Das Atlantis der Alpen, das Dorf Graun, versunken im Reschensee in Südtirol.
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Der Kirchturm der versunkenen Stadt im Reschensee in Südtirol.

Dorf im Reschensee in Südtirol

Versunkenes Dorf wieder aufgetaucht: Bis Juni ist das „Atlantis der Alpen“ noch vollständig zu sehen

  • Raffael Scherer
    VonRaffael Scherer
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Der Reschensee musste für Reparatur-Arbeiten abgelassen werden. Dadurch ist zum ersten Mal seit über 70 Jahren das versunkene Dorf Graun in Südtirol komplett zu sehen.

Update vom 29. Mai, 15.32 Uhr: Er ist eine kleine mediale Berühmtheit, der Kirchturm von Alt-Graun in Südtirol. Er ist eigentlich das einzige Überbleibsel des versunkenen Dorfes. Bis in eine Netflix-Serie hat er es geschafft. Wegen Sanierungsarbeiten (siehe unten) ist das in einem Stausee liegende Dorf aktuell zu sehen.

„Das kommt häufiger vor“, erklärt Franz Prieth, Bürgermeister von Graun der Südtiroler Tageszeitung „und zwar immer dann, wenn der Pegelstand sinkt“. Dieses Mal erscheint aber alles anders, das Dorf bekommt jede Menge Aufmerksamkeit aus der ganzen Welt. Seit Wochen wird Prieth mit Medienanfragen überhäuft. Nicht nur italienische Medien sind interessiert, auch deutsche oder sogar der BBC, so Prieth. Er wisse gar nicht warum.

Der Glockenturm im Reschensee ist in der Netflix-Serie "Curon" Vorbote von Unheil.

Vielleicht ist es der besonders tiefe Wasserspiegel, überlegt er weiter. „Heuer ist der Pegelstand wegen der Wartungsarbeiten in St. Valentin besonders nieder“. Seit über 70 Jahren steht der See nicht mehr so niedrig. (vs)

Erstmeldung vom 21. Mai: Ein einmaliges Foto-Motiv bietet der Reschensee in Südtirol, vor allem im Frühjahr: Ein Kirchturm, der mitten aus dem Wasser ragt. Dieses Überbleibsel erinnert an die Zeit, bevor es den großen See gab. Vor 71 Jahren stand an dieser Stelle nämlich noch das Dorf Graun, oder wie die Italiener sagen „Curon“. Wegen nötiger Reparaturarbeiten kamen nun dieses Jahr erstmals wieder die Überreste des Dorfes zu vollem Vorschein.

Denn für die Sanierung musste das gesamte Wasser des Stausees abgelassen werden, wie Thomas Punter vom Tourismusverein Reschensee der Website travelbook erklärte. Die Bauarbeiter mussten „am Kanal des Stausees, der vom Staudamm wegführt in Richtung Kraftwerk“ Hand anlegen, so Punter. Bereits im Februar sei mit dem Ablassen des Wassers begonnen worden, mittlerweile sei bereits ein Großteil der anstehenden Arbeit erledigt.

Versunkenes Dorf in den Alpen: Für mehr Stromerzeugung musste ganzes Dorf weichen

Doch was gibt es unter dem Wasser überhaupt zu sehen? Und wieso wurde ein ganzes Dorf geflutet? Das Dorf Graun hat eine harte Geschichte hinter sich. 1950 beschlossen Norditalien und die Schweiz an diesem Ort aus der vorhandenen Wasserkraft Strom zu gewinnen, heißt es in dem Buch „Secret Places Europa“. Dafür sollten der See in Graun und der benachbarte See des Ortes Reschen zusammengelegt werden. Statt zwei kleinen also ein neuer, großer See.

Dafür musste das Dorf Graun weichen. Weder ein Aufstand der Einwohner, - darunter etwa wütende Bauern, die mit Stöcken auf die Fahrzeuge der Stromfirma Montecatini einschlugen - noch ein Papst-Besuch des Dorfpfarrers konnten daran etwas ändern. Die Firma hatte nun einmal den Zuschlag für den Bau des Wasserwerks erhalten. Der Versuch, die Bauern in das „neue Graun“ umzusiedeln blieb größtenteils vergeblich, da zu wenig Grund für all die Landwirtschaftler vorhanden war.

Wie aus einem Film: Das „Atlantis der Alpen“ - Das Dorf Graun, versunken im Reschensee in Südtirol.

Versunkenes Dorf in den Alpen: Seit über 70 Jahren erstmals wieder komplette Ruinen aufgetaucht

Dutzende Häuser wurden für das Bauvorhaben schließlich gesprengt, die Kirche durfte weiterhin im Dorf bleiben. „Das Grauen von Graun“, erzählte man damals. Daraufhin hieß es „Wasser marsch!“ und die Überreste von Graun versanken nach und nach. Insgesamt flutete die Firma 523 Hektar Boden sowie 181 Häuser. Heute ist der Reschensee etwa sechs Kilometer lang und einen Kilometer breit. Das Wasserkraftwerk dort produziert rund 250 Millionen Kilowatt Strom pro Jahr.

Mittlerweile ist normalerweise nur noch der Grauner Kirchturm zu sehen, der aus dem Gewässer ragt und für vielen Touristen ein attraktives Fotomotiv darstellt. Doch durch die Reparatur in diesem Jahr ist es Besuchern erstmals wieder möglich zu sehen, was von dem Dorf noch übrig ist. Doch Punter stellt klar: „Viele denken allerdings, dass man hier tatsächlich noch richtige Häuser sehen kann, aber das ist nicht der Fall, weil damals alles gesprengt wurde. Wenn man was sieht, dann eher Böden, Grundmauern, Treppen und Keller.“ Mit ein wenig Fantasie könne man noch die alte Römerstraße, die sich durch das Dorf schlängelt, erkennen.

Normalerweise ist nur der Kirchturm der versunkenen Stadt Graun im Reschensee zu sehen

Versunkenes Dorf in den Alpen: Bis Juni können die Ruinen des Atlantis der Alpen noch besichtigt werden

Laut Punter fließen zwar schon wieder die ersten Liter, um den See zu füllen, zu sehen sei von den Dorfresten trotzdem noch längere Zeit etwas: „Seit einer Woche etwa wird jetzt wieder Wasser aufgestaut, aber man sieht noch viel von den alten Ruinen, das dauert noch bis mindestens Mitte Juni, bis der See wieder seinen normalen Wasserstand erreicht hat“, sagt er.

Wer sich beeilt kann durch das versunkene Dorf in Südtirol spazieren.

Eine einmalige Gelegenheit für einen Ausflug nach Italien, trotz des Coronavirus. Wann das Atlantis der Alpen danach wieder in voller Größe auftauche, sei unklar. Das hänge davon ab, wann es Zeit für die nächsten Reparaturen sei, so Punter bei travelbook. Doch auch wenn nicht jeder Italien-Urlauber bis dahin einen Besuch schaffen wird: Jedes Jahr im Frühjahr ist dank des niedrigen Wasserstandes beinahe der ganze alte Grauner Kirchturm zu sehen.

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