Schwangere Geisel kehrt umgehend heim

Kabul - Der Alptraum dauerte 36 Stunden. Dann war die in Kabul entführte Christina M. wieder frei. Die im fünften Monat schwangere Mitarbeiterin der Hilfsorganisation Ora wird jetzt in Kürze in Deutschland zurückerwartet.

Die Sirenen klangen noch im Hintergrund, als der Chefermittler der afghanischen Polizei kurz nach Mitternacht verkündete: Die deutsche Geisel ist frei! Erst wenige Stunden zuvor hatten die Entführer ein Video an den Fernsehsender Tolo TV lanciert. Auf dem Band zeigt Christina M. (31) ihren Ausweis und verliest einen in der Landessprache Dari verfassten Text, in dem die Freilassung von Gefangenen gefordert wird.

Zu diesem Zeitpunkt durchkämmten bereits 300 Polizisten das Viertel im Westen Kabuls nach der Geisel. Denn der afghanische Innenminister hatte die Befreiung der 31-Jährigen zur Chefsache gemacht. Wie gestern bekannt wurde, führte der Überbringer des Videobandes die Fahnder ungewollt zum Versteck der Kidnapper. Der Bote war ohne es zu merken vom afghanischen Geheimdienst verfolgt worden.

Wie ein Offizier berichtete, waren die Sicherheitskräfte von der Rückseite aus gewaltsam in das Haus eingedrungen. Nur ein Mann habe die Geisel bewacht, er sei vor den Polizisten geflohen.

Vier Kidnapper wurden nach Angaben des afghanischen Innenministeriums festgenommen. "Die Geiselnehmer hatten keine Chance zu entkommen", sagte Ministeriumssprecher Semarai Baschari. Es handle sich um eine kriminelle Bande. Die Männer hätten zwar nach außen hin die Freilassung von Häftlingen gefordert, tatsächlich sei es ihnen aber um Lösegeld gegangen. Sie hätten eine Million Dollar gefordert.

Christina M. war in Kabul am helllichten Tag aus einem Imbiss gekidnappt worden. Ihr  Ehemann hatte der Entführung hilflos zusehen müssen.

Während der Geiselhaft wurde die schwangere Entwicklungshelferin offenkundig pfleglich behandelt: Sie habe regelmäßig mit ihrem Mann telefonieren dürfen, sagte der Sprecher der Hilfsorganisation Ora International, Ulf Baumann. "Wir sind erleichtert und überglücklich, dass unsere Kollegin befreit wurde." Die Organisation ist seit 2002 in Afghanistan und betreibt dort zwei Kliniken. Ihr Büro wurde vorübergehend geschlossen. Ora-Direktor Toni Großhauser meinte: "Wir haben schon viele Krisen gesehen. Diese muss kein Grund sein aufzuhören."

"Ich bin sehr froh, dass die Entführung so schnell zu Ende gegangen ist", sagte auch Caritas-Landesvertreter Timo Christians in Kabul. Er hofft jetzt, dass die schnelle Befreiungsaktion andere potenzielle Kidnapper abschreckt. "Es wäre verheerend, wenn internationale Helfer als Währung zur Durchsetzung von Forderungen in Mode kommen."

In Berlin würdigte Außenminister Frank-Walter Steinmeier den beherzten Zugriff der afghanischen Polizei und dankte den an der Befreiung der Geisel beteiligten norwegischen Spezialeinheiten. Steinmeier sagte, der jungen Frau gehe es gut; inzwischen habe sie ihre Angehörigen wieder in die Arme geschlossen. Nun bleibe die Aufgabe, den noch in Geiselhaft gehaltenen Rudolf B. zu befreien.

ARD-Reporter hatten am Sonntag von telefonischen Kontakten zu dem 62-Jährigen berichtet. Der Bauingenieur habe gesagt, dass sich sein Gesundheitszustand verschlechtere, und nach Lösegeld gefragt.

Die afghanischen Behörden meldeten gestern noch einen weiteren Fahndungserfolg: Zehn Monate nach dem Mord an zwei deutschen Journalisten in Nordafghanistan sei vergangene Woche der Drahtzieher der Tat in der Provinz Baghlan verhaftet worden. Die beiden Deutsche-Welle-Mitarbeiter waren im Oktober 2006 erschossen worden, als sie in Nordafghanistan zelteten.  mm/dpa/ap

Abstimmung über alle Mandate

Die Bundesregierung plant, über alle drei Afghanistan-Mandate für die Bundeswehr zugleich abstimmen zu lassen. Anfang Oktober soll das Parlament sowohl über die Beteiligung an der internationalen Schutztruppe ISAF als auch an der US-geführten Anti-Terror-Operation "Enduring Freedom" (OEF) sowie den Tornado-Einsatz entscheiden, heißt es in Regierungskreisen. Der SPD käme eine Entscheidung über den umstrittenen OEF-Einsatz vor ihrem Parteitag Ende Oktober gelegen. Wegen der hohen Anzahl ziviler Opfer gibt es bei den Sozialdemokraten erheblichen Widerstand gegen OEF.

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