1. Startseite
  2. Welt

Terroristen wollten Züge sprengen

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

null

- Wiesbaden/Berlin - Deutschland ist Ende Juli nur haarscharf einem Terroranschlag auf zwei Regionalzüge entgangen. Die Zünder der am 31. Juli in Zügen nach Hamm und Mönchengladbach gefundenen Kofferbomben hatten bereits zeitgleich um 14.30 Uhr ausgelöst. Nur ein handwerklicher Fehler habe verhindert, dass die Hauptladungen explodiert seien, sagte der Chef des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, am Freitag in Wiesbaden.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) warnte vor weiteren möglichen Angriffen. Er kündigte einen stärkere Videoüberwachung vor allem im öffentlichen Nahverkehr an. Sie solle zudem auch auf andere öffentliche Plätze ausgeweitet werden. «Wir müssen leider davon ausgehen, dass die Gefahr einer Wiederholung dieser Anschlagversuche weiterhin besteht», erklärte er in Berlin. «Wenn die Bomben gezündet hätten, hätte es sehr sehr viele Tote und Verletzte gegeben.» Schäuble wiederholte seine Forderung nach einer Anti-Terror-Datei zum besseren Informationsaustausch der Sicherheitsbehörden. Über mögliche Verbindungen der Täter zu terroristischen Kreisen im Libanon wollte er sich nicht äußern. Das seien «Spekulationen».

BKA-Chef Ziercke und Bundesanwalt Rainer Griesbaum präsentierten Aufnahmen von Überwachungskameras des Kölner Hauptbahnhofs. Darauf sind zwei 20 bis 30 Jahre alte Männer mit südländischem Aussehen zur Tatzeit mit den Koffern zu sehen. Die Männer würden wegen versuchten Mordes und der Mitgliedschaft in einer inländischen terroristischen Vereinigung gesucht, sagte Griesbaum. «Die Höhe der Belohnung von 50 000 Euro zeigt, dass wir sehr besorgt sind», sagte Ziercke. Die Videos sind auf der Internetseite des BKA abrufbar. Schäuble rief die Bundesbürger auf, die Polizei bei der Fahnung nach den flüchtigen Männern zu unterstützen.

Wären die rund 25 Kilogramm schweren Kofferbomben mit je einer 11- Liter Gasflasche und Benzin in je drei Plastikflaschen explodiert, wären die betroffenen Waggons ausgebrannt und möglicherweise der Zug entgleist. «Das wäre ein Fanal gewesen», sagte der BKA-Chef. «Wir halten es für möglich, dass Täter Signale mit Blick auf den Nahen Osten setzen wollten», sagte Ziercke.

Ein arabisch beschriebener Zettel und Speisestärketüten eines libanesischen Herstellers in den Koffern deuteten auf Verbindungen der Täter in den Libanon hin. Auf dem Zettel stehen laut Ziercke eine Telefonnummer im Libanon und - wie auf einem Einkaufszettel - der Produktname eines libanesischen Joghurts, der auch in Deutschland erhältlich ist. Das BKA hält die Gegenstände nicht für bewusst gelegte falsche Spuren, weil sie im Fall der Explosion spurlos verbrannt wären.

Anders als bei den Anschlägen in London und Madrid 2005 und 2004 hätten die Täter offenbar kein großes Blutvergießen gewollt, betonte Ziercke. Die Zünder seien so eingestellt gewesen, dass die Bomben auf freier Strecke zehn Minuten vor Ankunft in den Zielbahnhöfen explodieren sollten. Außerdem wurde eine relativ verkehrsarme Zeit gewählt. Offenbar seien die Täter wieder aus den Zügen ausgestiegen. Es seien also keine Selbstmordattentäter, sagte Ziercke.

Schäuble sagte in Berlin, die Bahn habe ihre Sicherheitsmaßnahmen angepasst. «Ich bitte um Verständnis dafür, dass die Bundespolizei dazu in einigen Fällen auch Reisende ansprechen und ihr Gepäck kontrollieren wird.» Nach Bahn-Angaben gibt es bisher auf Bahnhöfen mehrere tausend Kameras. Für die Ausweitung der Videoüberwachung müssten weitere Geräte angeschafft werden. Neben der Technik sei die Wachsamkeit des Personals in Bahnhöfen und Zügen wichtig, sagte Bahn- Vorstandsmitglied Otto Wiesheu.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) verlangte schärfere Instrumente zur Terrorismusbekämpfung. Einschränkungen bei der Rasterfahndung und der Wohnungsüberwachung müssten zurückgenommen, die Anti-Terror-Datei und die Kronzeugenregelung endlich eingeführt werden, sagte der GdP- Vorsitzende Konrad Freiberg. «Wir sollten vom Ernst der Lage nicht erst durch viele Todesopfer überzeugt werden müssen.» Die Bundespolizeigewerkschaft bgv verlangte eine Aufstockung des Personals.

Auch interessant

Kommentare