwas passiert mir gelegentlich.“ Gleich bei einem seiner ersten Spaziergänge, gab es plötzlich einen lauten Knall direkt vor seiner Nase. „Ich bin mit meinem Zigarillo an den Luftballon eines kleinen Mädchens gekommen“, erzählt Wagner, „ich hab’ ihn einfach nicht gesehen.“ Wagner schenkte dem Kind einen neuen Ballon. Und merkte sich, dass er sich noch vorsichtiger bewegen muss. In einer Schulung zeigten sie ihm, wie man mit Blindenstock geht. „Aber man lernt in meinem Alter nicht mehr so schnell.“

Er habe sich mit seiner Blindheit „arrangiert“, sagt Wagner. „Ich kann mich inzwischen durchs Leben mogeln.“ Doch es gab auch andere Zeiten. Er habe immer gern gelesen, erzählt Wagner. „Direkt nach dem schwarzen Donnerstag habe ich mich schon gefragt: Lohnt es sich, als alter, blinder Dackel in einem korrupten Staat weiterzuleben?“

„Staatskritisch“ sei er schon immer gewesen, sagt Wagner. „Aber das hat mein letztes Vertrauen erschüttert.“ Wagner redet sich in Rage, versteigt sich, spricht vom „drittschlimmsten Verbrechen der deutschen Geschichte“ – er meint den Polizeieinsatz gegen die Demonstranten. Schlimmer sei nur der Holocaust gewesen – und die Niederschlagung des Volksaufstandes in der DDR am 17. Juni 1953.

Natürlich klingt das verrückt. Aber wenn es um die an seiner Blindheit Schuldigen geht, kennt er oft kein Halten. Dann kommt ihm, der sonst so viel überlegt, die Vernunft abhanden. Dann spricht der blanke Ärger. Dann ist er wirklich ein „Wutbürger“. Kein edler Zorn. Er kann nicht anders.

In diesen Momenten wissen auch die, die Wagner auf ein Podest stellen, ihn als Held verehren, nicht so recht mit ihm umzugehen. Als er in seiner Dankesrede sagt, dass die „amerikanischen Besatzer in und um Stuttgart“ schon drei Tage vor dem harten Polizeieinsatz informiert worden seien und auch die Kanzlerin „ihr Ja zu diesem Verbrechen gegeben habe“, versucht selbst die Veranstalterin Hella Schlumberger ihn abzuwürgen. Freundlich, mit einem Blumenstrauß in der Hand, fällt sie ihm ins Wort, doch Wagner ist nicht zu bremsen. Er werde nach Straßburg zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen, kündigt er an. „Die Frage ist, ob der Gerichtshof weniger korrupt ist.“

Das ist der eine Dietrich Wagner. Der andere ist der besonnene. Der als Einziger an diesem Abend bei der Verleihung des Georg-Elser-Preises anzweifelt, ob er wirklich in eine Reihe mit dem Hitler-Attentäter Elser passt. „Ich war nie in Lebensgefahr“, sagt Wagner. „Das ist der Unterschied.“

Seit dem 30. September 2010 hat er rund hundert Interviews gegeben. Manchmal kam er in der Zeitung gut weg, oft schlecht. Selbst Journalisten aus China und Japan haben ihn befragt. Ihm selbst, sagt er an diesem Abend, sei es unangenehm, dass er durch das Foto zur Ikone der Stuttgart-21-Bewegung wurde. „Mir widerstrebt das.“ In Stuttgart und Umgebung könne er nirgends mehr unerkannt hingehen.

Noch immer geht er ständig zu den Demonstrationen gegen den geplanten Tiefbahnhof. Er ist ein Star bei den Protestlern. „Stuttgart 21 ist unter allen Umständen unsinnig“, sagt Wagner. Mehr sagt er nicht zu dem Projekt.

Nur so viel: Auch die neue grün-rote Landesregierung habe nichts geändert, sagt Wagner. „Natürlich ist die neue grüne Regierung hundert Mal besser als Mappus und Konsorten, aber an einer Sühnung des 30. September haben sie auch kein Interesse.“ Darum geht es Dietrich Wagner: Sühne. Er will einen Schuldigen. Doch das der jemals gefunden wird, daran zweifelt er inzwischen. „Ich bin nicht verbittert“, sagt Wagner und drückt den Zigarillo aus. „Nur enttäuscht.“

Phillip Vetter

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