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Hinweise auf Kettenreaktion: Droht eine neue Atom-Katastrophe in Tschernobyl?

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Von: Moritz Bletzinger

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Tschernobyl: 35 Jahre nach dem Reaktorunglück findet eine nukleare Kettenreaktion in einem Kellerraum statt, die zu einer Explosion führen könnte.
Tschernobyl: 35 Jahre nach dem Reaktorunglück findet eine nukleare Kettenreaktion in einem Kellerraum statt, die zu einer Explosion führen könnte. © Roman Pilipey/dpa

35 Jahre nach der Katastrophe: In Tschernobyl zeigt sich Bewegung unter den Trümmern. Die Strahlung steigt. Das Problem liegt wohl im Keller der Ruine.

Tschernobyl - Die Reaktorruine in Tschernobyl ist nach wie vor eine Gefahr. Messungen in der Ukraine zeigen nun besorgniserregende Werte. Unter den Trümmern des zerstörten Kernkraftwerks könnte sich eine Kettenreaktion abspielen. Das Fachmagazin „Science“ vergleicht das aktuelle Geschehen mit der Restglut in einem schlecht gelöschten Grill.

Hinweise auf eine sich selbst erhaltende Kernspaltung seien zu erkennen, erläutert Anatolij Doroschenko vom Institut für Sicherheitsprobleme von Kernkraftwerken. In Block 4 melden Sensoren steigende Neutronenwerte. Die Spaltung finde aber sehr langsam statt, man habe Jahre Zeit, das Problem zu lösen, merkt Doroschenko an. Doch die Werte sollen auch schon seit Jahren steigen.

Neue Nuklearkatastrophe in Tschernobyl? Kettenreaktion findet statt - Dampfexplosion droht

Aber was passiert im zerstörten Reaktor eigentlich? Aus dem verschütteten Uran hat sich Corium gebildet. Und das spaltet sich weiter und weiter. Dadurch werden Neutronen freigesetzt, die wiederum weitere Atomkerne spalten. Eine nukleare Kettenreaktion, die grundsätzlich exponentiell wächst. Bei einer Atombombe passiert dieser Prozess beispielweise in kürzester Zeit. Eine enorme Menge an Energie wird frei.

Diese Gefahr einer Atomexplosion besteht in Tschernobyl nicht. Da geben Experten und die Ukraine Entwarnung. Dafür findet die Reaktion zu langsam statt. Die freigesetzten Neutronen werden selten genug vom nächsten Atomkern eingefangen.

Explodieren könnte ein Kellerraum aber trotzdem. Eine Dampfexplosion ist momentan das schlimmste Szenario. Sie könnte die erst vor wenigen Jahren fertiggestellte Schutzhülle zum Einsturz bringen. Die radioaktiven Substanzen lägen dann im schlechtesten Fall wieder frei.

Explosion in Tschernobyl-Reaktor möglich: Sprinkleranlage erreicht betroffenen Kellerraum nicht

Das Problem: Die Sprinkleranlage erreicht Kellerraum „305/2“ nicht. Gerade von dort stammen die höchsten gemessenen Werte. Eigentlich soll die Sicherheitsvorrichtung in Tschernobyl eine Gadoliniumnitratlösung über gefährliche Bereiche versprühen. Die Lösung fängt Neutronen sozusagen ein. Das ist im betroffenen Bereich nun aber nicht möglich.

Ursprünglich war offenbar Regenwasser in Kellerraum „305/2“ eingetreten. Was die Entstehung von Dampf ermöglicht hat. Die neue Schutzhülle verhindert das zwar mittlerweile, aber das Problem ist dadurch nicht gelöst. Beschleunigt sich die aktuell vorgehende Kettenreaktion ungünstig, kann die entstehende Wärme das restliche Wasser schlagartig verdampfen. Chemiker Neil Hyatt von der University of Sheffield warnt vor dieser „unkontrollierten Freisetzung von Kernenergie“.

Tschernobyl: Kommen jetzt Spezialroboter zum Einsatz? Element Bor kann Kernspaltung verlangsamen

Was kann nun unternommen werden? Menschen können sich dem Reaktor natürlich nicht nähern. Die Strahlung ist zu stark. Um die Lage im besagten Raum „305/2“ unter Kontrolle zu bringen, wird nun über den Einsatz von Spezialrobotern nachgedacht. Sie könnten Löcher in das radioaktive Corium bohren und diese mit Bor füllen. Das Element fängt Neutronen, wie Gadoliniumnitrat, ein. Schon bei der Löschung des Brands von 1986 wurde es in rauen Mengen über den Meiler geworfen. Durch den Einsatz von Bor würde die Kettenreaktion in Block 4 verlangsamt. Gefährliche Spaltung und dadurch die Entwicklung von Energie und Wärme würden auf ein ungefährlicheres Niveau gesenkt.

Die Spätfolgen der Reaktorkatastrophe* von vor 35 Jahren sind erheblich. Wie gefährlich die Lage heute noch ist, zeigten erst die Waldbrände im Frühjahr 2020. Rund um das Sperrgebiet standen weite Teile in Flammen. Verseuchte Wolken zogen über den Kontinent. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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