Professor Dr. Hendrik Streeck gehört zu Deutschlands führenden Virologen.
+
Top-Virologe Professor Dr. Hendrik Streeck von der Uni Bonn.

Steigende Infektionszahlen trotz Lockdown - Hohe Dunkelziffer an Infizierten befürchtet

Top-Virologe Streeck kritisiert Corona-Strategie - Diese Fehler nennt er beim Namen

  • Andreas Beez
    vonAndreas Beez
    schließen

Top-Virologe Professor Dr. Hendrik Streeck bewertet den harten Lockdown zwar als angemessen, kritisiert aber gleichzeitig Fehler und Versäumnisse in der Corona-Strategie der letzten Wochen und Monate.

  • Top-Virologe Professor Dr. Hendrik Streeck hält den harten Lockdown für richtig
  • Er kritisiert allerdings Fehler in der Corona-Strategie
  • Der Wissenschaftler befürchtet eine hohe Dunkelziffer an Infizierten

Sein Wort hat Gewicht bei führenden Politikern, in TV-Talkshows ist er regelmäßig zu Gast: Professor Dr. Hendrik Streeck (43) zählt zu Deutschlands bekanntesten Virologen. In einem Interview mit unserer Redaktion analyisiert er, welche Lehren wir aus der Corona-Krise ziehen sollten.

Die Zahl der Neuinfektionen explodiert gerade – trotz des wochenlangen Teil-Lockdown. Wie erklären Sie sich das?

„Maßnahmen haben nicht dort angesetzt, wo die meisten Übertragungen stattfinden.“

Professor Dr. Hendrik Streeck: Wir haben in der Tat viel zu viele Neuinfektionen. Eigentlich sollten nach den herangezogenen Berechnungen die Lockdown-Maßnahmen den Anstieg stärker bremsen. Dass es nicht so ist, deutet zum einen auf eine hohe Dunkelziffer an Infizierten hin, zum anderen, dass die bisherigen Maßnahmen nicht unbedingt dort angesetzt haben, wo die meisten Übertragungen stattfinden.

Gaststätten-Schließung konnte Infektionsgeschehen nicht bremsen

Wo stecken sich denn die meisten Menschen an?

Streeck: Wir wissen es nicht wirklich, da tappen wir zu sehr im Dunkeln. Die Entwicklung zeigt aber auch, dass man durch die Schließung von Restaurants und Gaststätten allenfalls erreicht hat, den Anstieg der Neuinfektionen zu verlangsamen. Es ist aber dadurch nicht gelungen, das Infektionsgeschehen aufzuhalten.

Was muss jetzt geschehen, damit die Infektions- und Opferzahlen wieder sinken?

„Heimbewohner endlich besser schützen“

Streeck: Meine wichtigste Empfehlung lautet: Wir müssen die Risikogruppen endlich besser schützen. Das gilt insbesondere für Alten- und Pflegeheime. Hier leben die Menschen, um die es derzeit vor allem geht. Bei ihnen sind aktuell mehr als die Hälfte aller Covid-19-Todesfälle in Deutschland zu verzeichnen.

Aber die Politik behauptet, dass Sie den Schutz von Altenheimen auf dem Schirm hat.

Streeck: Das bisherige an Schutz reicht nicht aus. Die Zahlen des Robert-Koch-Instituts zeigen, dass wir das Infektionsgeschehen zwar bei den Jüngeren bremsen, nicht aber bei den Alten.

Wie kann man denn Senioren besser schützen?

Streeck: Wir dürfen sie nicht isolieren, müssen allerdings durch häufiges Testen auch von Pflegekräften und Besuchern sowie durch konsequentes Tragen von FFP2-Schutzmasken besser schützen. Ebenso könnte man Schleusen vor den Altersheimen aufbauen, und mit Hilfe von Schnelltests dafür sorgen, dass praktisch niemand mit dem Virus in das Gebäude hineingehen kann.

Jetzt scheint der harter Lockdown alternativlos. Bestätigen die explodierenden Infektionszahlen, dass man eine Pandemie nur mit strikten Verboten besiegen kann?

„Drohkulissen und Verbote reichen nicht aus“

Streeck: Drohkulissen und Verbote losgelöst von einer langfristigen Strategie reichen nicht aus. Sie haben eine kurze Halbwertszeit. Bei einer Pandemie geht es darum, jeden mitzunehmen, am Ende ist jeder von uns ein Teil der Pandemie. Die Gründe für die hohen Infektionszahlen kennen wir nicht. Aber eine mögliche Erklärung wäre, dass wir es möglicherweise immer noch nicht geschafft haben, allen Bürgern den Ernst der Lage zu vermitteln. Man muss permanent erklären, erläutern, und begründen, warum es so wichtig ist, den Empfehlungen zu folgen.

Interview: Andreas Beez

Auch interessant

Kommentare