Schwere Verstöße

Organvergabe: Auch Münster im Visier

Berlin - Schwerwiegende Verstöße bei der Vergabe von Spenderorganen hat es außer in Göttingen, Leipzig und München auch in der Uniklinik Münster gegeben.

Neben den Universitätskliniken Göttingen, Leipzig und München hat es auch in Münster schwerwiegende Verstöße bei Lebertransplantationen gegeben. Wie die Prüf- und Überwachungskommission von Ärzten, Krankenhäusern und Kassen am Mittwoch in Berlin mitteilte, wurden dort "systematische Falschangaben" gemacht und Patienten bei der Organvergabe bevorzugt. In Regensburg, das ebenfalls unter Verdacht stand, gab es hingegen 2010 und 2011 keine gravierenden Verstöße.

Nach der Aufdeckung des Organspendeskandals im vergangenen Juli hatte die unabhängige Prüfkommission alle 24 Leberprogramme an den Transplantationszentren unter die Lupe genommen. Insgesamt wurden laut Bundesärztekammer (BÄK) die Krankenakten von 1180 Patienten kontrolliert, die 2010 und 2011 nach dem Tod gespendete Lebern erhalten hatten.

In Göttingen stellten die Prüfer in 79 von 105 untersuchten Fällen schwerwiegende Regelverstöße fest. Es gebe den "Verdacht auf systematische oder bewusste Falschangaben zur Bevorzugung bestimmter Patienten", heißt es in dem Bericht. Der frühere Leiter der Transplantationsmedizin muss sich derzeit vor dem Landgericht Göttingen unter anderem wegen versuchten Totschlags verantworten.

"Eindeutige Anhaltspunkte für systematische Falschangaben" fanden die Prüfer auch in Leipzig, am Münchner Klinikum rechts der Isar und in Münster. Auch in einigen der 20 anderen untersuchten Leber-Zentren gab es "grenzwertige" Fälle, wie Hans Lilie, Mitglied des Prüfteams, sagte. Die Verstöße erfolgten jedoch nicht systematisch. In keinem Fall gebe es zudem Hinweise darauf, dass Privatpatienten bei der Organvergabe bevorzugt worden seien, betonten die beiden Kommissionsvorsitzenden Anne-Gret Rinder und Hans Lippert.

Ärzte-Präsident Frank Ulrich Montgomery erklärte, es sei "äußerst bedrückend zu sehen, wie die Vorgänge in einzelnen Transplantationszentren ein ganzes System ins Wanken bringen". Es müsse nun alles getan werden, das "Vertrauen zurück zu gewinnen und die Organspendebereitschaft dauerhaft zu steigern". Infolge des Organspendeskandals waren die Spenderzahlen in Deutschland dramatisch eingebrochen.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sagte, mit dem Prüfbericht sei "ein Stück mehr Transparenz" geschaffen worden. Er forderte die Bürger auf, sich "einen Ruck zu geben" und für die Organspende zu entscheiden. Diese schenke anderen Menschen "eine zweite Chance auf ein Leben".

Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), sprach sich für eine Überarbeitung der Transplantations-Regeln aus. Dabei gehe es auch um eine "Neujustierung" der Kriterien "Dringlichkeit und Erfolgsaussicht", die bei der Zuteilung eines Spenderorgans ausschlaggebend sind.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) brachte erneut eine Reduzierung der Zahl der bundesweit derzeit mehr als 45 Transplantationszentren ins Gespräch. "Deutschland hat zu viele Transplantationszentren bei zu wenigen Spenderorganen", erklärte GKV-Vize Johann Magnus von Stackelberg. Der Wettbewerb zwischen den Zentren sei wahrscheinlich auch ein Grund für die Manipulationen.

Auch die Grünen forderten weniger Transplantationszentren sowie eine staatliche Kontrolle des Organspendesystems. "Das bestehende System, das den Missbrauch hervorgebracht hat, muss vom Kopf auf die Füße gestellt werden", erklärte Grünen-Fraktionschefin Renate Künast. Bahr habe dies versäumt. Ähnlich argumentierten die Linkspartei und die Stiftung Patientenschutz.

afp

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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