Coronavirus in Schweden: Fußgänger gehen durch eine weihnachtlich geschmückte Einkaufstraße in Stockholm.
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Coronavirus in Schweden: Die Zahl der Todesfälle im November sind erschreckend hoch (Symbolfoto)

Covid-19

Coronavirus in Schweden: Sonderweg am Ende? Mehr Todesfälle als bei der Spanischen Grippe

  • Martina Lippl
    VonMartina Lippl
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Schweden geht in der Corona-Pandemie seinen eigenen Weg. Das sorgte für Bewunderung, aber auch für Kritik. Der Monat November ist jetzt ein besonders dunkler.

  • Schweden sorgt mit seinem Corona-Sonderweg für viel Aufmerksamkeit, auch außerhalb von Europa.
  • Im Kampf gegen das Coronavirus setzt das Land auf den Staatsepidemiologen Andres Tegnell.
  • Doch die Zahl der Neuinfektionen steigen. Die Zahl aller Todesfälle im November liegt höher als bei der Spanischen Grippe (1918).

Stockholm - Schweden setzt im Kampf gegen das Coronavirus auf lockere Maßnahmen und Appellen an die Vernunft der Bürger. Besonders beim ersten Lockdown im Frühjahr guckten viele Deutsche erstaunt und etwas neidisch auf das skandinavische EU-Land.

Schweden und Deutschland ließe sich nicht vergleichen, hieß es damals sofort, um hierzulande Maßnahmen zu rechtfertigen. Die Altersstruktur, Verteilung der Bevölkerung und auch die Kultur sei völlig unterschiedlich.

Der Sonderweg, vorgegeben von Staatsepidemiologe Anders Tegnell, fordert einen hohen Preis. In den schwedischen Senioren- und Pflegeheimen sterben die Bewohner. Im Vergleich zu den Nachbarländern Dänemark, Norwegen und Finnland sind die Todeszahlen deutlich höher. Im Juni räumt Chef-Epidemiologe Tegnell ein, dass in Schweden zu viele Menschen zu früh gestorben seien. Er sehe „ganz klar Verbesserungspotential für das, was wir in Schweden getan haben.“ Eine Maskenpflicht lehnt Anders Tegnell weiter rigoros ab.

Coronavirus in Schweden - Lockere Zeiten sind vorbei

Die zweite Coronawelle macht vor Schweden keinen Halt. Es sieht schlecht aus. Die Corona-Fallzahlen steigen. Im November meldet das skandinavische Land nun eine erschreckende Zahl: 8088 Menschen starben in diesem Monat. Im Zusammenhang mit dem Coronavirus melden die schwedischen Gesundheitsbehörden seit Beginn der Pandemie 7.667 Todesfälle.

„Das ist die höchste Zahl an Todesfällen, die im Monat November seit 1918, dem Jahr, in dem die Spanische Grippe ausbrach, verzeichnet wurde“, erklärte der SCB-Statistiker Tomas Johansson, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet. Bei der Spanischen Grippe wurden damals 16.600 Tote - mehr als doppelt so viele registriert. Und vor rund hundert Jahren hatte Schweden deutlich weniger Einwohner.

„Laden Sie keinen fremden Elf ein“ - Schwedens spezielle Rat zu Weihnachten

Vor Weihnachten und die bevorstehenden Feiertage hat die schwedische Regierung strengere nationale Vorschriften und Richtlinien veröffentlicht. Die Schweden sollen trotz der „Tradition“ über Weihnachten nur in einem kleinen Kreis treffen. Die Anzahl der Kontakte reduzieren, Abstand zu halten und sich möglichst im Freien zu treffen.

„Versuche nur ein paar Leute zu treffen“, heißt es in der neuen Corona-Richtline. Bei der Zahl der Personen legt sich Schweden nicht fest. Es können vier enge Freunde sein. Eine zehnköpfige Familie könnte aber auch als kleine Gruppe gezählt werden. In einem Rat speziell für den Weihnachtabend heißt es sogar: „Laden Sie niemanden von außerhalb ein, ein Elf zu sein.“

Auch von einer Weihnachtsfeier mit Kollegen rät die Regierung ausdrücklich ab. Weihnachtsessen oder Ähnliches sollten „digital gefeiert“ werden

Besonders Personen aus Risikogruppen sollten nur mit Abstand, am liebsten im Freien getroffen werden. Schon Mitte November verhängte die Regierung verbindliche Einschränkungen*, unter anderem für Treffen in der Öffentlichkeit (maximal acht Personen) und den Verkauf von Alkohol. Nun wächst die Sorge vor Weihnachten. Übrigens: Eine Maskenpflicht gibt es in Schweden weiter nicht.

Enzieht Schweden Chef-Epidemiologen Tegnell das Vertrauen?

Lockdown und schärfere Maßnahmen könnte es jedoch auch bald in Schweden geben. Die schwedische Regierung will ein neues Pandemie-Gesetz einführen, berichtet Spiegel. Mit den Empfehlungen von Staatsepidemiologe Anders Tegnell wäre es dann weitgehend vorbei. Das neue Gesetz soll demnach auf Drängen des Parlaments Mitte März in Kraft treten und auf ein Jahr befristet sein. Zugang zu Orten könnten dann beschränkt und Geschäfte geschlossen werden. Der Zeitplan ist etwas halbherzig. Das Kabinett von Ministerpräsident Stefan Löfven wollte sich eigentlich mit dem Gesetz bis zum nächsten Sommer Zeit lassen, so der Spiegel. Die Regierung tut sich nach Ansicht des Magazins schwer, in der Coronakrise die volle Verantwortung zu übernehmen.

Wie ist die aktuelle Situation in Schweden?

Neuinfektionen liegen momentan auf die Einwohnerzahl heruntergerechnet fast doppelt so hoch wie in Deutschland. Die 14-Tage-Inzidenz liegt in Schweden bei 738,8, nach dem aktuellen ECDC-Bericht (Datenstand: 14. Dezember). Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Wert demnach bei 341.1.

  • In Schweden wurden seit Beginn der Corona-Pandemie 3.631 Corona-Patienten, laut den Schwedischen Gesundheitsbehörden (Stand: 16. Dezember, 11.42 Uhr) auf einer Intensivstation behandelt. Am Vortag waren es nach Angaben der Behörden 3.537 Corona-Patienten. Besonders hoch ist der Anteil in der Altersgruppe zwischen 60 und 69 Jahren so die Behörden. Momentan liegen laut dem Schwedischen Intensivregister (SIR) über 300 Covid-19-Fälle auf eine Intensivstation.
  • In Schweden (rund 10,3 Millionen Einwohner) sind bisher 7.667 Menschen an bzw. mit Covid-19 gestorben (Stand: 15. Dezember 2020).
  • Bisher haben sich 320.098 Menschen in Schweden nachweislich mit Sars-CoV-2 infiziert. (Stand: 15. Dezember 2020)

Die Spanische Grippe von 1918 kostete etwa 50 Millionen Menschen das Leben. Das Coronavirus könnte eine höhere Sterblichkeit verursachen als H1N1, sagen Forscher.(ml) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

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