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Eines der Opfer im Prozess gegen acht arabische Prinzessinnen kommt im Mai in Brüssel in den Gerichtssaal. Anwälte haben unmenschliche Arbeitsbedingungen für die Dienerschaft der Angeklagten geschildert. 

Verhandlung in Brüssel

Sklaverei im Hotel: Urteil gegen arabische Prinzessinen

Acht Prinzessinnen aus dem Morgenland bewohnen die komplette Etage eines Luxushotels. Ihre Dienstboten aber erleben alles andere als ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Jahre später sprechen Richter ein Urteil in dem Fall, der Licht auf moderne Sklaverei wirft.

Update, 16 Uhr:

 Das Urteil ist 95 Seiten lang. Die Vorsitzende Richterin braucht über eine Stunde, um es vorzulesen. Mehrmals greift sie zum Wasserglas. Das Schriftstück enthält viele Details über die erniedrigenden Bedingungen, unter denen die Angestellten einer Scheich-Witwe und sieben ihrer Töchter in einem Brüsseler Hotel arbeiten mussten. Es ist eine Geschichte über Sklaverei, wie sie heute noch existiert, auch mitten in Europa.

Gerade mal zehn Gehminuten liegen zwischen dem Gericht im prunkvollen Brüsseler Justizpalast, wo das Urteil am Freitagmorgen verkündet wird, und dem mittlerweile neugeführten Luxushotel, wo die Prinzessinnen 2007 und 2008 mit ihrer Entourage residierten. Den gesamten vierten Stock hatte die Familie aus den Vereinigten Arabischen Emiraten für sich gemietet.

Ständig einsatzbereit, jedem noch so kleinen und großen Wunsch der acht Prinzessinnen erfüllen, arbeiten Tag und Nacht, ohne Aussicht auf Erholung und faktisch eingesperrt: Die so sahen laut Urteil die Arbeitsbedingungen aus, unter denen die mehr als 20 Bediensteten unterschiedlicher Herkunft für die Hoheiten schuften mussten.

Zuvor hatte die Familie die Frauen unter falschen Versprechungen für ihre Dienste angeworben, einigen wurden die Pässe abgenommen. Bekannt wurden die Zustände, weil Bedienstete flüchteten und die Behörden informierten.

Urteil wegen Menschenhandels

Jetzt wurden die Prinzessinnen wegen Menschenhandels und erniedrigender Behandlung ihrer Angestellten zu jeweils 15 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Außerdem soll jede eine Geldstrafe in Höhe von 165 000 Euro zahlen. Davon ist laut Richterspruch jeweils nur die Hälfte sofort fällig.

Die Auszahlung des Restbetrags ist nur dann fällig, wenn sich die Prinzessinnen nach belgischem Recht etwas zu Schulden kommen lassen. Die Familie hat aber längst das Land verlassen. Vertreten werden sie vor Gericht, wie ihre Opfer auch, von Anwälten.

Die Ankläger hatten jeweils 18 Monate und insgesamt fast 1,9 Millionen Euro gefordert. Das Urteil fiel laut Richtern milder aus, weil seit den Taten immerhin neun Jahre vergangen sind. Dem Start des Prozesses im Mai dieses Jahres war ein jahrelanges juristisches Hin und Her vorausgegangen.

Verstöße gegen das Sozial- und Arbeitsrecht sahen die belgischen Richter zudem als nicht erwiesen an: Nicht die Prinzessinnen, sondern ein Privatunternehmen mit Sitz in den Vereinigten Arabischen Emiraten war Arbeitgeber der Angestellten. Dass die Inhaber der Firma Mitglieder der Scheich-Familie sind, wie die Anklage schon zu Beginn der Verhandlungen darlegte, fiel für die Richter nicht ins Gewicht.

Einige Opfer erhalten Geld für den erlittenen „moralischen Schaden“, nicht für den erlittenen materiellen Schaden. Die Beträge variieren, mal sind es 5000, mal 1800 Euro. Ein Anwalt hatte deutlich mehr gefordert. Berufung ist möglich.

Sklaverei immer noch ein Problem

„Die Prinzessinnen waren effektiv die Arbeitgeber unserer Mandantinnen“, kritisiert Nebenklägervertreter Jean-Pierre Jacques nach dem Urteil. Gleichzeitig seien er und seine Kollegen zufrieden, weil das Gericht deutlich festgestellt habe, „dass es sich um eine moderne Form von Sklaverei handelt“.

Diese ist, wie der Prinzessinnen-Fall zeigt, noch immer ein Problem. Zwar ist Sklaverei international verboten, sie existiert faktisch dennoch. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) werden weltweit fast 21 Millionen Menschen zur Arbeit in Fabriken, auf Feldern, in Privathaushalten oder auf Baustellen gezwungen.

Auch in Europa gebe es eine hohe Dunkelziffer, heißt es bei der gemeinnützigen Organisation International Justice Mission (IJM). Zwar geht die Zahl der Ermittlungsverfahren wegen Menschenhandels in Deutschland seit Jahren zurück. Es werde allerdings kaum Anzeige erstattet, so die Organisation.

Viele Fälle des weiter gefassten Sklaverei-Begriffs, der auch Formen von Prostitution umfasst, hätten zudem eine internationale Dimension, erklärt der IJM-Vorstandsvorsitzende Dietmar Roller: etwa über Urlauber, die beim Asien-Aufenthalt Kinder missbrauchten, oder über Lieferketten, in denen Sklaverei zu finden ist. „Oder eben bei den arabischen Prinzessinnen, die ihre Haussklaven nach Europa mitbringen“, sagt Roller.

Der Vorbericht:

Brüssel - Eine Witwe eines arabischen Scheichs und ihre Töchter sollen in einem Brüsseler Hotel ihre Bediensteten wie Sklaven ausgebeutet haben.

In dem als "Prinzessinnen-Prozess" bekannt gewordenen Verfahren gegen die Frauen und einen Verwalter wird nun das Urteil in Brüssel erwartet. Den Angeklagten drohen Haft und eine Geldstrafe von insgesamt fast 1,9 Millionen Euro.

Scheichfamilie residierte im Luxushotel 

Die Ereignisse, auf die sich der Prozess bezieht, liegen inzwischen mehr als neun Jahre zurück: Die Scheichfamilie hatte eine gesamte Etage eines Luxushotels in der belgischen Hauptstadt auf Jahresbasis gemietet. Dort mussten die mehr als 20 Angestellten den Prinzessinnen laut Anklägern Tag und Nacht zu Diensten sein.

Beim Auftakt der Verhandlungen im Mai kamen einige der Angestellten selbst zu Wort. Sie schilderten, wie ihnen ihre Pässe abgenommen, sie eingesperrt und sie als "Kühe, Hündinnen und Huren" beschimpft worden seien. Auch entsprechenden Lohn sollen sie nicht bekommen haben. Bekannt wurden die Zustände, weil Dienstmädchen flohen und die Behörden informierten.

Moderne Sklaverei

Die Anklage wirft den Prinzessinnen Menschenhandel, Freiheitsberaubung sowie unmenschliche und erniedrigende Behandlung ihrer Opfer vor. Die Witwe und ihre Töchter waren bei der Verhandlung bisher nicht anwesend und wiesen die Anschuldigungen zurück.

Vertreten werden die Frauen durch ihre Verteidiger. Diese fordern Freisprüche für ihre Mandantinnen. Sie argumentierten, ein Privatunternehmen habe die Arbeitsverträge mit den Betroffenen abgeschlossen und sei deshalb auch rechtlich für deren Behandlung verantwortlich. Die Scheichfamilie ist allerdings der Firmeneigner.

Der prominente Fall wirft Licht auf Formen der modernen Sklaverei. Diese ist zwar international verboten, existiert faktisch dennoch. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) werden weltweit fast 21 Millionen Menschen zur Arbeit in Fabriken, auf Feldern, in Privathaushalten oder auf Baustellen gezwungen.

Auch in Europa gebe es eine hohe Dunkelziffer, heißt es bei der gemeinnützigen Organisation International Justice Mission. Zwar geht die Zahl der Ermittlungsverfahren wegen Menschenhandels in Deutschland seit Jahren zurück. Viel Fälle würden aber nicht zur Anzeige gebracht, so die Organisation.

Für Schlagzeilen und Diskussionen sorgte kürzlich ein saudischer Diplomaten, der einen tödlichen Rad-Unfall in Berlin verursacht hatte.

dpa

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