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Nach Tankstellen-Mord: Junge Kassiererin in Sorge - „Wegen Nichtigkeiten Lage völlig eskalieren lassen“

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Von: Marc Dimitriu

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Der Mord in Idar-Oberstein sorgt für Angst bei Angestellten im Handel.
Der Mord in Idar-Oberstein sorgt für Angst bei Angestellten im Handel. © Christian Schulz/Foto Hosser/dpa

Der Mord von Idar-Oberstein schockiert ganz Deutschland. Die Angst vor aggressiven Corona-Maßnahmen-Verweigerern ist groß. Viele Angestellte trauen sich nicht mehr etwas zu sagen.

Berlin/Idar-Oberstein - Vor wenigen Tagen erschoss ein 49-jähriger Mann einen 20-jährigen Studenten, der an einer Tankstelle jobbte. Der grausame Mord in Idar-Oberstein sorgte im ganzen Land für Fassungslosigkeit. Nachdem der junge Mann den 49-Jährigen beim Bierkauf auf die Maskenpflicht hingewiesen hatte, soll er dem Studenten in den Kopf geschossen haben.

Mord in Idar-Oberstein: Kopfschuss wegen Maskenpflicht - Täter radikalisiert sich im Netz

Der Tatverdächtige sagte den Ermittlern zufolge aus, dass er die Corona-Maßnahmen ablehne. Zum Motiv habe er angegeben, dass ihn die Situation der Corona-Pandemie stark belaste. Er habe sich in die Ecke gedrängt gefühlt und „keinen anderen Ausweg gesehen“, als ein Zeichen zu setzen. Das Opfer schien ihm dabei „verantwortlich für die Gesamtsituation, da es die Regeln durchgesetzt habe“, sagte Oberstaatsanwalt Kai Fuhrmann.

Täter und Opfer kannten sich offenbar nicht. Die Wut in dem 49-jährigen Mann muss sich wohl schon lange aufgestaut haben. Die Polizei untersucht bereits Aktivitäten des Verhafteten in den sozialen Medien. Dort verbreitete er Verschwörungstheorien und schrieb bereits im September 2019: „Ich freue mich auf den nächsten Krieg.“ Außerdem folgte er wohl mehreren Accounts aus dem rechten und dem Querdenker-Milieu. Innenminister Horst Seehofer gab auch der AfD eine Mitschuld an der Tat.

Mord in Idar-Oberstein beschäftigt Angestellte - Maßnahmen-Verweigerer treten häufig aggressiv auf

Obwohl es sich um eine Einzeltat handelt, hat sie Folgen auf tausende Beschäftigte in Deutschland. Seit dem Beginn der Corona-Maßnahmen, sei es nun Masken-Pflicht oder Abstandsregeln, müssen sich Angestellte im Einzelhandel oder in der Gastronomie mit Maßnahmen-Verweigerer herumschlagen. Viele zeigten sich schon aggressiv, nach dem Mord wächst nun die Angst der Betroffenen weiter. So auch die der 25-jährige Elif Inan, die in einem Supermarkt in Berlin als Aushilfe arbeitet. Im Interview mit Focus-online sprach sie über ihren Arbeitsalltag. Es gäbe sehr viele Leute, die die Maske nicht richtig tragen würden. „Meist hängt die Maske dann unter der Nase.“ Sie beobachte auch, dass das Security-Personal „immer öfter und härter durchgreifen muss“.

Der Mord in Idar-Oberstein beschäftigt sie sehr: „Im ersten Moment dachte ich: Oh mein Gott. Das Opfer war ungefähr so alt wie ich. Ein junger Mensch, der genauso wie ich als Aushilfe gearbeitet hat, um sich etwas Geld dazuzuverdienen. Mir ist der ganze schreckliche Vorfall sehr nahe gegangen.“

Supermarkt-Angestellte wird oft angegangen: „Ich finde es schockierend“

Sie dachte sich aber auch, dass die Tat abzusehen war: „Ich war mir schon vorher ziemlich sicher, dass es irgendwann zu gewaltsamen Ausschreitungen bezüglich der Corona-Regeln kommen wird. Ich erlebe es tagtäglich, wie gereizt manche Leute auf die Vorschriften reagieren. Dass es direkt ein Mord wurde, ist natürlich umso schockierender.“

Sie selbst merkte schnell, dass Ermahnungen bei Masken-Verweigerern oder Falschtragern nichts bringen. „Wenn ich die Kunden anspreche, laufen sie schnell zwei Schritte weiter und ziehen dann die Maske wieder unter die Nase. Oder sie werden beleidigend“, erzählt die 25-Jährige. Auf ihre Bitte reagierte ein Mann sogar mit: „Nein, du F***e.“

In Aurach in Bayern haben erst kürzlich Frauen ohne Corona-Masken das Personal der Post beschimpft und sich geweigert, den Laden zu verlassen. Inhaberin Iris Zwicklbauer ist nun besorgt.

Wegen Maskenverweigerern: Supermarkt-Angestellte geht mit mulmigem Gefühl zur Arbeit

Wieso einige Menschen wegen solcher kleinen Einschränkungen so reagieren kann sie nicht nachvollziehen: „Ich finde es immer schockierend, wie diese Menschen bereit sind, wegen Nichtigkeiten und einfacher Regeln die Lage völlig eskalieren zu lassen.“ Der Mord an dem Tankstellen-Mitarbeiter beeinflusse sie auf jeden Fall: „Ich gehe nicht ängstlich in die Arbeit, aber definitiv mit einem mulmigen Gefühl. Die Gefahr ist definitiv ein Stück näher gekommen.“

Auch auf Twitter berichten schon Angestellte, dass sie von ihren Chefs darauf hingewiesen werden, Maskenverweigerer in Ruhe zu lassen, da die Gefahr es nicht wert sei. „Wir merken eine unfassbare Grundaggressivität in diesen Diskussionen. Ich meine, körperlich und verbal angegriffen wird man eh schon. Bespuckt zum Beispiel. Ich möchte nicht in den Kopf geschossen werden“, schreibt ein User. (md)

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