Regeln für Bestattungen

Trends und Tabus: So trauern die Deutschen

München - Tod und Trauer werden aus dem Alltag oft verdrängt. Im Laufe der Zeit hat sich der Umgang mit Verstorbenen stark gewandelt, auch in Deutschland – es gibt regelrechte Modeerscheinungen. In einer Sache hat der Vatikan nun ein Machtwort gesprochen.

Man kennt das aus Hollywood, zum Beispiel so: Am Ende des Films rudern wahlweise Witwe oder Witwer auf das Meer hinaus, sie haben ein kleines Gefäß dabei – die Urne, darin die Asche des geliebten Partners. Traurige Musik, Tränen, und die Asche wird über das Wasser verstreut. Seebestattungen gibt es auch in Echt: Prominentes Beispiel ist der Schauspieler Robin Williams, seine Asche wurde in der Bucht von San Francisco verstreut.

Der Kirche ist das nicht Recht. Deshalb hat der Vatikan den Katholiken diese Woche das Verstreuen der Asche Verstorbener untersagt. Die Begründung: um ihre Erreichbarkeit für Gebete sicherzustellen und ihr Andenken besser zu wahren. Nach der Einäscherung müssen die sterblichen Überreste auf einem Friedhof oder an einem anderen geheiligten Ort bestattet werden, heißt es in der neuen kirchlichen Richtlinie zur Feuerbestattung, die der Präfekt der Glaubenskongregation, der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller, am Dienstag im Vatikan vorstellte. Müller kennen viele bayerische Katholiken noch – er war bis 2012 Bischof in Regensburg. Die neue Weisung verringere das „Risiko, dass die Toten von den Gebeten, die für sie gesprochen werden, abgeschirmt werden“, sagt Müller. „Wir wollen außerdem verhindern, dass die Toten vergessen werden oder dass ihnen ein Mangel an Respekt zuteil wird.“

Welche Regeln gibt es noch rund um Bestattungen? Ein Überblick.

Darf die Urne daheim aufbewahrt werden?

Wird ein Verstorbener verbrannt, ist die Aufbewahrung seiner Überreste in Privathäusern ebensowenig gestattet wie das Verstreuen der Asche auf dem Meer – zumindest wenn es nach der Lehre des Vatikans geht. „Der Leichnam ist nicht das Privateigentum der Familie“, sagt Müller. „Ein verstorbener Mensch ist ein Sohn Gottes. Er ist Teil des Leibs Christi.“ Aus diesem Grund solle ein Verstorbener mit einer öffentlichen Zeremonie bestattet werden.

Bischöfe könnten allerdings Abweichungen von den neuen Regeln zulassen, wenn es „außergewöhnliche Umstände in Zusammenhang mit örtlichen Sitten und Gewohnheiten“ gebe, so Müller. Ein Mitarbeiter des Kardinals sagte, die neuen Regeln würden nicht rückwirkend auf die Relikte von Heiligen angewandt, die nicht vorschriftsgemäß bestattet worden seien. Erst 1963 hatte der Vatikan die Feuerbestattung grundsätzlich erlaubt. Sie berühre nicht die Seele des Verstorbenen und stehe auch nicht einer Wiederauferstehung im Wege, hatte er damals argumentiert.

Was hält die Kirche von Bestattungen in Friedwäldern?

Bestattungen beispielsweise in einem sogenannten Friedwald kann die katholische Kirche zulassen, wenn sie nicht anonym geschehen, sagt Kardinal Müller. Die deutschen Bischöfe seien über diese Begräbnisform (siehe Interview) nicht erfreut; aber mit Namensnennung des Verstorbenen und eindeutiger Kennzeichnung des Ortes sei dies möglich. Eine anonyme Bestattung widerspreche hingegen dem christlichen Glauben.

Wie werden Menschen in Deutschland bestattet?

860 000 Menschen sterben in Deutschland durchschnittlich im Jahr. Davon werden laut dem Bundesverband deutscher Bestatter 45,5 Prozent beerdigt, bei 54,5 Prozent findet eine Feuerbestattung statt. Bei 2,6 Prozent der Feuerbestattungen folgt anschließend eine Seebeisetzung. Dabei wird die Asche in einer biologisch abbaubaren Spezialurne, die sich im Wasser auflöst, von einem Schiff aus ins Meer gelassen.

Wie haben sich Bestattung und Trauer verändert?

Die Bestattungsarten haben sich im Laufe der Zeit in Deutschland stark verändert. Einäscherungen sind im Vergleich zu den 1950er-Jahren um rund ein Siebenfaches gestiegen, wie aus einer Studie der „Forschungsgruppe für Weltanschauung Deutschland“ hervorgeht. Das hängt wohl auch mit der Aufhebung des Verbotes von Feuerbestattungen in der katholischen Kirche in den 1960er-Jahren zusammen – die Einäscherung war zuvor als Verleugnung der Auferstehung Christi gewertet worden.

Zudem sei ein Trend hin zu Naturbestattungen zu verzeichnen, sagt zum Beispiel Sabine Hatscher, Sprecherin der evangelischen Kirche Bremen. Dabei wird die Asche eines Menschen an einem Baum innerhalb eines ausgewiesenen Friedhofwaldstücks begraben. Außerdem gebe es heute mehr Raum für Trauer um Totgeburten. „Vor 30 Jahren hat man das nicht so ernst genommen.“

Was gibt es Neues auf dem Markt?

Im Internet entwickeln sich auch neue Formen des Geschäfts mit dem Tod. Das Berliner Unternehmen Mymoria zum Beispiel betreibt eine Online-Plattform, die die Planung einer Bestattung „sicher von zu Hause“ verspricht, und das „bei voller Kostenkontrolle“. Die Bestattungskosten sind ein heikles Thema für das Gewerbe. Es steht unter dem Generalverdacht, Verzweiflung und Hilflosigkeit Angehöriger auszunutzen, um dicke Geschäfte zu machen. Eine aktuellen Umfrage zufolge nannten aber auch 70 Prozent die persönliche Beratung als wichtigsten Punkt bei der Beurteilung eines Bestattungsunternehmens. Das könnten Online-Portale nicht bieten.

Warum gibt es in Deutschland den Friedhofszwang?

In Amerika kann die verstorbene Großmutter in der Urne auf dem Kamin-Sims stehen – in Deutschland ist das verboten. Das ursprünglich aus hygienischen Gründen in Preußen eingeführte Gesetz hat auch heute noch Berechtigung, sagt Christian Stubbe vom Bestatterverband. „Der intime Zugang muss für Angehörige, Freunde und Nachbarn stets gewährleistet sein. Auf privaten Grundstücken sind ruhige Trauermomente nicht für jeden möglich.“ Als einziges Bundesland in Deutschland ist es in Bremen seit 2015 offiziell möglich, die Asche auf Privatgrundstücken auszustreuen. Gespräche zu Lockerungen des Gesetzes gibt es auch in anderen Bundesländern.

Was steckt hinter dem Bremer Modell?

Das Gesetz erlaubt die Ausstreuung und Vergrabung des eingeäscherten Leichnams an privaten und öffentlich ausgewiesenen Stellen. Dabei muss der Verstorbene seinen Hauptwohnsitz in Bremen gehabt und vor seinem Tod einen Ort für die Verstreuung der Asche bestimmt haben. Eine dauerhafte Aufbewahrung in der Urne sei aus Gründen erschwerter Trauerarbeit nicht gestattet.

Das Gesetz – eine Initiative der Grünen – wurde von der CDU, Kirche und Bestatterverbänden heftig kritisiert. Etwa weil Angehörigen nach einem Familienstreit die Trauer am Grab verweigert werden kann, hieß es. Außerdem könnten Menschen diese Form der Bestattung aus Kostengründen wählen und womöglich Druck auf ältere Familienmitglieder ausüben. Eine herkömmliche Beerdigung kostet heute zwischen 2800 und 5000 Euro. Die Verwaltung meldet aber bislang keine negativen Erfahrungen.

mm/dpa/kna

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