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Der Sommer wird heiß, doch für arme Menschen wird er noch heißer

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Von: Bettina Menzel

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Ein New Yorker sitzt bei Sonnenschein und über 30 Grad auf dem Rand eines Brunnens in der Sixth Avenue (Archivbild, 2018). © Richard B. Levine /Levine-Roberts / Imago

Der Sommer 2022 soll heiß werden. Doch nicht alle leiden gleichermaßen unter Hitzewellen - am meisten trifft es die Armen. Auch in der gleichen Stadt.

Indien im Jahr 2025: Einer Hitzewelle fallen hunderttausende Menschen zum Opfer, die Temperaturen erreichen bis zu 50 Grad. Das ist eine Szene aus dem Buch „Das Ministerium der Zukunft“ von Kim Stanley Robinson. Die Realität könnte die Fiktion bald einholen, denn im Mai 2022 suchte eine extreme Hitzewelle Indien und Pakistan heim. Das US-Klimaanalyseinstitut Berkeley Earth warnte: „Diese Hitzewelle könnte tausende Menschen töten.“ Nicht nur auf der anderen Seite der Welt leiden ärmere Menschen mehr unter der Hitze. Auch innerhalb der gleichen Stadt wird der Sommer für arme Menschen heißer als für reiche.

Die Hitzewellen werden mehr - und kommen näher

„60 Grad Bodentemperatur, Menschen, die sich unter Brücken versammeln, um sich abzukühlen. Das sind doch apokalyptische Zustände“, sagte der Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne) im Mai zu der Hitzewelle in Indien. Auch aus Zypern und Spanien war dieses Jahr bereits extreme Hitze gemeldet worden. In manchen Regionen Spaniens lagen die Temperaturen 15 Grad über den Durchschnittswerten. Die Zunahme von Hitzewellen in Europa ist nach Ansicht von Experten eine Folge der menschengemachten Klimaerwärmung.

Doch nicht alle leiden gleichermaßen. Selbst in der gleichen Stadt sind es vor allem die armen Menschen, die die Temperaturen deutlich mehr zu spüren bekommen. Dabei geht es nicht nur um schlechtere Ausstattung - wie etwa Klimaanlagen - im Privaten, sondern auch um unterschiedliche Infrastruktur. Ein Reporter-Team der New York Times recherchierte dazu im vergangenen Sommer in der US-amerikanischen Metropole New York City und veröffentlichte nun ihre Ergebnisse. Sie kamen zu dem Schluss: Die ärmeren Stadtviertel sind anders angelegt und saugen die Hitze förmlich auf. Gleichzeitig bieten sie weniger Möglichkeiten, sich abzukühlen oder den heißen Temperaturen zu entfliehen. Das hat gesundheitliche Folgen.

Hitzewelle in der Stadt: Arme Menschen leiden mehr

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Eine Straße im Stadtbezirk Queens in New York City. Die Betongehsteige speichern die Hitze (Archivbild, 2020). © John Marshall Mantel / ZUMA Wire / Imago

Die Hitze tötet etwa 350 New Yorker jedes Jahr, doch das Risiko ist nicht gleich verteilt: Schwarze New Yorker haben eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, an den Folgen von Hitze zu sterben wie weiße Einwohner, wie die New York Times zeigt. Das hat verschiedene Gründe, manche sind offensichtlicher als andere. 96 Prozent der Menschen an der Upper East Side verfügen über eine Klimaanlage, im ärmeren Stadtteil Bronx sind es 76 Prozent. Ärmere Menschen haben eher kein Auto, um aufs Land oder ans Meer zu fahren. Öffentliche Schwimmbäder sind oft überfüllt und schwer zu erreichen. Was zunächst nicht nach einem dringenden Problem klingt, kann schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. NYC erwartet im Jahr 2050 mindestens 57 Tage pro Jahr mit über 30 Grad. Abkühlung ist dann kein Luxusproblem mehr, sondern Überlebensstrategie.

Es gibt auch infrastrukturelle Unterschiede: Im Stadtteil Jamaica in Queens etwa sind die Gehsteige aus Beton, der Hitze buchstäblich aufsaugt und speichert. In der gehobeneren Gegend Jamaica Estates hingegen zieren Bäume den Weg, neben den Gehsteigen sind Rasenflächen. Diese absorbieren die Hitze deutlich besser und die Bäume spenden Schatten. Die Oberflächentemperatur unterschieden sich am selben Tag um fast sechs Grad, obwohl die Stadtteile ganz in der Nähe liegen. In der Bronx sind 63 Prozent des wohlhabenden Viertels Riverdale mit Vegetation bedeckt. Im einkommensschwachen Mott Haven im Süden hingegen sind nur 18 Prozent grün. Parks sind von ärmeren Stadtvierteln aus durchschnittlich schlechter zu erreichen und weiter weg.

Hitzewelle: Was New York mit Deutschland zu tun hat

Deutschland und die USA unterscheiden sich in vieler Hinsicht stark. Trotzdem gibt es auch in Deutschland große Unterschiede zwischen Arm und Reich. In München ist der Kontrast von Superreichen und Bedürftigen besonders groß. Laut Armutsbericht 2017 lebt etwa jeder sechste Münchner unter der Armutsgrenze. Und es gibt auch hier offensichtliche strukturelle Unterschiede zwischen Vierteln wie Grünwald und Hasenbergl.

Ein Bericht des Robert-Koch-Instituts zeigt außerdem: Arme Menschen sterben früher. Männer, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdienen, sterben rund elf Jahre früher als jene, die mindestens 150 Prozent oder mehr verdienen. Das ergab ein RKI-Bericht im Jahr 2016. Grund sind indirekte psychische und physische Faktoren wie etwa gesunde Lebensführung, Stress, Ernährung oder auch monotone oder schwere körperliche Arbeit. Die Recherche der New York Times weist nun darauf hin, dass auch die Stadtplanung eine Rolle spielt.

Nicht nur Hitze, sondern auch Überschwemmungen werden eine immer größere Gefahr. Das Jahrhunderthochwasser 2021 zählt zu den größten Flutkatastrophen in der Geschichte Deutschlands. Als Hurrikane Ida New York City unter Wasser setzte, war die Wahrscheinlichkeit zu sterben offenbar ebenfalls ungleich verteilt. Allein elf Menschen ertranken in ihren Wohnungen. Sie wohnten in günstigen Kellerappartements unter dem Straßenniveau.

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