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Abgestellt: die „Landshut“ am Flugzeugfriedhof in Fortaleza/Brasilien.

Terror-Relikt als Ausstellungsstück

Die „Landshut“ soll zurück nach Deutschland – aber wohin genau?

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Eine Idee gewinnt an Fahrt: Die Lufthansa-Maschine „Landshut“, die 1977 im Zentrum des „Deutschen Herbstes“ stand, soll zurück nach Deutschland geholt werden.

Wo soll es hin, das Flugzeug-wrack? Nach Friedrichshafen, Berlin oder gar Landshut? Frisch lackiert? Oder lieber im schrottigen Zustand? Eine Idee gewinnt an Fahrt: Die Lufthansa-Maschine „Landshut“, die 1977 im Zentrum des „Deutschen Herbstes“ stand, soll zurück nach Deutschland geholt werden.

Man erinnert sich: Vor bald 40 Jahren, am 13. Oktober 1977, entführte ein Palästinenser-Kommando die Boeing 737 auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt – es wollte RAF-Terroristen freipressen, die in Stuttgart-Stammheim einsaßen. Bekanntlich scheiterte das Vorhaben nach fünf Tagen mit der Erstürmung der Maschine in Mogadischu durch die GSG 9 – bis auf eine Stewardess blieben alle Geiseln unverletzt. Der Pilot Jürgen Schumann indes war von einem der Terroristen erschossen worden.

Die weitere Geschichte ist in fast allen Facetten auserzählt: In Stammheim verübten drei Top-Terroristen Selbstmord, tags darauf wurde die Leiche des entführten Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer gefunden.

Der Verbleib der Lufthansa-Maschine ist angesichts dieser Dramatik eigentlich nur eine Facette am Rande. Anders als vielleicht allgemein angenommen, hat die Lufthansa die „Landshut“ nach dem Ende der Entführung nicht etwa ausgemustert, sondern saniert. Bis 1985 blieb sie im Liniendienst, danach wurde sie verkauft. Verschiedene Luftfahrtunternehmen flogen die ehemalige „Landshut“ unter geänderten Namen weiter. Von 2002 bis Januar 2008 war sie schließlich in Besitz der brasilianischen TAF Linhas Aéreas, die sie nach 38 Betriebsjahren und rund 60 000 Flügen stilllegte.

Verschrottet wurde die Maschine nicht, vielmehr steht sie bis heute auf einem Flugzeugfriedhof im brasilianischen Fortaleza.

Dort rottet der flügellahme Flieger langsam vor sich hin. Zu Jahresbeginn aber dann dies: Der ins Auswärtige Amt gewechselte Minister Sigmar Gabriel (SPD) bekräftigte, dass er die „Landshut“ als Ausstellungsstück nach Deutschland holen will. Wahlkampfgag? Ernst gemeinter Beitrag zur Erinnerung an den RAF-Terror? Wie auch immer. Weder das Wohin noch das Wann sind geklärt – gleichwohl scheint die Zeit zu drängen, schließlich jährt sich im September/Oktober zum 40. Mal der „Deutsche Herbst“. Die brasilianische Zeitung „Folha de S.Paulo“ berichtete vergangene Woche, das Auswärtige Amt habe die Maschine für nur 20 000 Euro gekauft. Die Kosten eines etwaigen Transports nach Deutschland dürften ein Vielfaches betragen. Gabriels Ministerium schweigt dazu.

Die entführte „Landshut“ 1977 in Mogadischu.

Der renommierte Hamburger Terrorismusforscher Wolfgang Kraushaar hält die geplante Rückholung der „Landshut“ für „völlig unverhältnismäßig“, wie er unserer Zeitung sagte. Eine Maschine dieses Ausmaßes an einen Gedenkort zu holen, von dem noch unbekannt sei, wo er sich überhaupt befindet, nennt der Autor mehrerer Bücher über die 68er-Bewegung und die RAF „hypertroph“, also überzogen. Noch dazu erinnere heute kaum noch etwas an die „Landshut“ von damals – die Maschine ist mehrmals umlackiert worden.

Gleichwohl haben sich schon diverse Interessenten gemeldet. Darunter sind: das Dornier-Museum in Friedrichshafen am Bodensee, ein Unternehmer, der in Flensburg ein privates Luftfahrt-Museum errichten will, sowie die Stadt Landshut, die auch mit „Teilen“ des Flugzeugs zufrieden wäre. Die Jungen Freien Wähler in Bayern haben das Flugzeugmuseum in Oberschleißheim ins Spiel gebracht. Das Deutsche Historische Museum in Berlin soll abgewunken haben: Das Flugzeug ist zu groß. Nicht interessiert ist trotz anderslautender Gerüchte das bayerische Kultusministerium, das die Idee verfolgt, am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck einen Erinnerungsort für das Olympia-Attentat zu errichten. Das Attentat war 1972, nicht 1977!

Der Historiker Kraushaar verfolgt diese halb garen Initiativen mit einigem Grausen. Die Finanzmittel wären besser für einen Erinnerungsort zum linken Terrorismus investiert, sagt er. Den gibt es bisher nicht. Kraushaar hat auch eine Idee: Der mit Abstand wichtigste Ort wäre der weiträumige Gebäudekomplex der JVA Stuttgart-Stammheim, sagt er. Auch hier gibt es aber ein Problem: Der Bau wird nach wie vor als Justizgebäude genutzt.

Dirk Walter

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