Beginn einer durchgreifenden Islamisierung?

Sprecherin mit Kopftuch in Ägyptens Staats-TV

Kairo - Ägyptens Fernsehzuschauer müssen sich an einen neuen Anblick gewöhnen: Im Staats-TV haben am Sonntag zum ersten Mal Sprecherinnen mit Kopftuch die Nachrichten verlesen. Ist dies der Beginn einer durchgreifenden Islamisierung?

Den Auftakt machte die bisherige Redakteurin Fatma Nabil mit den Mittagsnachrichten. Seit der Gründung des Staatsfernsehens in den 1960er-Jahren zeigten Nachrichtensprecherinnen ihr Haar stets unverhüllt. Nun sollen neben Nabil drei weitere Kopftuchträgerinnen in Nachrichtensendungen als Sprecherinnen auftreten.

Alle vier hatten bislang hinter der Kamera gearbeitet und waren nach Eignungstests für ihre neue Aufgabe ausgewählt worden, wie die Fernsehleitung auf Nachfrage mitteilte. Die Neuerung erfolgte zwei Monate nach dem Amtsantritt des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi. Unter dessen Vorgänger, dem 2011 gestürzten Husni Mubarak, war es Moderatorinnen und Sprecherinnen verboten, in ihren Sendungen mit Kopftuch aufzutreten.

Nach gängigen Auslegungen der islamischen Religionsgrundsätze sind Frauen dazu verpflichtet, das Kopfhaar zu verhüllen. Andere Deutungen leiten daraus lediglich das Gebot ab, dass Frauen ein unaufdringliches Erscheinungsbild pflegen sollen. Das Tragen des Kopftuchs sei demnach eine persönliche Entscheidung. Säkulare Regierungen in islamischen Ländern - so bis vor kurzem in der Türkei - trachten danach, das Kopftuch aus der öffentlich-staatlichen Sphäre zu verbannen.

In Ägypten löste jedenfalls der erstmalige Auftritt der verhüllten Sprecherinnen gemischte Reaktionen aus. Viele Zuseher erblickten darin lediglich die Anpassung an eine seit längerem zu beobachtende gesellschaftliche Entwicklung. In deren Verlauf sind in den letzten Jahren immer mehr Frauen dazu übergegangen, das Kopftuch zu tragen.

Andere Stimmen befürchten wiederum, dass die kopftuchtragenden Sprecherinnen nur die Vorbotinnen einer durchgreifenden Islamisierung der Medienlandschaft sein könnten. Sie verweisen darauf, dass die religiös-konservative Muslimbruderschaft, aus der Mursi kommt, langfristig ein Programm des Umbaus der Gesellschaft auf der Grundlage des islamischen Rechts (Scharia) verfolgt. „Ich befürchte nur“, meinte die Fernseh-Journalistin Mona Salman, „dass sich das Blatt wendet und irgendwann unverhüllte Frauen im Fernsehen verboten sein werden.“

dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mindestens 45 Tote bei Waldbränden in Portugal und Spanien
Portugal und Spanien trauern um die Opfer der Waldbrände: Mindestens 45 Menschen sind in den Flammen ums Leben gekommen, mehrere Dutzend weitere wurden verletzt.
Mindestens 45 Tote bei Waldbränden in Portugal und Spanien
Misshandelter Elfjähriger aus Neuss gestorben
Der vor fast zwei Wochen in einer Neusser Wohnung mit lebensbedrohlichen Verletzungen gefundene Junge ist tot.
Misshandelter Elfjähriger aus Neuss gestorben
Ausstellung über Klima und Evolution in Halle
Halle (dpa) - Drei Höhlenlöwen jagen ein Mammut und ihr Junges - diese Szene mit den lebensecht erscheinenden Tieren ist beim Landesmuseum Halle in Sachsen-Anhalt …
Ausstellung über Klima und Evolution in Halle
Landwirt soll 189.000 Euro für kurze Straße zahlen 
Es ist nur ein kurzes Stück, doch es ist ganz schön teuer: 189.000 Euro soll ein Landwirt in Schleswig-Holstein für den Straßenausbau zahlen. Ursprünglich sollte der …
Landwirt soll 189.000 Euro für kurze Straße zahlen 

Kommentare