Leben oder Tod

Corona: Müssen Ärzte in Deutschland auch bald Horror-Entscheidungen treffen? „Halte die letzten Betten lieber frei“

  • Kai Hartwig
    vonKai Hartwig
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Wenn die Zahl der freien Intensivbetten zu gering ist, kann Ärzten eine schwierige Entscheidung bevorstehen. Dabei geht es mitunter um Leben oder Tod.

  • Die Corona-Pandemie belastet die Gesundheitssysteme auf der ganzen Welt.
  • In vielen Krankenhäusern sind die Kapazitätsgrenzen nahezu erreicht.
  • Für Ärzte kommt es zu dramatischen Entscheidungen.

München - In seltenen Fällen werden Krankenhäuser mit einer derartigen Vielzahl an Patienten konfrontiert, dass sie derer nicht mehr Herr werden können. Bei schweren Unfällen mit extrem vielen Verletzten oder auch im Katastrophenfall stehen Ärzte beispielsweise vor der schlimmen Wahl: Sie müssen sehr schnell über Leben und Tod entscheiden.

Die Mediziner haben in solchen Szenarien festzulegen, welche Notfallpatienten zuerst behandelt werden und wem nicht mehr zu helfen ist. Ein Vorgehen, das es bereits seit dem 19. Jahrhundert gibt. Es nennt sich Triage, hergeleitet vom französischen Wort „trier“, dass übersetzt soviel wie sortieren oder aussuchen bedeutet.

Wegen Corona: Triage - Horror-Entscheidungen über Leben und Tod

Dieser Tage lässt das Coronavirus* die Intensivstationen vielerorts an ihre Grenzen kommen, deshalb entbrennen auch erneute Diskussionen um die Behandlung kranker Menschen. Denn nicht immer können Krankenhäuser denen helfen: Fehlen die Intensivbetten, müssen teilweise auch Patienten nach dem Prinzip der Triage abgewiesen werden.

So hatte es in Italien während der ersten Corona-Welle* katastrophale Zustände in den dortigen Krankenhäusern gegeben. Die Flut an Corona-Infizierten* überforderte das Gesundheitssystem des Landes, besonders schlimme Zustände herrschten in der Lombardei.

Die Mediziner wurden in emotional kaum zu ertragende Situationen versetzt. „Ich bin in eine Lage gekommen, die unmenschliche Entscheidungen verlangt“, schilderte damals die in Cremona arbeitende Ärztin Francesca Mangiatordi. Dieser Tage ist die Corona-Entwicklung ähnlich dramatisch, es könnte für viele Ärzte erneut zur Entscheidung über Leben und Tod kommen.

Corona: Schweizer Arzt musste Triage anwenden und Schwerkranken abweisen

Belgien muss die Triage schon anwenden, auch in der Schweiz gerieten einige Kliniken bereits an die Grenzen ihrer Aufnahmekapazitäten. So schilderte Bienvenido Sanchez, der als leitender Intensivmediziner in mehreren Krankenhäusern des Kantons Wallis arbeitet, das er in einem zurückliegenden Fall zum Nichtstun verdammt war.

Der Arzt musste Ende Oktober aus Mangel an Intensivbetten einen 80-Jährigen abweisen, der schwer an Corona erkrankt war. „Normalerweise hätten wir diese Person aufgenommen, damit sie mindestens eine minimale Überlebenschance hat“, beschrieb Sanchez der NZZ am Sonntag. „In der aktuellen Situation aber halte ich die letzten Betten lieber für Fälle frei, wo mehr Hoffnung besteht.

Nach Bekanntwerden des tragischen Falles im Wallis entbrannten Debatten um die Triage und deren Kriterien, die von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften im März festgelegt wurden. Besonders die in dem Leitfaden genannten Altersgrenzen wurden kontrovers diskutiert. Kürzlich wurden diese angepasst und mit einem Punktesystem aus sogenannten „Gebrechlichkeitsscores“ versehen.

Corona: Deutschland droht Intensivbetten-Knappheit in wenigen Wochen

Im Falle zu geringer Intensivbettenbestände werden in der Schweiz Menschen über 85 Jahren nicht mehr intensiv behandelt bzw. nur wenn sie fit sind oder geringe Betreuung brauchen. Auch ältere Personen über 75 Jahren mit schweren Krankheiten wie Leberzirrhose, chronischem Nierenversagen oder Herzinsuffizienz können von Krankenhäusern abgewiesen werden. Gleiches gilt für extrem pflegebedürftige Patienten über 65 Jahren. Schweizer Juristen kritisierten den Leitfaden heftig. Jeder Patient habe das Recht, untersucht zu werden.

Derweil stehen in Deutschland aktuell noch genug Intensivbetten zur Verfügung: Allerdings befürchten Experten, dass auch hierzulande bundesweit die Kapazitätsgrenze der Krankenhäuser in den nächsten vier bis acht Wochen überschritten werden könnte. Dann könnten auch deutsche Ärzte vor brutalen Entscheidungen stehen. (kh) *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes

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