Todesfälle nehmen extrem zu

Triage in Deutschland angewendet? Klinik dementiert - Weltärztepräsident fürchtet mehr solcher Entscheidungen

Welcher Corona-Patient wird behandelt und welcher Patient muss abgewiesen werden? Ein ärztlicher Direktor erklärte, dass die Triage auch in Deutschland angewendet wurde - doch die Klinik rudert zurück.

  • Am Mittwoch machte eine Aussage die Runde, in einem Krankenhaus im sächsischen Zittau sei schon mehrfach das Prinzip der Triage angewendet worden.
  • Sachsens Ministerpräsident bestätigte dies jedoch nicht. Er sprach von einem „Hilferuf“ des Klinikleiters (siehe Update vom 16. Dezember, 18.01 Uhr).
  • Auch ein eine Sprecherin des Klinikums dementiere die Triage, also die Entscheidung der Ärzte über die Reihenfolge der Behandlung der Patienten, offiziell.

Update vom 17. Dezember, 8.19 Uhr: Es klingt düster: „Es wird bei zunehmender Überfüllung der Intensivstationen immer mehr zu Triage-Entscheidungen kommen und die wird leider von den Ärzten alleine getroffen werden müssen, weil die Politik uns hier im Stich gelassen hat“, sagte Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery* der Rheinischen Post. Triage bedeutet, dass Mediziner aufgrund von knappen Ressourcen entscheiden müssen, wem sie zuerst helfen.

Die hohen Totenzahlen seien aber nicht allein ein Versagen der Politik: „Wir waren eigentlich hervorragend aufgestellt. Aber die Bevölkerung selbst hat sich nicht vorgesehen und an die Regeln gehalten und deswegen kommt es nun zur Überlastung des Gesundheitswesens. Es ist unser Ziel, die Triage zu vermeiden. Ausschließen kann man es nicht, das Risiko besteht“, sagte der Mediziner weiter. 

Patientenschützer warnen indes davor, die Behandlung von Coronavirus-Patienten von deren Überlebenschancen abhängig zu machen. „Hierzulande gilt das Prinzip, dass dem kränksten Patienten als Erstes geholfen wird“, sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Anders verhalte es sich bei der sogenannten Triage, „sie stellt das ethische Prinzip auf den Kopf“. Bei diesem Prinzip werde „erst demjenigen geholfen, dessen Überlebensaussichten besser sind“, sagte Brysch.

Brysch betonte ferner, bislang müssten deutsche Mediziner die Triage nicht anwenden, da es „ausreichend medizinische Ressourcen für alle Schwerstkranken“ gebe. Trotz der sehr unterschiedlichen regionalen Corona-Lage stünden in jedem Bundesland freie Intensivplätze zur Verfügung. Notfalls müssten intensivmedizinische Transporte per Hubschrauber oder Rettungswagen verhindern, dass Menschen unversorgt bleiben.

Triage in Sachsen? Sprecherin des Klinikums dementiert - Ministerpräsident spricht von „Hilferuf“

Update vom 16. Dezember, 18.01 Uhr: In Sachsen ist offenbar doch keine Triage angewendet worden. Eine Zittauer Klinikumssprecherin dementierte dies nun offiziell. Dr. Jana-Cordelia Petzold sprach von einem „Missverständnis. Zu keinem Zeitpunkt wurde hier jemand nicht oder nicht mehr beatmet.“

Die Sprecherin weiter: „Unsere Ärztinnen und Ärzte entscheiden über die für Patienten erforderlichen Maßnahmen und die individuellen Behandlungsnotwendigkeiten. Alle Patienten, die in unsere Krankenhäuser kommen, erhalten die bestmögliche Therapie.“

Weitere Gruppen meldeten sich zu dem Vorfall zu Wort. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und die Fachgruppe COVRIIN beim Robert-Koch-Institut (RKI) nahmen ausdrücklich zur Triage-Meldung aus Sachsen Stellung. In einer Pressemitteilung heißt es: „Das deutsche Gesundheitssystem ist stark belastet. Wir stehen aber derzeit NICHT an dem Punkt, Priorisierungen von Patienten vornehmen zu müssen!

Auch äußerte sich Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (45, CDU) am Mittwochnachmittag gegenüber der Bild. Auch er bestätigte die Triage NICHT. Der Politiker sprach von einem übertriebenen „Hilferuf“ des Klinikleiters in Zittau. Kretschmer: „Wenn man nicht gehört wird, dann wird man lauter, dann wird man drastischer“, so Kretschmer.

Kretschmer erklärte weiter: „Diese Aussage ist nicht getroffen worden. Aber es ist eben so, dass in dieser aufgeheizten Phase jedes Wort genau gewogen, interpretiert wird und sich von allein verbreitet.“

Landrat reagiert emotional: „Wie ist diese Scheiße in den Gehirnen nur entstanden?“

Am Donnerstag zeigte sich der Görlitzer Landrat Bernd Lange (CDU) in einer via Livestream übertragenen Sitzung des Kreistags sagte Lange sichtlich bewegt - offenbar noch im Glauben darüber, dass die Triage angewendet wurde: „Ich bin sehr traurig darüber, dass wir der erste Landkreis sind, in der diese Handlung offiziell passiert ist – auch wenn sie schon in ganz Deutschland angewendet wird. Ich hoffe, dass unsere Ärzte nicht zu Entscheidungen wie in Bergamo im Frühjahr kommen müssen. Soweit ist es noch nicht. Aber wenn wir uns nicht an die Regeln halten, werden wir so eine Situation nicht ausschließen können. Punkt!“

Mit Tränen in den Augen sagte Lange: „Ich bin sehr traurig. Vor allem, weil Leugner mir viele Briefe schreiben. Sie vergleichen die Lage mit 1989, als auch ich auf die Straße gegangen bin und um Freiheit gekämpft habe. Da treibt es mir die Tränen in die Augen. Da denke ich mir: Wie ist diese Scheiße in den Gehirnen nur entstanden?“

Klinik-Direktor erklärt: Erstmals Triage in Deutschland angewendet

Update vom 16. Dezember 2020, 15.30 Uhr: Es war eine unerwartet dramatische Meldung, die am Mittwoch in Deutschland für Aufsehen sorgte. In Deutschland soll erstmalig im Zuge der Coronavirus-Pandemie das Prinzip der Triage angewendet worden sein. Das erklärte ein Mediziner gegenüber t-online. Nun äußert sich das Klinikum in Zittau zu den Schlagzeilen. Wie der Träger des Klinikums, das Gesundheitszentrum des Landkreises Görlitz, am Mittwoch erklärt, sei die Lage in der Klinik tatsächlich kritisch. Die Intensivmedizin stoße durchaus „an die Grenzen des Leistbaren“, wie Spiegel.de den Träger zitiert.

Demnach könnten die Kapazitäten der Corona-Infektionsstationen, trotz insgesamt 100 Betten auf zwei Standorten aufgeteilt, nicht genutzt werden, da Personal fehle. Trotzdem würden alle Patienten, die in beiden Krankenhäusern aufgenommen werden, „die bestmögliche Therapie“ erhalten, zitiert das Portal den Träger des Klinikums weiter. Jeder Patient, der dort nicht aufgenommen werden könnte, werde in ein anderes Krankenhaus geflogen. Ob die Triage bei Corona-Patienten in dem Klinikum tatsächlich angewendet wurde, wurde in dem Statement nicht bestätigt. Die Aussagen des Mediziners vom Dienstag wurden jedoch auch nicht dementiert.

Wie Landrat Bernd Lange gegenüber radiolausitz erklärte, soll es sich bei dem Mediziner um einen „hoch beanspruchten Arzt“ handeln. Dieser habe vermutlich auf die sich zuspitzende Situation aufmerksam machen wollen. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, soll eine Sprecherin des Gesundheitszentrums des Landkreises Görlitz gegenüber der dpa bestätigt haben, dass die Aussagen der Triage-Anwendung nun überprüft werden sollen.

Erstmals Triage in Deutschland bestätigt: Klinik muss zwischen Patienten entscheiden - „Sind im Epizentrum“

Erstmeldung vom 16. Dezember 2020: Oberlausitz - Das Coronavirus* greift weiter um sich, die Zahl der Todesfälle in Deutschland steigt rapide. Am Mittwoch, 16. Dezember, wurden in Deutschland fast 1.000 Corona-Tote innerhalb eines Tages gezählt. Auch erste Kliniken kommen an ihre Belastungsgrenze. Erstmals in Deutschland hat ein ärztlicher Direktor nun bestätigt, dass auch in Deutschland das Prinzip der Triage angewendet wird. Nicht mehr jeder Patient kann die Behandlung erhalten, die er benötigt.

Corona in Deutschland: Klinik in Zittau/Sachsen muss erstmals Triage anwenden

Wie t-online berichtet, habe der ärztliche Direktor in einem Videoforum am Dienstagabend bestätigt, dass Ärzte in seiner Klinik vor der Entscheidung stünden, welchem Patienten noch geholfen werden könne. Und welche Patienten nicht mehr behandelt werden könnten. Dr. Mathias Mengel, Ärztlicher Direktor des Klinikums Oberlausitzer Bergland GmbH, bestätigt demnach, dass in dem Krankenhaus in Zittau in Sachsen bereits mehrfach das Prinzip der Triage angewendet werden musste. Gegenüber t-online bestätigt der Mediziner, dass ein kleines Team kurzfristig entscheide, wem noch geholfen werden könne.

Ein Covid-19-Patient auf einer Berliner Intensivstation: In Deutschland ist die Zahl der Todesfälle mit dem Virus sprunghaft angestiegen. (Symbolbild)

Corona in Deutschland: Nicht jeder Patient bekommt ein Beatmungsgerät - Mediziner mit schwerer Entscheidung

Da nicht genügend Intensivbetten* mit Beatmungsgeräten zur Verfügung gestanden hätten, mussten Ärzte eine schwerwiegende Entscheidung treffen. „Wir waren in den vergangenen Tagen schon mehrere Male in der Situation, dass wir entscheiden mussten, wer Sauerstoff bekommt und wer nicht“, so der Mediziner weiter. Die Patienten, die in ihrer Klinik nicht mehr behandelt werden könnten, würden auf andere Kliniken verlegt. „Aber wir sind im Epizentrum“, verdeutlicht Mengel weiter. Es gebe viele Kliniken, die Patienten nicht mehr aufnehmen würden.

Corona-Triage in Deutschland: Für manche Patienten kann bereits jetzt nichts mehr getan werden

In manchen Fällen bedeute diese Entscheidung demnach auch, dass für den Patienten nichts mehr getan werden könne. Dies sei laut t-online bereits der Fall gewesen. Nun werde überlegt, Patienten in großem Umfang in andere Bundesländer zu verlegen. In den vergangenen Stunden wurden in Sachsen rund 5.603 neue Corona-Infektionen* verzeichnet, insgesamt 1.855 Menschen verstarben mittlerweile in dem Bundesland an den Folgen einer Corona-Infektion.

Der Landkreis Görlitz, zu dem auch das nun betroffene Zittau zählt, verzeichnet laut Robert Koch-Institut (RKI) am Mittwoch, 16. Dezember 2020, eine Inzidenz von 532,6. Doch auch andere Landkreise in Sachsen stoßen offenbar an ihre Belastungsgrenzen, wie das aktuelle Dashboard des RKI zeigt.

„Die Lage in Sachsen ist außer Kontrolle“, sagte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) in seiner Rede im Landtag. Mehr als die Hälfte der Kreise in Sachsen liegen über einer 7-Tage-Inzidenz von 500. Die Bevölkerung ignoriere größtenteils die Abstandsregeln und das Tragen der Maske. Die Mobilität in Sachsen sei weiter extrem hoch, betonte Kretschmer.

Die Corona-Situation in Deutschland spitzt sich zu.

Doch nicht nur Sachsen scheint die Kontrolle über die Situation in der Corona-Pandemie* zu verlieren, ein Kollaps des Gesundheitssystems könnte laut Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans auch im Saarland bald eintreffen. Krankenhäuser hätten „die Grenzen ihrer Belastbarkeit“ erreicht, beim Pflegepersonal gebe es bereits „erhebliche Engpässe“, sagte er am Mittwoch in einer Regierungserklärung im Landtag in Saarbrücken. „Wenn wir verhindern wollen, dass zu viele Menschen sterben, wenn wir verhindern wollen, dass unsere Ärztinnen und Ärzte, unsere Pflegekräfte vor der Entscheidung stehen, wen sie noch behandeln können, dann müssen wir jetzt handeln.“ Ein Professor äußert sich nun auch zur Lage in NRW, wie wa.de berichtet.

Corona in Deutschland: Was bedeutet Triage?

Das Wort „Triage“ leitet sich von dem franzözischen Wort „trier“ ab. Darunter wird das „aussortieren“ bzw. „sortieren“ der Patienten verstanden. Sollte in einer Klinik ein großer Ansturm von Patienten zur gleichen Zeit zu bewältigen sein, müssen Ärzte über die Reihenfolge der Behandlung entscheiden. Die Triage wird jedoch nicht nur während der Corona-Pandemie genutzt. Im Alltag werden Patienten dabei oftmals nach der Schwere ihrer Verletzungen eingeteilt und nacheinander behandelt.

Bei Corona-Patienten kann die Einteilung jedoch auch auf andere Art und Weise erfolgen. Oftmals werden Patienten auch nach der klinischen Erfolgsaussicht eingeteilt. Die Gesellschaft der Intensivmediziner DIVI hatte bereits im Frühjahr eine erste Behandlungsempfehlung bei Corona-Patienten veröffentlicht. Demnach könne der Verzicht einer Behandlung bei den Patienten erfolgen, bei denen Mediziner nur geringe Heilungschancen sehen. *Merkur.de gehört zum Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk.

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