Grenzwert fast erreicht

Corona-Inzidenz-Alarm im Landkreis Tübingen! Mehrere Ausbrüche in Kindergärten und Schulen

  • Patrick Mayer
    vonPatrick Mayer
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Tübingen gilt in Deutschland mittlerweile als Vorbild für einen Weg aus dem harten Lockdown. Doch in mehreren Schulen und Kindergärten im Landkreis kommt es zu Corona-Ausbrüchen. Und nicht nur das.

München/Tübingen - Viele Begriffe in Politik und Wissenschaft sind gerne mal sperrig. Auch und vielleicht gerade in der Coronavirus-Pandemie in Deutschland. 7-Tage-Inzidenz, Reproduktionszahl (R-Wert), Mutante - was haben die Bürger in der Corona-Krise nicht alles an neuen Wörtern gelernt.

Im deutschen Bundesstaat, der wegen seiner angeblichen Schwerfälligkeit in der Kritik steht, gibt es zum Beispiel auch das sogenannte Subsidiaritätsprinzip. Dieses besagt, dass Probleme auf möglichst unterster Ebene gelöst werden sollen. An der Basis, nah beim Bürger. Dort, wo Verantwortlichkeiten klar zuordenbar sind.

Tübinger Modell in der Coronavirus-Pandemie: Ein Weg aus dem harten Lockdown in Deutschland?

Gesagt, getan, haben sich also Oberbürgermeister Boris Palmer (Die Grünen) und federführend die Notärztin Lisa Federle aus Tübingen (Baden-Württemberg) gedacht, und aus der Universitätsstadt mit ihren rund 90.000 Einwohnern ein Modell für viele andere Landkreise und Kommunen in Deutschland gemacht, wie vielleicht der Weg aus dem harten Lockdown gelingt.

Selbst Bayerns so selbstbewusster Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und die bayerische Landeshauptstadt München ließen sich zuletzt dadurch beeindrucken.

Cafés, Bars, Restaurants, Einzelhandel, Kultur, ja sogar die Kinos, alles hat in Tübingen wieder geöffnet. Voraussetzung sind tagesaktuelle negative Corona-Tests, zertifiziert durch Fachleute der Universität. An mehreren Standorten der Innenstadt stehen die Teststationen, an denen es die Nachweise gibt, ohne die nichts geht.

Die Bürger? Machen offensichtlich eifrig mit. Die Stimmung? Ist gelöst bis schwer erleichtert, so wird es zumindest aus der malerischen Mittelstadt am Neckar berichtet.

Coronavirus-Pandemie in Deutschland: Corona-Neuinfektionen steigen auch in Tübingen rasant

Doch zur Wahrheit gehört Anfang der Woche auch, dass die Covid-19-Neuinfektionen in der Region Tübingen gerade mächtig entgleiten - wie vielerorts. So berichtet das Schwäbische Tagblatt, die Regionalzeitung vor Ort, dass am 28. März im Landkreis Tübingen, rund 30 Kilometer südlich von Stuttgart, eine 7-Tage-Inzidenz von 98,8 erreicht war. Zur Erklärung: Der Landkreis Tübingen mit rund 227.000 Einwohnern schließt die Stadt Tübingen mit rund 90.000 Einwohnern ein.

Mehr noch: Die Inzidenz stieg demnach über das Wochenende um ganze 13,1 Prozentpunkte. Der Landkreis der Universitätsstadt lag damit nur minimal vor dem Corona-Notbremsen-Wert von 100, den Bund und Bundesländer in der jüngsten Ministerpräsidentenkonferenz vereinbart hatten.

Zudem wurden dem Bericht zufolge jeweils mehrere Corona-Fälle in drei Kindergärten und zwei Schulen festgestellt. In einer der nicht namentlich genannten Schulen musste eine gesamte Klasse sowie das betroffene Lehrpersonal in Quarantäne. In den Kindergärten wurden ganze Gruppen Kindergartenkinder in Quarantäne geschickt. Das Schwäbische Tagblatt beruft sich in seinem Bericht auf Angaben des Tübinger Kreisgesundheitsamts.

Corona-Pandemie in Deutschland: Karl Lauterbach und Angela Merkel kritisieren Tübinger Modell

Rathauschef Palmer erklärte der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“, dass die Sieben-Tage-Inzidenz in der Stadt Tübingen bis Sonntag auf 66,7 gestiegen sei. Am vergangenen Donnerstag hatte der Wert nach Angaben der Stadt noch bei 35 gelegen.

Von wegen Ausweg also? Zwar wird den Menschen ein großes Stück Normalität gewährt, das Infektionsgeschehen lässt sich so wohl aber nicht in den Griff bekommen.  „Auch Tübingen schafft es nicht“, schrieb SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach am 24. März auf Twitter: „Die Tests für Schulen und Betriebe fehlen noch, der Aufbau dauert.“

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) übte Kritik. Es sei „nicht der richtige Zeitpunkt“, sagte Merkel bei „Anne Will in der ARD über Modellprojekte wie Tübingen. Palmer relativierte bereits. „Wir wollen herausfinden, ob wir mit unserer Teststrategie die Pandemie besser unter Kontrolle bekommen, als andere Regionen mit Schließungen“, sagte der Oberbürgermeister an diesem Montag (29. März) bei einer Ringvorlesung der Universität Tübingen.

In Tübingen tüfteln sie derweil weiter nach einer Exit-Strategie aus dem Ewig-Lockdown. Nah am Bürger. Ganz nach dem Subsidiaritätsprinzip. (pm)

Rubriklistenbild: © Eibner-Pressefoto/Thomas Dinges via www.imago-images.de

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