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Laut Studie: Richter berufen sich für Entscheidungen immer öfter auf Wikipedia

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Von: Nadja Pohr

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Nahaufnahme von einem Richterhammer
Forscher fanden heraus, dass Richter irischer Gerichte mit steigender Tendenz in der Wikipedia statt in Fachdiensten suchen, um Präzedenzfälle für ihre Urteilsfindung zu recherchieren. © IMAGO/U.J Alexander/Symbolbild

Ein Forscherteam in Cambridge hat herausgefunden, dass Richter in Irland sich immer häufiger auf Wikipedia-Artikel für ihre Urteilsfindung berufen. Das birgt jedoch Gefahren.

Camebridge - In Deutschland sind Richter komplett unabhängig und lediglich den Gesetzen der Bundesrepublik verpflichtet, um zu gewährleisten, dass sie unparteiisch und objektiv urteilen. Diese Unabhängigkeit bedeutet auch ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit. Aufwendig am Job eines Richters sind aber vor allem das Durcharbeiten von Akten, das Vorladen von Zeugen sowie die Recherche von Details.

Das „Computer Science and Artificial Intelligence Laboratory“ (CSAIL) am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge hat nun eine problematische Methodik unter einigen Richtern in Irland festgestellt: Immer mehr berufen sich bei ihren Entscheidungen auf Wikipedia. Für die Studie fertigte eine Gruppe von Jurastudenten über 150 Artikel über Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs des Landes an. Die Hälfte davon wurde nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und dort hochgeladen, wo Richter und Anwälte sie verwenden konnten. Der Rest wurde als Kontrollgruppe offline gehalten.

Laut Studie: Sprache der Wikipedia-Artikel spiegelte sich im Urteil der Richter wieder

Die Forscher des MIT CSAIL in Cambridge fanden dadurch heraus, dass Richter irischer Gerichte mit steigender Tendenz in der Wikipedia statt in Fachdiensten suchen, um Präzedenzfälle für ihre Urteilsfindung zu recherchieren. Die juristischen Entscheidungen wurden speziell dann beeinflusst, wenn es Artikel zu relevanten Fällen gibt, berichtet t3n.de. Gab es einen Wikipedia-Eintrag zu einem Präzedenzfall, konnte eine um über 20 Prozent erhöhte Zitate-Anzahl im darauf aufbauenden Urteil des Gerichts festgestellt werden, erläuterte das CSAIL.

Wurden die Richter durch den Artikel in ihrer Argumentation unterstützt, war der Anstieg der Zitate sogar noch ausgeprägter. Ebenso schlug sich zum Teil die Sprache der Wikipedia-Artikel in den Entscheidungen nieder. Fragwürdig ist diese Methode der Urteilsentscheidung deshalb, weil es bei der Wikipedia keine Garantie gibt, dass die Darstellung immer korrekt ist. Die Gefahr besteht also, dass Richter ihre Urteile aufgrund fehlerhafter Artikel fällen. Noch gefährlicher sei es, wenn Einträge manipuliert werden, um den Ausgang eines Verfahrens zu beeinflussen.

Suche in Online-Datenbanken deutlich schneller als in Fachdiensten

Normalerweise recherchieren Richter in Fachdiensten für ihre Argumentation. Die Online-Suche in freien Quellen erfolgt jedoch natürlich deutlich schneller und einfacher, als in den komplexen juristischen Datenbanken. Bei der Studie muss jedoch auch laut des leitenden Forschers Neil Thompson beachtet werden, dass es in Irland nicht annähernd so viele Wikipedia-Einträge zur Rechtsprechung des obersten irischen Gerichtshofs gebe, wie etwa zu jener des US-amerikanischen Supreme Courts. Beispielsweise wie, wenn dieses der Umweltbehörde Grenzen aufzeigt.

Die Entscheidungen der höheren Gerichte sind wichtig, da sie für darunter stehenden bindend sind. Auch die immer voller werdenden Gerichtsterminkalender können ein Grund für die vermehrte Suche in Wikipedia sein, da sich ein Trend zu immer schnelleren Abfertigung der Einzelfälle entwickele, erläutert das Team des CSAIL. So wurde in diesem Jahr auch bekannt, dass in Baden-Württemberg immer mehr Richter Straftäter in den Maßregelvollzug schicken. Die Forscher raten jedoch dringend dazu zu prüfen, ob Online-Analysen sowohl umfassend sind als auch von Experten stammen.

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