Sexueller Missbrauch an jeder zweiten Schule

Berlin - Das sind erschreckende Zahlen: An 50 Prozent der deutschen Schulen gibt es Verdachtsfälle auf sexuellen Missbrauch, wie eine Studie enthüllt. In Kinderheimen ist die Quote sogar noch höher.

In jeder zweiten deutschen Schule hat es in den vergangenen Jahren einen Verdacht auf sexuellen Missbrauch gegeben. In Internaten lag diese Quote bei 70 Prozent, in Kinderheimen sogar bei 80 Prozent. Das geht aus einer am Mittwoch vorgestellten Studie des Deutschen Jugendinstituts hervor.

“Missbrauch ist nicht ein Thema der Vergangenheit“, sagte die Regierungsbeauftragte Christine Bergmann, die die Studie in Auftrag gegeben hatte. Anlass war der Missbrauchsskandal in diversen kirchlichen und weltlichen Heimen und Jugendeinrichtungen im vergangenen Jahr, bei der teils jahrzehntealte Fälle ans Licht kamen. Über die heutige Situation habe es praktisch kein “systematisches Wissen“ gegeben, sagte DJI-Direktor Thomas Rauschenbach. Nun habe die Studie belegt, dass “das Thema so virulent ist, dass wir es nicht einfach zur Seite schieben können.“

Chronologie der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche

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Die Untersuchung stützt sich auf freiwillige Angaben von rund 1.100 Schulleitern, etwa 700 Lehrern, 325 Heim- und 100 Internatsleitungen. Es geht um alle Fälle, die in der Institution irgendwie bekannt wurden - ob sie nun innerhalb oder außerhalb stattfanden, ob sie sich bewahrheiteten oder nicht. Dabei berichteten 50 Prozent der von dem Institut befragten Schulleiter und Lehrer, dass sie in den vergangenen Jahren mit mindestens einem Verdachtsfall zu tun hatten. Von den Verantwortlichen in Internaten sagten dies knapp 70 Prozent, von jenen in Heimen 80 Prozent.

Als Verdächtige galten danach in den Schulen in rund vier Prozent der Fälle Lehrer, Erzieher oder andere Beschäftigte. In Heimen stand bei jedem zehnten Fall Personal im Verdacht. Dies sei zwar ein vergleichsweise kleiner Anteil, doch wögen solche Fälle besonders schwer, weil Kinder und Eltern den Fachkräften vertrauen können müssen, meinten die Autoren.

Eine zahlenmäßig weit größere Rolle spielte sexuelle Gewalt von Jugendlichen gegen Gleichaltrige: Sie waren an Schulen in 16 bis 17 Prozent der Fälle in Verdacht, bei Übergriffen an Heimen waren es sogar 38,9 Prozent. Davon zeigten sich die Fachleute erstaunt. Bergmann sagte, das müsse weiter erforscht werden.

Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern

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Der größte Teil der Tatverdächtigen kam jedoch gar nicht aus der Institution, sondern aus dem privaten Umfeld. In bis zu 32 Prozent der Fälle, auf die Schulen aufmerksam wurden, galten Verwandte oder Bekannte als Tatverdächtige, bei Heimen lag die Quote bei 48,5 Prozent. Damit deckt sich die Studie mit Erkenntnissen anderer Forscher, wonach Missbrauch am häufigsten in der Familie stattfindet. Die Täter waren weit überwiegend männlich, die Opfer in vier von fünf Fällen Mädchen. Die Übergriffe reichten von Berührungen an den Geschlechtsteilen bis hin zu versuchter oder vollzogener Penetration.

Richtete sich der Verdacht gegen Betreuer oder Lehrer an Schulen, folgten letztlich in 20 Prozent der Fälle arbeits- oder strafrechtliche Konsequenzen, wie es in der Studie weiter heißt. In Heimen und Internaten lag die Quote solcher Konsequenzen bei jeweils 33 Prozent. Waren die Tatverdächtigen Jugendliche, bekamen sie dagegen in mehr als zwei Drittel der Fälle Strafen, meist in Form von Therapieauflagen.

Rauschenbach betonte, viele der Erkenntnisse seien nur erste Anhaltspunkte. Doch ließen sie den Schluss zu, dass das Thema in der Ausbildung von Lehrern und Erziehern eine größere Rolle spielen müsse. “Die Pädagogen müssen sich mit dem Thema befassen.“ Auch Bergmann sagte: “Noch hat die Gesellschaft nicht alles gelernt.“ Nötig sei ein Klima der Offenheit.

dapd

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