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Die Satelliten wurden von der russischen Trägerrakete nicht an der vorgesehenen Position im All ausgesetzt und kreisen nun in einer völlig falschen Umlaufbahn um die Erde.

Debakel im All

Satelliten für Navi-System auf falscher Bahn

Paris - Eigentlich wollte Europa 2008 über ein eigenes Satellitennavigationssystem verfügen. Bis heute sind Autofahrer aber abhängig von US-Satelliten. Jetzt gab es beim Aufbau des europäischen Systems eine Panne.

„Ein Meilenstein in der Geschichte des Programms“: Mit großen Worten wurde am Freitag der Start von zwei neuen Satelliten für das geplante europäische Navigations- und Ortungssystem Galileo gefeiert. Jetzt herrscht allerdings Entsetzen. Wegen einer schweren Panne während der letzten Flugphase sind die Hightech-Geräte womöglich unbrauchbar. Die Satelliten wurden von der russischen Trägerrakete nicht an der vorgesehenen Position im All ausgesetzt und kreisen nun in einer völlig falschen Umlaufbahn um die Erde.

Eine vollständige Korrektur ist voraussichtlich nicht möglich. Der Fehler scheint so schwerwiegend, dass die Satelliten nicht planmäßig genutzt werden können - wenn sie denn überhaupt genutzt werden können, zitierte das Fachmedium „SpaceNews“ am Wochenende Verantwortliche, die namentlich nicht genannt werden wollten. Vermutlich hätten die Satelliten nicht genügend Treibstoff an Bord, um jetzt noch an die geplante Position zu gelangen, heißt es. Und selbst wenn dies doch gelingen sollte, würde der Treibstoff dann für andere notwendige Manöver fehlen.

Für das mehr als zwölf Milliarden Euro teure „Leuchtturmprojekt“ Galileo ist der mutmaßliche Verlust der beiden Satelliten ein schwerer Rückschlag. Mit den vom Raumfahrtunternehmen OHB in Bremen gebauten Geräten sollte eigentlich die entscheidende Phase des System-Aufbaus eingeleitet werden - mit dem Ziel, spätestens 2020 unabhängig von dem US-amerikanischen GPS zu sein.

Abhängigkeit von anderen Nationen

Dass Europa in einem strategisch wichtigen Bereich wie der Satellitennavigation auf die Technik anderer Nationen angewiesen ist, gilt als problematisch. Alle derzeit verfügbaren Systeme werden nach Angaben der Europäischen Weltraumorganisation (Esa) vom Militär kontrolliert und könnten „bei Bedarf“ - zum Beispiel aus sicherheitspolitischen Gründen - verfälscht oder sogar abgeschaltet werden. Ein Schreckensszenario für Autofahrer, Schiffskapitäne, Rettungsdienste und alle anderen Nutzer.

Welche Auswirkungen die schwere Panne auf den Galileo-Zeitplan haben wird, blieb am Wochenende zunächst völlig unklar. Die am Freitag gestarteten Satelliten waren die ersten beiden von 26 aus der Hauptbaureihe. Lediglich vier Satelliten für die Validierung des Systemaufbaus sind bereits im All. 26 werden für den Regelbetrieb benötigt.

Ursprünglich hatte Galileo bereits 2008 an den Start gehen sollen. Wegen Streitigkeiten unter den Firmen eines einst vorgesehenen Industrie-Konsortiums sowie den Regierungen um den Sitz von Kontrollzentren gab es immer wieder Verzögerungen.

EU-Industriekommissar Ferdinando Nelli Feroci hatte am Freitag zu früheren Schwierigkeiten bei Galileo gesagt: „Was zählt, ist unsere gemeinsame Fähigkeit und Entschlossenheit, Probleme zu lösen, die auftauchen können“. Dies ist nach der jetzigen Panne wohl mehr denn je traurige Wahrheit.

Nur ein schwacher Trost dürfte sein, dass die Galileo-Satelliten nicht die ersten sind, die in einem falschen Orbit ausgesetzt wurden. In den 90er Jahren misslang es dem US-Militär zweimal hintereinander, kostspielige Satelliten mit Titan-Trägerraketen an der richtigen Position im Weltraum auszusetzen. Mit einer Fregat-Oberstufe der Sojus gab es nach Angaben von „Spaceflight Now“ zuletzt 2009 ein schwerwiegendes Problem. Damals setzte sie einen russischen Militärsatelliten in einem falschen Orbit aus.

dpa

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