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In diesem Haus im Süd-Londoner Stadtteil Lambeth lebte die vermeintliche "Kommune".

Sektenkult-Theorie

Schwängerte der Sklavenhalter ein Opfer?

London - Neue Erkenntnisse im Fall der Sklavinnen von London: Die Frauen wohnten mit ihrem Peiniger offenbar in einer Art Kommune, bis das Zusammenleben in Gewalt und Abhängigkeit ausartete.

Die Hintergründe für den Fall von moderner Sklaverei in London sind vermutlich in einer aus dem Ruder gelaufenen sektenähnlichen Organisation zu suchen. Die beiden mutmaßlichen Sklavenhalter sind 67 Jahre alt und stammen aus Indien und Tansania, wie Scotland Yard am Samstag in der britischen Hauptstadt erklärte. Sie seien in den 1960er Jahren nach Großbritannien gekommen.

Wahrscheinlich hätten zwei der Opfer, die mehr als 30 Jahre lang in einem Haus in London festgehalten worden waren, den Mann aufgrund einer "gemeinsamen politischen Ideologie" getroffen und dann gemeinsam in einer Art "Gemeinschaft" gewohnt. „Irgendwie muss die Kommune beendet worden sein und am Ende lebten die Frauen mit den Verdächtigen zusammen“, sagte Rodhouse. „Wir glauben dass körperlicher und seelischer Missbrauch für alle drei Opfer zutrifft“, sagte er. Am Vortag hatte er von „Schlägen“ gesprochen und einer Art „Gehirnwäsche“, der die Frauen unterzogen worden waren.

Nach Informationen des „Guardian“ wird geprüft, ob die 30-jährige Britin die Tochter der 57 Jahre alten Irin ist. Es gebe auch Hinweise darauf, dass der "Sektenführer" ihr Vater sein könnte. Während der bisherigen Beweissicherung sei die Geburtsurkunde der 30-Jährigen das einzige offizielle Dokument, das gefunden werden konnte. Die junge Frau hatte offenbar nie eine geregelte Schulbildung erhalten. Sie werde jedoch von Experten nach ihrer Befreiung als „intelligent“ beschrieben. Sie sei auch des Lesens und Schreibens mächtig.

Die Polizei prüfe auch, warum die 30-Jährige, die nach bisherigen Informationen ihr gesamtes Leben in Gefangenschaft verbracht hat, nicht vom sozialen Netz in Großbritannien aufgefangen wurde, schreibt die Zeitung weiter. Ihre Geburt sei offiziell registriert worden, es gebe aber keine Aufzeichnungen über die in Großbritannien üblichen Hausbesuche von Hebammen und Sozialarbeitern.

Die beiden Tatverdächtigen waren 1970 bereits einmal festgenommen worden. Die Polizei machte keine Angaben über die Hintergründe für die damalige Festnahme. Beim dritten Opfer handelt es sich um eine 69 Jahre alte Malaysierin. Welche Rolle die ebenfalls tatverdächtige Ehefrau des Mannes in dem Fall spielt, war noch unklar.

Langwierige Ermittlungen erwartet

„Welche Leute dabei waren, welche Art von Kommune das war und wie sie funktionierte, all das ist Gegenstand unserer Ermittlungen und wir fügen langsam und peinlich genau mehr Informationen zusammen“, sagte Scotland-Yard-Chefermittler Steve Rodhouse. Die Informationen würden "langsam und gründlich gesammelt".

Nach Einschätzung von Polizeiinspektor Kevin Hyland kann es aber noch "Wochen oder Monate" dauern, bis alle Puzzleteile zusammengesetzt sind. Die Befragung der schwer traumatisierten Opfer brauche Zeit. Das Tempo müssten die Opfer bestimmen. „Man kann sie jetzt nicht bombardieren“, sagte Aneeta Prem von der Hilfsorganisation Freedom Charity, die maßgeblich an der Befreiung der Frauen am 25. Oktober mitgewirkt hatte. Die Hilfsorganisation habe auf ihrer Hotline nach Bekanntwerden des Falles eine Vervielfachung der Hilferufe festgestellt, sagte sie.

Scotland Yard hatte bereits am Freitag erklärt, der Fall passe nicht in das Schema von Menschenhandel, Zwangsarbeit und Sklaverei, das von anderen Fällen bekannt sei.

Mehr als 1000 "Sklaven" in Großbritannien

Der Londoner Fall sei nur „die Spitze eines ziemlich großen Eisbergs, sagte der Unterhaus-Abgeordnete Frank Field am Samstag der BBC. Field ist Vorsitzender eines Parlamentsausschusses, der ein Anti-Sklaverei-Gesetz im Parlament vorbereitet. Mit Versklavung, Menschenhandel und Zwangsarbeit in Fabriken und auf Feldern würden in Großbritannien große Geldsummen verdient. Die Spanne reiche von sexueller Ausbeutung, etwa in Bordellen, bis zu Bettler-Gangs, die ins Land gebracht würden. Die Opfer hätten oft keinerlei Möglichkeiten sich verständlich zu machen, seien der englischen Sprache nicht mächtig und von den Polizeimethoden in ihren Heimatländern auch vom Gang zu den Behörden abgeschreckt. „Es gibt eine ganze Palette von Themen und wir müssen endlich aufwachen“, sagte er.

In Großbritannien wurden laut einem Bericht im Jahr 2012 mehr als 1000 Menschen in moderner Sklaverei gehalten. Das geht aus dem Jahresbericht des Centre for Social Justice hervor. Die Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer weit höher liegt. Unter den bekanntgewordenen Fällen seien auch Hunderte Kinder.

Bis zu 30 Millionen moderne Sklaven weltweit

Sklaverei bedeutet juristisch, dass Menschen andere Menschen ohne Beachtung von deren Grundrechten und Wünschen wie ihr Eigentum behandeln. Die 1948 von der UN-Generalversammlung angenommene Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verbietet ausdrücklich „Sklaverei und Sklavenhandel in allen ihren Formen“.

Allerdings existiert moderne Sklaverei bis heute als Zwangsarbeit von Erwachsenen und Kindern im Bergbau, in der Landwirtschaft oder im Haushalt. Oft ist moderne Sklaverei verbunden mit sexueller Ausbeutung. Viele Opfer leben in Schuldknechtschaft oder wurden zur Heirat gezwungen. Zur modernen Sklaverei gehören „verkaufte“ Kinder in Westafrika und Indien ebenso wie Zwangsprostituierte in Europa. Laut EU-Kommission werden jedes Jahr Hunderttausende Menschen nach Europa verschleppt. Drei Viertel müssen als Prostituierte arbeiten, betteln oder schwere körperliche Arbeit ohne Lohn verrichten.

Die geschätzten Zahlen der weltweit in Sklaverei lebenden Menschen gehen weit auseinander. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation ILO sind etwa 20,9 Millionen Menschen betroffen, etwa die Hälfte davon sind Kinder oder Jugendliche. Mehrere Menschenrechtsorganisation gehen davon aus, dass weltweit 29 bis 30 Millionen Menschen in Verhältnissen leben, die der Sklaverei ähneln.

Einer Studie der australischen Stiftung „Walk Free“ zufolge ist die Lage in Mauretanien gemessen an der Bevölkerung am schlimmsten. Obwohl das westafrikanische Land 1981 als weltweit letzter Staat die Sklaverei offiziell verbot, gibt es dort heute 150.000 Sklaven unter insgesamt 3,8 Millionen Einwohnern. In absoluten Zahlen lebten mit 14 Millionen Betroffenen die meisten Sklaven in Indien. Es folgen China mit 3 Millionen und Pakistan mit 2,1 Millionen. In Deutschland sollen dieser Übersicht zufolge rund 10.000 Menschen wie Sklaven leben.

dpa

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