Spanien fassungslos: Unfallfahrer verklagt Eltern getöteten Radlers

Madrid - Ein 43-jähriger Unternehmer hat vor dreieinhalb Jahren einen Jungen tot gefahren. Jetzt verklagt er dessen Eltern auf Schadenersatz.

Donnerstag, 26. August 2004: Im nordspanischen Weinbaugebiet La Rioja ist Enaitz Iriondo mit seinem Rad auf dem Rückweg zu dem Campingplatz, wo er mit seinen Eltern und seiner Schwester die Sommerferien verbringt. Den Nachmittag hatte er mit Freunden in einem nahegelegenen Dorf verbracht. Es ist bereits dunkel, und der Junge legt die Strecke auf einem Feldweg neben der Landstraße zurück. Als er diese auf der Höhe des Campingplatzes überqueren will, übersieht er ein Stop-Schild und wird von einem Auto erfasst. Der 17-Jährige wird 20 Meter durch die Luft geschleudert. Er ist sofort tot.

In dem Polizeibericht heißt es, der Autofahrer sei mit rund 113 Stundenkilometern unterwegs gewesen, erlaubt sind dort nur 90. Auch habe der Mann etwas Alkohol im Blut gehabt, jedoch unterhalb der erlaubten Promillegrenze. Die Beamten halten auch fest, dass Enaitz weder eine reflektierende Weste noch einen Helm trug. Die Eltern des Jungen strengen einen Prozess gegen den Fahrer an. Nach Berechnungen der von ihnen bestellten Gutachter raste der Wagen zum Unfallzeitpunkt mit 173,9 km/h über die Landstraße. Außerdem sei der Alkoholtest erst eineinhalb Stunden später gemacht worden, der Wert müsse also höher gewesen sein. Die Klage wird jedoch abgewiesen, von der Versicherung des Fahrers erhält die Familie 33 000 Euro Schmerzensgeld.

Dreieinhalb Jahre später bekommen Enaitz' Eltern eine Gerichtsvorladung ins Haus. Der Unfallfahrer hat nun sie verklagt - auf Schadensersatz. Der 43-Jährige verlangt von ihnen knapp 20 000 Euro für die Schäden, die bei dem Zusammenprall mit Enaitz an seinem Auto entstanden sind sowie für den Ersatzwagen, den er damals gemietet hatte. An diesem Mittwoch soll das Urteil gesprochen werden.

Der Fall hat in Spanien blankes Entsetzen ausgelöst, angefangen bei den fassungslosen Eltern des Jungen. "Dieser Mann ist ein Unmensch, ein Monster", sagt Enaitz' Mutter Rosa. "Er ist ein Mörder, er hat meinen Sohn umgebracht." Dass die Klage überhaupt zugelassen wurde, kann auch Vater Antonio nicht verstehen. "Ein Auto scheint für die Justiz wichtiger zu sein als ein Menschenleben." Was viele Spanier in Rage bringt, ist auch die Attitüde des Klägers. Der 43-jährige Familienvater räumte ein, dass er auf das Geld nicht angewiesen sei, weil er als Unternehmer gut verdiene. "Ich sehe aber auch nicht ein, warum ich darauf verzichten sollte." Der Schritt sei ihm nicht leicht gefallen, aber auch er sei ein Opfer. "Das mit dem Jungen lässt sich nicht mehr richten, meine Sache aber schon."

Für spanische Unfallopferverbände ist der Fall beispielhaft für die Einstellung vieler Autofahrer in dem Land. Sie beklagen ein mangelndes Bewusstsein, wenn es darum geht, sich im Straßenverkehr an die Regeln zu halten. Trotz der Einführung des Punkte-Führerscheins und verschärfter Strafen seien noch zu viele Raser, Drängler oder alkoholisierte Fahrer unterwegs. Für den 43-jährigen Kläger könnte der Schuss indes nach hinten losgehen. Angesichts der landesweiten Empörung hat die Staatsanwaltschaft angekündigt, das seinerzeit eingestellte Verfahren gegen ihn neu aufzurollen. Anhand der Berichte der Gutachter der Eltern soll nun geprüft werden, ob gegen den Mann ein Strafprozess eröffnet wird.

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