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Wie sich der Ukraine-Krieg auf die internationale Arbeit im Weltall auswirkt

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Von: Max Partelly

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Frachtraumschiff Cygnus dockt an die ISS an.
Der Cygnus-Frachter ist nach Abschluss einer Mission nur wenige Augenblicke nach seiner Ablösung vom Canadarm2-Roboterarm abgebildet. © picture alliance/dpa/NASA

Das internationale Projekt der Weltraumstation ISS wurde zum politischen Spielball im Ukraine-Krieg. Wie wirkt sich der Konflikt aus?

Rund 400 Kilometer über der Erdoberfläche am Rand der Atmosphäre umkreist die International Space Station (ISS) die Erde. Sie ist ein Projekt von 16 Staaten - und wird im Ukraine-Krieg immer weiter zu einem politischen Druckmittel. Eigentlich funktioniert sie nur wenn alle am selben Strang ziehen und trotzdem kam es kürzlich zu immer mehr Meldungen, die aufhorchen lassen und teils wie eine Drohung klingen. Wie wirkt sich also der Ukraine-Krieg auf die internationale Arbeit im Weltraum aus?

Ungefähr alle 93 Minuten umkreist die ISS einmal die Erde. Immer wieder muss die Laufbahn der Station korrigiert werden. Die Korrekturen des Kurses werden bisher durch russischen „Progress“-Raumschiffe durchgeführt. Ohne die Korrektur würde sich die Geschwindigkeit der ISS verlangsamen und sie könnte irgendwann unkontrolliert abstürzen. Dieser Umstand wurde vom Chef der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos, Dimitrij Rogosin, in einer Reihe von Tweets aufgegriffen. Er behauptete, dass der Präsident der USA, Joe Biden, versuche die russische „Luft- und Raumfahrtindustrie, einschließlich ihres Raumfahrtprogramms, zu schwächen“, schreibt der Spiegel.

Ukraine-Krieg mit Auswirkungen im Weltall: Chef von russischer Raumfahrtbehörde provoziert

Rogosin stellte eine Frage, die ihm von vielen als unverhohlene Drohung im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg ausgelegt wurde: „Wer rettet dann die ISS vor dem unkontrollierten Abstieg aus der Umlaufbahn und dem Sturz auf die USA oder Europa?“ Die Risiken lägen nicht bei Russland, da die Station nicht über sein Staatsgebiet kreisen würde.

Die ISS sei ein Projekt, dass nur durch die internationale Zusammenarbeit im Weltall zustande kam und auch weiterhin nur durch diese Zusammenarbeit funktionieren kann, betonen viele und bemängeln die mutmaßliche Drohung.

Der Sicherheitsexperte Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr in München interpretiert Rogosins Aussage eindeutig als Drohung und sprach von „Russischer Mafia im All“. Er verwies auf den Umstand, dass die ISS sehr wohl auch auf russischees Gebiet fallen könne, wenn es zu einem Absturz kommen würde. Auch der frühere deutsche Astronaut Reinhold Ewald gab gegenüber dem Spiegel an, dass Rogosins Aussage „völlig unqualifiziert“ sei. Die ISS fliege natürlich auch über russisches Gebiet.

Ukraine-Konflikt wirkt sich auf Arbeit im Weltall aus - Absturz der ISS laut Experten unwahrscheinlich

Die NASA und Roskosmos gaben unterdessen Erklärungen ab, in denen sie mitteilten, dass beide Agenturen immer noch auf ein Abkommen über den Austausch von Besatzungen hinarbeiten, das vorsieht, dass die ehemaligen Rivalen des Kalten Krieges routinemäßig mit den Raumschiffen der jeweils anderen Seite kostenfrei zur ISS fliegen. Auch der Umstand, dass die Kurskorrekturen von russischer Seite bislang weiterhin vorgenommen wurden, deutet nach Ansicht von Experten nicht auf einen vorsätzlichen Versuch einen Absturz herbeizuführen hin.

Josef Aschbacher, Chef der European Space Agency (ESA), twitterte: „Ungeachtet des aktuellen Konflikts bleibt die zivile Weltraumkooperation eine Brücke.“ Die ESA arbeite weiterhin an allen ihren Programmen, einschließlich der ISS- und ExoMars-Startkampagne, um die Verpflichtungen gegenüber den Mitgliedstaaten und Partnern einzuhalten, schreibt Aschbacher weiter. Dass die Umstände angespannt sind, scheint aber auch er zu spüren: „Wir beobachten weiterhin die Entwicklung der Situation.“

Technik für europäische und amerikanische Raketen aus der Ukraine

Ein weiteres Problem, das durch den anhaltenden Krieg Russlands in der Ukraine verschärft wird, betrifft die auf der ISS stationierten Astronauten. Diese müssen sich nämlich darauf verlassen können, dass ihre Reise hin und zurück durch ein gezieltes Zusammenarbeiten der Nationen auf der Erde koordiniert wird.

Gerade die ESA ist dabei sowohl auf die USA als auch auf Russland angewiesen. Da Roskosmos als Reaktion auf die Sanktionen gegen Russland seine Mitarbeiter vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou abgezogen hat, teilte die ESA mit: „Wir werden für jede europäische institutionelle Nutzlast, für die wir zuständig sind, den geeigneten Startdienst auswählen, insbesondere auf der Grundlage der derzeit in Betrieb befindlichen Trägersysteme und der künftigen Vega-C- und Ariane-6-Trägerraketen.“ Durch die Nutzung der Vega- und Ariane-Raketen wäre man nicht von den russischen Sojus-Raketen abhängig. Der Spiegel schreibt im Zusammenhang des Abziehens der russischen Mitarbeiter von einem abrupten Stopp der Flüge.

Zwar liegt so ein alternativer Plan vor, welche Raketen sonst genutzt werden könnten, allerdings sind die genannten Varianten teils abhängig von Zulieferungen aus den Konfliktgebieten. Unter anderem die europäische Vega Rakete, welche anstelle der Sojus Raketen verwendet werden könnte, nutzt beispielsweise Bauteile eines ukrainischen Herstellers, schreibt Jonathan McDowell, Astronom des Center of Astrophysics der Harvard-Universität.

ISS ohne russische Technik anheben - ein erster Versuch

Bevor der Ukraine-Konflikt am 24. Februar in einen Krieg eskalierte, startete die Cygnus - ein Versorgungsraumschiff - aus den USA zur ISS. Erstmals soll sie anstelle der russischen Variante den Kurs der ISS korrigieren, indem sie die Station anhebt. Hierfür wurde der Hauptantrieb des Raumschiffs modifiziert.

Funktioniert das Vorhaben wie geplant, könnte das die Abhängigkeit von der Zusammenarbeit mit Russland bei den nötigen Kurskorrekturen der ISS etwas reduzieren. Nicht unerwähnt bleiben sollte dabei aber auch, dass die Cygnus mit in Russland gebauten Antriebsraketen zur ISS geflogen wurde.(mda)

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