Umfrage

Sterben? Fürs Vaterland nicht mehr

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München - Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Viele Europäer waren damals bereit, fürs Vaterland zu sterben. Heute zählt die Familie am meisten. Dies ergab eine Umfrage in neun Ländern.

Europäische Einigung und Jahrzehnte des Friedens haben bewirkt, dass den Menschen heute die kleinste Einheit, die Familie, am wichtigsten ist. Noch vor hundert Jahren standen hier andere Werte wie die Nation, der Glauben und politische Ideale. Eine Online-Umfrage von Deutschlandradio, ARD und Radio France und Radiosendern aus Belgien, Kanada, Österreich, Polen, der Schweiz, dem Senegal und Rumänien zeigt diesen Wandel der Werte. Die grundlegende Frage lautete „Für wen oder was sind Sie bereit, sich zu engagieren und notfalls das eigene Leben aufs Spiel zu setzen?“

Das Leben opfern, womöglich fürs Vaterland – das klingt heute für die meisten völlig fremd. Doch für den Intendanten von Deutschlandfunk Willi Steul ist es „eine Frage, die gestellt werden muss“. Wenn er an den Ersten Weltkrieg denke, dann sofort an die Gräuel von Verdun, und an „Studenten, die in ganzen Semestergenerationen mit Blumen in den Gewehrläufen in den Krieg gezogen sind, begeistert und ausdrücklich bereit, ihr Leben zu geben“. Und weit weg ist der Krieg auch heute nicht, erinnert Steul: „Vor 20 Jahren begann ein Krieg auf dem Balkan.“ Zudem denke er an „verwirrte, an indoktrinierte Kinder, Jugendliche, die sich Bomben umschnallen“.

Ein Ergebnis der Umfrage: Für Deutsche oder Schweizer ist heute der Gedanke fremd, das Leben aufs Spiel zu setzen. In Polen dagegen ist die Bereitschaft zu wagemutigem Heldenmut offenbar größer. Von den mehr als 20 000 Teilnehmern insgesamt in allen Ländern waren durchschnittlich nur ein Fünftel bereit, notfalls das eigene Leben für die Nation zu riskieren. Einzig in Polen würde die Hälfte der Befragten fürs Vaterland sterben.

Auch die Religion hat in Polen mit 36 Prozent einen weit höheren Stellenwert als in anderen Ländern – zum Vergleich: In Deutschland würden nur 7,8 Prozent der Menschen im äußersten Fall ihr Leben für den Glauben an Gott riskieren. Aber 89 Prozent würden im äußersten Fall für ihre Familie sterben. Allerdings ist hierzu die Bereitschaft im Alter von 35 bis 54 Jahren am höchsten – danach nimmt die wieder ab. An zweiter Stelle direkt hinter der Familie stehen für die Deutschen „weltanschauliche Ideale“ (44,3 Prozent). Für ihr Vaterland würden heute nur 16,6 Prozent ihr Leben geben.

Gefragt wurde auch nach den drei wichtigsten Werten, für die sich die Zivilgesellschaft einsetzen sollte – und auch hier zeigten sich Unterschiede zwischen den Nationen. Während für die Deutschen Freiheit (47,8 Prozent), Frieden (46,1 Prozent) und Gerechtigkeit (39,7 Prozent) zu den wichtigsten Werten gehören, treten die Franzosen hier für für Solidarität, Ökologie und Bildung ein. Die Polen stellen dagegen Familie, Vaterland und den Glauben an Gott in den Vordergrund. Die Schweizer heben Respekt, Solidarität, Ökologie an die Spitze, die Belgier Solidarität, Respekt, Bildung – und auffällig viele Kanadier entschieden sich für neben Bildung auch für Gleichheit.

Die Deutschen gehen für ihre Werte lieber auf die Straße als die anderen Nationen – auch dies zeigt die Studie. Auf die Frage: „Wie wären Sie bereit, sich persönlich für die Realisierung dieser Werte einzusetzen?“ antworteten die Deutschen: Durch Respekt für diese Werte im Alltag (89,9 Prozent), durch Teilnahme an Wahlen (77,3 Prozent) und durch die Teilnahme an Straßendemonstrationen (56,6 Prozent). Letzterer Punkt taucht bei keiner der anderen Nationen auf, die oberen beiden dagegen schon. In Belgien, Polen und Kanada setzt man statt auf Demos auf „moralische Unterstützung“, in der Schweiz und in Frankreich auf den „Beitritt zu einem Verein".

Susanne Sasse

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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