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Das Leben männlicher Küken ist nicht von langer Dauer: Kaum geschlüpft, werden sie auch schon wieder entsorgt. 

Fahrt in den Tod

Süß, männlich, nutzlos – 45 Millionen Küken geschreddert

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Sie sind unglaublich niedlich, piepen suchend nach ihrer Mutter, drängen sich eng aneinander und fahren mit dem Laufband Richtung Tod. Circa 45 Millionen männliche Küken werden in Deutschland jedes Jahr nach dem Schlüpfen vergast oder geschreddert - aus diesem Grund:

Leipzig – Die Eierbranche ist ein knallhartes Business, hoch spezialisiert und durchorganisiert. Was nicht zum schnellen Gewinn beiträgt, hat im Stall nichts verloren und muss sterben. Morgen wird das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig darüber entscheiden, ob der millionenfache Kükentod mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist. Dort heißt es: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Das Gericht muss nun darüber befinden, ob der Fakt, dass Hähne keine Eier legen, ein „vernünftiger Grund“ zum Sterben sein kann. Geklagt haben die Brütereien, bei denen Jahr für Jahr rund 90 Millionen Küken schlüpfen, von denen die Hälfte gleich wieder getötet wird. Im Jahr 2013 hatte das damals von den Grünen geführte Landwirtschaftsministerium in Nordrhein-Westfalen diese Praktik verboten. 

Aufzucht männlicher Küken ist nicht wirtschaftlich

Die Brütereien haben bisher immer recht bekommen. 2016 erklärte das Oberverwaltungsgericht in Münster, die Aufzucht der männlichen Küken könne nicht verlangt werden, da sie praktisch nicht zu vermarkten seien. Bei der Erzeugung von Hühnchenfleisch und Eiern werden völlig verschiedene Hybriden verwendet. Masthähnchen, weibliche und männliche Tiere, setzen schnell Fleisch an. Sie wachsen so rasch, dass sie sich ab dem 25. Tag praktisch nicht mehr bewegen können. Ab dem 30. Tag werden sie geschlachtet. Legehennen dagegen bleiben mager, sie stecken ihre ganze Energie in die Eier. Die männlichen Tiere dieser Züchtung müssten sehr lange gemästet werden, doch selbst dann bleibt ihr Fleisch dunkel, was derzeit beim Kunden nicht gut ankommt. Solche Eier und Fleisch können Kunden schon jetzt kaufen, sie werden als Bruderhahn-Initiativen vermarktet. 

Vorhersage des Geschlechts könnte das Kükentöten eindämmen

Es gibt weitere mögliche Lösungen. Die beste wäre, auf Hühnerrassen umzusteigen, bei denen die Hennen relativ viele Eier legen und die Hähnchen gute Futterverwerter sind. Diese Tiere werden als Zweinutzungshühner bezeichnet. Allerdings wachsen die Masttiere langsamer und die Hennen legen weniger Eier als ihre hoch spezialisierten Artgenossen. Das bedeutet aber auch: Eier und Fleisch dieser Züchtungen sind teurer. Der Zentralverband der deutschen Geflügelwirtschaft hat vor der Verhandlung in Leipzig erklärt, die Branche wolle ja das Kükentöten beenden, sobald es eine praxistaugliche Alternative gebe. Im November wurde ein Verfahren vorgestellt, bei dem schon im angebrüteten Ei das Geschlecht bestimmt werden kann. Männliche Küken würden gar nicht mehr ausgebrütet. Marktreif ist dies jedoch noch nicht. Aber vielleicht könnte ein richterliches Verbot des Küken-Schredderns die Forschungen ja beschleunigen...

Das kurze Leben einer Henne

Mit fünf Monaten beginnt ihr Arbeitsleben: Die Henne legt ihr erstes Ei. 40 Prozent der 47 Millionen Legehennen tun dies in einem Stall mit mehr als 100 000 Artgenossen. Mit sieben Monaten hat sie den Höhepunkt ihrer Leistung erreicht, jeden Tag verlässt ein frisches Ei den Legeapparat. In einem Jahr sind es zwischen 285 und 300 Eier. Im Alter von zwölf bis 14 Monaten setzt die Mauser ein. Weil dann die Legeleistung sinkt, werden die Tiere geschlachtet und als Suppenhuhn verkauft.

Susanne Stockmann

Wussten Sie, das Bio-Ei nicht gleich Bio-Ei ist? Öko-Test warnt vor Bio Eiern von Aldi und Lidl. Ist der blutrote Punkt auf dem Eigelb wirklich schädlich oder nur eklig?

Das Bundesverwaltungsgericht hat am Donnerstag das mit Spannung erwartetes Urteil zum massenhaften Töten von männlichen Küken in der deutschen Geflügelwirtschaft gesprochen. 

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