Wellen schlagen über die Mole im Hafen Stralsund. Sturmböen der Stärken 7 bis 9 sorgen für ungemütliches Wetter und eine Sturmflut an der Küste
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Eine Sturmflut bezeichnet den Anstieg des Wassers in Küstengebieten, sofern dieser durch starken Wind verursacht wurde und einen definierten Wert überschreitet

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Sturmflut – die verheerende Kraft des Wassers

Sturmflut – alles über das Ansteigen der Wasserstände an Meeresküsten und an Flussmündungen in Küstengebieten aufgrund des Wetters: Informationen zu Voraussetzungen, Entstehung, Klassifizierungen und Warnungen.

  • Bei einer Sturmflut steigt das Wasser an Meeresküsten und Tidenflüssen ungewöhnlich hoch an.
  • Bei der Entstehung einer Sturmflut besteht ein direkter Zusammenhang aus Flut und Wetter.
  • In Deutschland ist die Nordsee am stärksten von Springfluten betroffen.

Hamburg – In der Hansestadt Hamburg befindet sich – neben Rostock – einer der beiden Hauptsitze des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). Zu den Zuständigkeiten der deutschen Bundesoberbehörde gehört laut Seeaufgabengesetz auch die Vorhersage von Gezeiten, Wasserstand und Sturmfluten.

Sturmflut – Definition, Klassifizierungen und Aufzeichnungen

Die Definition einer Sturmflut erfolgt in Deutschland nach dem europäischen Standard DIN 4049-3 von 2005, der Begriffe zur quantitativen Hydrologie bestimmt. Demnach definiert eine Sturmflut das Ansteigen des Wassers an Meeresküsten und in Flussmündungen im Küstengebiet durch starken Wind, sobald die Wasserstände bestimmte Werte überschreiten. Die Klassifizierung erfolgt durch das BSH.

Klassifizierungen von Sturmfluten an der Nordsee

Die Einteilung von Sturmfluten erfolgt an der deutschen Nordseeküste, in Hamburg, Bremen und Emden in drei Klassen:

KlasseBezeichnungAnstieg des Wassers über dem mittleren Hochwasser (MHW) in Metern
1Sturmflut1,5 bis 2,5
2schwere Sturmflut2,5 bis 3,5
3sehr schwere Sturmflutmehr als 3,5

Klassifizierungen von Sturmfluten an der Ostsee

An der deutschen Ostseeküste werden Sturmfluten in vier Klassen eingeteilt:

KlasseBezeichnungAnstieg des Wassers über dem MHW in Metern
1Sturmflut1,00 bis 1,25
2mittlere Sturmflut1,24 bis 1,50
3schwere Sturmflut1,50 bis 2,00
4sehr schwere Sturmflutmehr als 2,00

Aufzeichnungen von Wasserständen bei Sturmfluten

Die Wasserstände der Nordsee werden seit 1840 regelmäßig, seit Einführung des automatischen Pegelschreibers 1880 kontinuierlich aufgezeichnet. Diese Beobachtungsreihen ermöglichen die Ermittlung von Durchschnittswerten und Eckdaten für Wasserstände, die wiederum gemeinsam mit meteorologischen Daten für Wasserstandsvorhersagen herangezogen werden. Zugleich dienen sie als Referenzwerte, um Sturmfluten zu klassifizieren.

Bezeichnungen von Wasserständen

Bezeichnung: Wasserstand; Abkürzung: WS; Definition: die aktuelle Höhe eines Wasserspiegels in Bezug auf einen Referenzpegel, der länderabhängig variiert. An der Nordsee wird der „Amsterdamer Pegel“ herangezogen.

Bezeichnung: Mittelwasser; Abkürzung: MW; Definition: Während eines längeren Zeitraums der mittlere Stand des Wassers. Er findet nur im Binnenland Verwendung, wo der Tidenstrom keinen oder einen geringen Einfluss ausübt.

Bezeichnung: Mittleres Hochwasser oder mittlere Hochwasserhöhe; Abkürzung: MHW oder MHWH; Definition: Der abgeleitete mittlere Hochwasserstand oder die mittlere Hochwasserhöhe

Bezeichnung: Tidenhub; Abkürzung: TH; Definition: Im Wechsel der Gezeiten auftretender Höhenunterschied des Wasserstands

Bezeichnung: Springhochwasser (Springfluten); Abkürzung: SpHW; Definition: Durch Neu- und Vollmond verursachte, hohe Tiden, die durch Gezeitenwellen und Driftströmungen zu Sturmfluten führen

Sturmflut – ein Zusammenspiel aus Wetter und Gezeiten

Die Entstehung einer Sturmflut hängt vom Zusammentreffen mehrerer Faktoren ab. Diese sind:

  • Flut – wobei bei Springtiden besonders hohe Wasserstände auftreten, da Erde, Sonne und Mond in einer Reihe stehen und sich die Gezeitenwirkungen von Mond und Sonne addieren
  • starker Windschub – wobei die Windstärke und die Dauer eine Rolle spielen
  • räumliche Änderung des Luftdrucks in einem Tiefdruckgebiet, die zu einem Aufbau eines Wasserbergs führt
  • brandender Seegang
  • Eigenschwingung des Wassers bei Randmeeren

Sturmwetterlagen begünstigen die Entstehung von Sturmfluten, indem sie Wassermassen in einem weiten Winkel auf Küstenlinien zutreiben. An der Nordsee wirken sich West- und Nordwestwinde oft in Form von Sturmfluten aus. Diese Windrichtungen resultieren aus charakteristischen Zugbahnen von Tiefdruckgebieten: Sie ziehen vom Atlantik über die Nordsee nach Dänemark oder von Island in Richtung Skandinavien.

Auswirkungen der Erderwärmung auf Sturmfluten

Im Zuge der globalen Erderwärmung warnen Wissenschaftler vor den Auswirkungen des sich ändernden Wetters. Sie gehen von drei Effekten aus, die vermehrt zu Sturmfluten führen werden: dem generellen Anstieg des Meeresspiegels, der Zunahme an Sturmwahrscheinlichkeiten und der Erhöhung von Sturmintensitäten.

Sturmflut – Sturmhochwasser an der Ostsee

Bei einer Sturmflut an der Ostsee handelt es sich in Wirklichkeit um ein Ostseehochwasser aufgrund eines Sturms. Sturmhochwasser treten in Meeresbereichen wie der Ostsee auf, wo der Tidenhub keine große Rolle spielt. Dabei handelt es sich um ein Hochwasser an der Meeresküste, das aus einem Sturm mit auflandigen Winden oder ungünstigen Strömungen resultiert.

Obwohl ein Sturmhochwasser keinen erhöhten Tidenstrom darstellt, wird es meist als Sturmflut bezeichnet. Einem Ostseehochwasser liegen Stürme aus Nordwest zugrunde, die Wassermassen in Richtung des Finnischen Meerbusens und des Baltikums drücken. Wasser aus der Nordsee fließt nach, kann durch eine Sturmdrehung nach Nordost jedoch nur langsam zurückfließen. Eines der schlimmsten Ostseehochwasser ereignete sich 1872.

Sturmflut – Warnungen in Deutschland

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) mit Sitz in Hamburg und in Rostock gibt – gemäß Seeaufgabengesetz § 1 Abs. 9 – Warnungen vor Sturmfluten heraus. Es veröffentlicht detaillierte Wasserstandsvorhersagen für die Nordsee und für die Ostsee und stellt online PDF-Tabellen mit vorhergesagten und überprüften Wasserpegeln zur Verfügung.

In Niedersachsen informiert der Warndienst des Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Zusätzlich verfügen einzelne Städte über regionale Sturmflutwarndienste.

Sturmflut – Auswirkungen auf die Deutsche Bucht

Nach dem BSH zählt die Deutsche Bucht – eine Meeresbucht vor der dänisch-deutsch-niederländischen Nordseeküste – zu den am stärksten von Sturmfluten betroffenen Gebieten weltweit. Die Gründe dafür liegen zum einen an der Geografie der Nordsee: Sie ist bis auf die Meerengen beim Skagerrak und beim Ärmelkanal auf drei Seiten von Land begrenzt und weitet sich trichterförmig zum Atlantik. Zum anderen trägt der Trichtereffekt der Elbmündung zu einem erhöhten Sturmflutrisiko bei. Die größte Gefahr für eine Sturmflut an der Deutschen Bucht droht bei West- und Nordwestwind.

Küstenveränderungen durch Sturmfluten

Die größten Gefahren durch Sturmfluten drohen durch Überschwemmungen. Im Mittelalter veränderten sie an der Nordsee den Küstenverlauf, indem sie durch die gewaltige Energie ihrer Wellen großräumige Meeresbuchten schufen. So entstand 1376 der Jadebusen, der sich in Form einer 190 Quadratkilometer großen Meeresbucht zwischen der Ostfriesischen Halbinsel und der Unterweser erstreckt. Der Dollart, die 90 Quadratkilometer umfassende Bucht am Mündungsästuar der Ems, entstand 1347 ebenfalls durch eine Sturmflut.

Sturmfluten – historische Ereignisse an der Nordsee

Die folgende Aufzählung beinhaltet eine Auswahl historischer Sturmfluten an der Nordsee:

Jahr/Bezeichnung: 838

Region: niederländische Küste

Auswirkung: erste Aufzeichnung einer Sturmflut an der Nordsee, 2.500 Todesopfer

Jahr/Bezeichnung: 1164: Erste Julianerflut

Region: niederländische Küste, Elbegebiet

Auswirkung: vermutlich erster Einbruch der Jade und 20.000 Tote

Jahr/Bezeichnung: 1170: Allerheiligenflut

Region: niederländische Küste

Auswirkung: Entstehung der Inseln Wieringen und Texel

Jahr/Bezeichnung: 1219: Erste Marcellusflut

Region: niederländische Küste, Elbegebiet

Auswirkung: vermutlich Einbruch des Jadebusens, zwischen 36.000 und 100.000 Tote

Jahr/Bezeichnung: 1277: Sturmflut von 1277

Region: Dollart

Auswirkung: vermutlich Einbruch des Dollarts

Jahr/Bezeichnung: 1287: Luciaflut

Region: niederländische und deutsche Küste

Auswirkung: Einbruch des Dollarts, Zerstörung von Deichen, bis zu 50.000 Tote

Jahr/Bezeichnung: 1362: Zweite Marcellusflut

Region: Schleswig-Holstein und Ostfriesland

Auswirkung: Entstehung der Halligen und der Insel Strand, Untergang von Rungholt und der Uthlande, bis zu 100.000 Todesopfer

Jahr/Bezeichnung: 1412: Cäcilienflut

Region: Deutsche Bucht

Auswirkung: Abtrennung der Elbinsel Hahnöfersand vom Festland, Vernichtung des Dorfs Zesterfleth, bis zu 30.000 Tote

Jahr/Bezeichnung: 1511: Antoniflut

Region: Jadebusen

Auswirkung: letzte Erweiterung des Jadebusens, größte Ausdehnung des Dollart, Durchbruch zwischen Jade und Weser

Jahr/Bezeichnung: 1634: Burchardiflut

Region: Deutsche Bucht

Auswirkung: Zertrennung der Insel Strand, bis zu 15.000 Tote

Jahr/Bezeichnung: 1717: Weihnachtsflut 1717

Region: niederländische, dänische und deutsche Küste

Auswirkung: Zerstörung von 8.000 Häusern, 11.150 Todesopfer, Verlust von 90.000 Rindern durch Ertrinken

Jahr/Bezeichnung: 1906: Märzflut

Region: belgische, niederländische und deutsche Küste

Auswirkung: bisher höchste Sturmflut an der ostfriesischen Küste

Jahr/Bezeichnung: 1953: Flutkatastrophe von 1953

Region: niederländische, belgische und englische Küste

Auswirkung: schwerste Naturkatastrophe des 20. Jahrhunderts an der Nordsee, Schaden von 1 Milliarde Gulden

Jahr/Bezeichnung: 1954: Sturmflutserie

Region: deutsche Nordseeküste

Auswirkung: Orkan mit höchster Sturmflut seit 1906, schwere Schäden, 70 Todesopfer

Jahr/Bezeichnung: 1962: Februarsturmflut 1962/2. Julianerflut

Region: Deutsche Bucht, Elbegebiet

Auswirkung: bislang höchste Sturmflut östlich der Jade, 340 Tote, Deichschäden über 400 Kilometer

Jahr/Bezeichnung: 1973: Sturmflutkette vom Herbst 1973

Auswirkung: längste Sturmflutkette jemals, mit sechs schweren Sturmfluten in fünf Wochen

Jahr/Bezeichnung: 2006: Allerheiligenflut 2006

Region: gesamte Nordseeregion

Auswirkung: Dünenabbrüche auf den Ostfriesischen Inseln, höchste je gemessene Wasserstände an der Ems

Jahr/Bezeichnung: 2007: Sturmtief Tilo

Region: Deutsche Bucht, Nordsee

Auswirkung: schwerste Überschwemmungen in Hamburg, Dünenabbrüche auf Helgoland

Jahr/Bezeichnung: 2013: Orkantief Xaver

Region: gesamte Nordseeregion

Auswirkung: Landverluste auf den Ostfriesischen Inseln und auf Sylt

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