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Erster Fall von Sterbehilfe in Italien – doch diese bleibt eine rechtliche Grauzone

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Von: Kai Hartwig

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Die Sterbehilfe ist in Italien verboten, ein Mann durfte diese nun trotzdem beanspruchen. Doch die Rechtslage ist kompliziert – auch in Deutschland.

Rom – Es ist ein heikles Thema, das auch in Deutschland seit Jahren kontrovers diskutiert wird: Die Sterbehilfe. Andere Länder habe die Sterbehilfe inzwischen zugelassen. Auch in Italien machte ein Verfassungsgerichtsurteil diese 2019 auch dort unter gewissen Voraussetzungen möglich.

Erster Sterbehilfe-Fall in Italien: 44-jähriger Mann erhielt Erlaubnis für Suizid unter medizinischer Beihilfe

Jetzt hat in Italien erstmals ein Mensch mit Einverständnis der Behörden Suizid unter medizinischer Beihilfe begangen. Der 44-jährige Federico Carboni „starb heute Morgen um 11.05 Uhr (...) nach Selbstverabreichung des tödlichen Medikaments durch eine spezielle Maschine“, hieß es in einer Erklärung des Verbandes Luca Coscioni am Donnerstag (16. Juni).

Der schwer kranke Mann litt demzufolge unter Tetraplegie. Dabei handelt es sich um eine Form der Querschnittslähmung. Carboni hatte bis 2010 als Lkw-Fahrer gearbeitet, ehe seine Wirbelsäule bei einem Unfall schwer geschädigt wurde. Nach seiner Verletzung habe er „alles getan, um so gut wie möglich zu leben“, wird Carboni von dem Verband zitiert. Doch dies sei ihm nicht gelungen, er habe sich nicht von den Verletzungen erholen können: „Jetzt bin ich sowohl geistig als auch körperlich am Ende“, sagte der Sterbehilfe-Empfänger vor seinem Tod.

Carboni habe sich selbst zuletzt „wie ein Boot, das auf dem Ozean treibt“, empfunden. „Ich habe keine Unabhängigkeit im täglichen Leben, ich bin den Ereignissen ausgeliefert, ich bin in allem von anderen abhängig.“ Nach seinem Tod sei er „endlich frei“.

Krankenschwestern betreuen auf der Intensivstation einen Patienten
Schwerkranke Patienten können unter gewissen Voraussetzungen Sterbehilfe in Anspruch nehmen. (Symbolbild) © Patrick Seeger/dpa

Italien: Erster Fall von Sterbehilfe – Rechtslage seit Verfassungsgerichtsurteil schwierig

Mehrfach hatte Carboni einen Antrag auf ärztlich assistierten Suizid gestellt. Der war jedoch wiederholt abgelehnt worden. Erst ein Team von Anwälten des Verbandes Luca Coscioni setzte den Wunsch des Schwerkranken durch. Ende 2021 erteilte eine italienische Ethikkommission die Erlaubnis zur Sterbehilfe. Und löste mit dieser Entscheidung im teils sehr konservativ-katholischen Italien heftige Diskussionen aus.

Die Rechtslage bezüglich der Sterbehilfe ist dort kompliziert. Eigentlich ist es in Italien illegal, jemandem bei der Selbsttötung zu helfen. Wer dies tut, kann dafür mit einer Haftstrafe von fünf bis zwölf Jahren bestraft werden. Seit einem Urteil des Verfassungsgerichts von 2019 gilt die Sterbehilfe jedoch nicht immer als Straftat. Wenn jemandem mit einem „unerträglichen“ Leid geholfen wird, der zu einer eigenen Entscheidung in der Lage ist, ist der begleitete Suizid erlaubt, hieß es in dem Urteil.

Aktuell bewegt sich die Sterbehilfe in Italien also in einer gesetzlichen Grauzone. Daher musste Carboni auch die Kosten in Höhe von 5.000 Euro für Geräte und Medikamente, die sein Suizid unter medizinischer Beihilfe verursacht hatte, selbst aufbringen. Eine Crowdfunding-Aktion des Verbands Luca Coscioni half dabei, die Summe aufzutreiben.

Sterbehilfe: In Deutschland eine gesetzliche Grauzone – Verfassungsgericht hob grundsätzliches Verbot auf

Auch in Deutschland gab es 2020 ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass die Sterbehilfe rechtlich neu einordnet. Bis dahin war der assistierte Suizid bundesweit eine Straftat. Es griff ein 2015 erlassenes Gesetz, das „die geschäftsmäßige Sterbehilfe“ verbot.

Einer Klage von Betroffenen, Vereinen für Sterbehilfe und Ärzten gegen dieses Gesetz gaben die Verfassungsrichter recht. Das Bundesverfassungsgericht erklärte das Verbot, die Selbsttötung „geschäftsmäßig zu fördern“ für verfassungswidrig. Das entsprechende Strafgesetz wurde anschließend aufgehoben.

Wie in Italien ist die Sterbehilfe auch hierzulande rechtliche Grauzone, im Mai 2022 befasste sich der Bundestag mit dem Thema. Aktive Sterbehilfe ist weiterhin verboten. Als wichtiges Merkmal der passiven Sterbehilfe gilt der Umstand, dass der Sterbehilfe-Empfänger das Medikament, welches sein Ableben einleitet, eigenständig einnimmt. (kh mit afp)

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