Tote Chantal (11): Methadon-Tabletten bei Pflegeeltern

Hamburg - Chantal (11) stirbt an der Heroin-Ersatzdroge Methadon. Jetzt kommt heraus: Ihre Pflegeeltern sind drogensüchtig und seit Jahren in einem Methadon-Programm. Warum durften sie das Kind dennoch bei sich aufnehmen?

Ein Kind stirbt an einer Überdosis Methadon. Tagelang rätseln die Ermittler: Wie konnte die elfjährige Chantal aus Hamburg an die Heroin-Ersatzdroge kommen? Eineinhalb Wochen nach ihrem Tod scheint nun festzustehen: In der Pflegefamilie, in der das Mädchen seit 2008 lebte. In der Garage entdeckt die Staatsanwaltschaft 31 Methadon-Tabletten, im Spind am Arbeitsplatz des Pflegevaters eine weitere. Beide Eltern geben zu, sie seien als Drogensüchtige seit Jahren in einem Methadon-Programm.

Warum waren sie trotz ihrer Abhängigkeit Pflegeeltern? Und warum konnten sie zu sechst in einer verwahrlosten Wohnung hausen - obwohl das Jugendamt die Familie doch betreute? Der tragische Tod des Mädchens wirft viele Fragen auf. Am Donnerstag gesteht das zuständige Bezirksamt Mitte erstmals Fehler ein. Das Jugendamt habe offenbar völlig ungeeignete Pflegeeltern für Chantal ausgesucht, sagt Bezirksamts-Chef Markus Schreiber (SPD) dem Radiosender NDR 90,3. Schreiber kündigt eine „lückenlose Aufklärung“ an.

Ermittlungen wegen Verdachts der fahrlässigen Tötung

Die kleine Chantal kam 2008 in die Pflegefamilie. Zu der heute 47 Jahre alten Pflegemutter, dem 51-jährigen Pflegevater, deren beiden Kindern und einem weiteren Pflegekind (8). In eine Wohnung im Stadtteil Wilhelmsburg, der als sozialer Brennpunkt gilt. Chantals Mutter, eine Alkoholikerin, starb im Mai 2010. Zu ihrem leiblichen Vater, der ebenfalls in Wilhelmsburg lebt, hat sie regelmäßig Kontakt. Auch er nimmt Ersatzdrogen - aber nicht Methadon, sondern ein anderes Mittel.

Am 16. Januar liegt das Mädchen leblos im Bett. Die Todesursache ist zunächst unklar. Bei einem routinemäßigen Drogen-Screening im Krankenhaus fällt den Medizinern auf, dass der Methadon-Wert im Urin des Kindes stark erhöht ist. Noch am Abend von Chantals Todestag durchsuchen die Ermittler die Wohnung der Pflegeeltern, später auch die des leiblichen Vaters. Am Mittwoch rücken die Beamten erneut an, mit Drogenspürhunden nehmen sie die Räume der Pflegefamilie noch einmal unter die Lupe. Und finden die Methadon-Tabletten. Das Jugendamt nimmt alle Kinder der Familie in Obhut.

Der Pflegevater gibt an, er werde seit mehreren Jahren in dem Methadon-Programm substituiert, wie Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers am Donnerstag berichtet. Die Pflegemutter ist seit etwa zwei bis drei Jahren dabei.

Das Methadon in der Garage der Pflegeeltern wertet die Staatsanwaltschaft als „ein Puzzleteil mehr in unseren Ermittlungen“. „Die Kernfrage ist aber noch nicht beantwortet“, sagt Möllers - nämlich wie, wann und wo Chantal die Ersatzdroge nahm. Methadon ist in Tropfen- oder Tablettenform erhältlich. In welcher Form es im Körper des Kindes war, sollen Rechtsmediziner laut Möllers nun prüfen. Bei den Pflegeeltern fanden die Ermittler auch Medikamente und Plastikflaschen mit einer Flüssigkeit, die jetzt untersucht werden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bisher wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung gegen die Pflegeeltern, deren 27 Jahre alte Tochter und Chantals leiblichen Vater.

Das Bezirksamt will die Vorgänge rund um den Tod des Kindes intern aufarbeiten, wie Sprecher Lars Schmidt-von-Koss ankündigt. Bis Anfang nächster Woche solle das Jugendamt alles offenlegen. Auch die Hamburger Bürgerschaft will sich mit der Methadon-Vergiftung beschäftigen. Und schon seit Tagen trauern Mitschüler in der fünften Klasse einer Stadtteilschule um die Elfjährige: „Tschüss, Chantal!“ haben sie über ein Schwarz-Weiß-Foto des Mädchens geschrieben.

dpa

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