Monster-Beben: Jetzt droht eine Kernschmelze

Tokio - Ein Erdbeben der Stärke 8,9 mit Tsunami hat Japan ins Chaos gestürzt. Die Regierung löste Atom-Alarm aus, weil mehrere Atomkraftwerke brennen. Es droht eine Kernschmelze. Bis nach Deutschland war der Erdstoß zu spüren.

Lesen Sie auch:

Hilfsorganisationen auf dem Weg nach Japan

Südamerika bereitet sich auf Tsunami vor

Tsunami trifft auf US-Küste

Tsunami erreicht Hawaii

Japan-Beben auch in Deutschland zu messen

Westerwelle: Wohl keine Deutschen von Erdbeben betroffen

Erdbeben: Merkel sichert Unterstützung zu

Beben gehört zu stärksten "seit Menschengedenken"

Hintergrund: So entstehen Tsunamis

Trotz aller Forschung: Erdbeben nicht vorhersehbar

Die größte Naturkatastrophe in der Geschichte Japans hat vermutlich mehrere hundert Menschen in den Tod gerissen. Nach einem Erdbeben der Stärke 8,9 und einem davon ausgelösten Tsunami wurden allein in der Hafenstadt Sendai 200 bis 300 Leichen gezählt, wie die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf die örtliche Polizei meldete. Ersten Schätzungen zu Folge werden bis zu 1000 Tote erwartet.

Die Regierung rief Atomalarm aus, tausende Anwohner eines Reaktors in Fukushima wurden in Sicherheit gebracht. Nach Angaben des Fernsehsenders NHK ist zudem auch der Druck in einem der Reaktoren gestiegen. Es werde derzeit überlegt, “ein wenig“ Luft rauszulassen, um den Druck zu senken. Laut dem Betreiber werde wenn überhaupt nur “wenig“ Luft abgelassen, was einem Experten zufolge ein “üblicher Vorgang“ sei. In zwei Reaktoren des AKW war die Kühlung ausgefallen. Auch sämtliche vier Notgeneratoren waren ausgefallen. Als Folge war das Kühlwasser bedrohlich zurückgegangen. Im äußersten Fall droht laut Experten die Gefahr einer Kernschmelze.

Der Boden geriet am Freitag gegen 14.45 Uhr Ortszeit (06.45 Uhr) in heftige Bewegung. Das Zentrum des Bebens lag 24,4 Kilometer unter dem Meeresboden, 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai und knapp 400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokio. An der Ostküste der japanischen Hauptinsel Honshu fielen daraufhin Gebäude wie Kartenhäuser zusammen, ein gigantischer Tsunami riss Autos, Häuser und Menschen mit, Fabriken explodierten. Das Beben war so stark, dass es bis nach Deutschland zu spüren war.

In Sendai und Umgebung überflutete eine zehn Meter hohe Welle sämtliche Küstengebiete, den Hafen ebenso wie zahlreiche Fischerdörfer. Die Behörden riefen die Küstenbewohner auf, sich in höher gelegene Gebiete oder in obere Stockwerke zu retten. Lastwagen, Gebäude und Menschen wurden von dem Tsunami verschlungen. In Sendai leben etwa eine Million Menschen.

Horror-Beben: Bilder der Verwüstung aus Japan

Erdbeben und Tsunami: Bilder der Verwüstung aus Japan

Feuer in Atomkraftwerken: Kernschmelze droht

Mehrere Nachbeben hielten die Bewohner in Atem. “Es war wie auf einem großen Dampfer mitten im Sturm“, sagte der Schweizer Designer Oliver Reichenstein in Tokio. Wenn man das dreizehnte, vierzehnte und fünfzehnte Mal durchgerüttelt wird, ist man schon zittrig.“ Ministerpräsident Naoto Kan rief Atomalarm aus. Zwar wurden alle Anlagen in der betroffenen Region sofort automatisch heruntergefahren. Das Erdbeben führte dennoch zu Störfällen in zwei Atomkraftwerken, es brachen Feuer aus. Drei Kilometer rund um das Atomkraftwerk Fukushima wurden etwa 2000 Anwohner aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. In einem Gebiet bis zu zehn Kilometern Entfernung sollten die Bewohner in ihren Häusern bleiben, wie der Rundfunksender NHK berichtete.

Nach Experteninformationen aus Japan lief die Notkühlung eines Reaktors in Fukushima nur noch im Batteriebetrieb. Die Batterien lieferten nur noch Energie für wenige Stunden, erklärte die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln unter Verweis auf japanische Angaben. “Im allerschlimmsten Fall droht dann eine Kernschmelze“, sagte GRS-Sprecher Sven Dokter. Was genau passieren könne, sei aber aufgrund der unklaren Lage noch nicht zu beurteilen. Der Greenpeace-Reaktorexperte Heinz Smital erklärte der Nachrichtenagentur dpa, selbst ein abgeschaltetes Atomkraftwerk erzeuge noch so viel Nachwärme, dass man eine Kernschmelze nur dann verhindern könne, wenn die Kühlung sichergestellt sei. Ein Feuer in einem Turbinengebäude des Atomkraftwerk Onagawa wurde nach einigen Stunden gelöscht. Die Betreibergesellschaft erklärte, dass keine radioaktive Strahlung ausgetreten sei.

Merkel und Obama sagen Hilfe zu

Bundeskanzlerin Angela Merkel, die EU und US-Präsident Barack Obama boten Japan rasche Hilfe an. Japan bat die USA um Einsatz der im Land stationierten US-Streitkräfte. Außenminister Guido Westerwelle erklärte, die Kommunikation mit dem Katastrophengebiet sei sehr schwierig. Im Nordosten Japans leben etwa 100 Bundesbürger, so Westerwelle. Hinweise auf deutsche Opfer gab es bisher nicht. Rund um den Pazifik wurden Tsunami-Warnungen ausgelöst. Das Pazifische Tsunami-Zentrum in Los Angeles warnte die Bewohner der gesamten Pazifikküste von Alaska bis Chile vor einer drohenden Flutwelle. Auf Taiwan und Hawaii blieb der befürchtete Tsunami aber aus.

Auch für Indonesien, für die Philippinen und Russland war Tsunamialarm ausgerufen worden. Das Beben ist nach Einschätzung von Forschern mit dem Tsunami im Dezember 2004 in Südostasien vergleichbar. Es sei zwar nicht ganz so groß, aber von ähnlichen Ausmaßen, sagte der Seismologe Michael Weber vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam. Über Monate hinweg kann es auch noch schwere Nachbeben mit Stärken bis zu 8 geben. 

Das sind die gefährlichsten Länder der Erde

Naturkatastrophen: Das sind die gefährlichsten Länder der Erde

dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

15.000-Volt-Leitung stürzt auf ICE
Hamburg - Schreck im Hamburger Hauptbahnhof: Eine Oberleitung reißt und stürzt auf einen einfahrenden Zug. Hunderte Fahrgäste sitzen stundenlang fest.
15.000-Volt-Leitung stürzt auf ICE
Kim Dotcom darf an die USA ausgeliefert werden
Auckland - Der deutsche Internetunternehmer Kim Dotcom darf in die USA ausgeliefert werden. Das entschied ein Gericht in Neuseeland am Montag.
Kim Dotcom darf an die USA ausgeliefert werden
Polizist erschießt mutmaßlichen Einbrecher
Herten - In einer Wohnung in Herten (Nordrhein-Westfalen) schießt ein Polizist auf einen mutmaßlichen Einbrecher. Der Mann soll Beamte angegriffen haben.
Polizist erschießt mutmaßlichen Einbrecher
Hitlers rotes Telefon versteigert
Washington - Ein rotes Telefon aus dem Besitz von Adolf Hitler ist in den USA versteigert worden. Über den Apparat hatte Hitler seine letzten Befehle erteilt.
Hitlers rotes Telefon versteigert

Kommentare