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Gershon Luxemburg, Coach des „Jerusalem Boxing Club“ mit einem seiner Schüler

Boxen im Bunker

„Und danach küssen sie sich“

Jerusalem – Das Boxen im Bunker schweißt sie zusammen: Während Jerusalem seit Jahrzehnten geteilt ist, trainieren Palästinenser und Israelis in einem Sportclub tief unter der Erde gemeinsam. Coach Gershon Luxemburg, 67, hat einst selber gelernt, den Hass zu besiegen.

Gershon Luxemburg, 67, der Boxlehrer mit der Kippa, dreht seine Runden um den Ring, hier in West-Jerusalem, drei Meter unter der Erde. Er sieht einen ungleichen Kampf. Ramzi Srour, 20, der Palästinenser aus Ost-Jerusalem, fliegt immer wieder in die Seile. Sein Gegner Yehuda Luxemburg, 25, ein Israeli aus West-Jerusalem, ist stärker, er war bis vor kurzem Elite-Soldat. Coach Gershon Luxemburg, sein Onkel, sieht von den Seilen aus zu, wie er Ramzi Srour vor sich hertreibt.

Eingang zum Bunker: Wer in den Jerusalem Boxing Club hinabsteigen will, muss durch die graue Tür.

Beide sind Boxschüler im „Jerusalem Boxing“, dem einzigartigen Boxclub in der geteilten Stadt. Hier unten, in einem alten Luftschutzbunker aus den 1960er-Jahren, trainieren sie, die Außenseiter der israelischen Gesellschaft. Russische Migrantenkinder, Ultraorthodoxe, ein Amerikaner aus der Bronx, zwei junge israelische Schwestern, denen manchmal das Geld zum Essen fehlt. Und eine Handvoll Palästinenser. Alle zusammen. Der Bunker ist eine in Beton gegossene Utopie in einem Land, in dem der Krieg nie aufzuhören scheint.

Die Luft ist feucht, es riecht nach kaltem Schweiß. Ramzi Srour, der Palästinenser, versucht aus der Defensive zu kommen, tänzelt nach links, schlägt mit der Rechten seinen Gegner, doch der Schlag geht in die Deckung. Luxemburg, Dreitagebart, weißes Trägerhemd, hat Arme wie andere Menschen Oberschenkel. Seine linke Gerade prallt an den Armen des Palästinensers ab, mit seiner Rechten kommt er durch. Dann beendet Trainer Gershon Luxemburg den Kampf mit einer Messingglocke. Die Boxer tippen ihre Handschuhe gegeneinander. „Nicht schlecht“, sagt Yehuda Luxemburg. „Du auch nicht“, keucht Ramzi Srour. Beide schwitzen, beide grinsen.

Blick zurück: Die Bilder zeigen Momente von Gershon Luxemburgs Geschichte. Auf einem boxt er vor einem Panzer.

Coach Luxemburg tritt an den Ring. Seine Boxschüler versammeln sich um ihn. Er ist die Seele des Jerusalem Boxing Club. Er nimmt den Palästinenser Srour an beiden Schultern und schüttelt den Kopf. Er ist unzufrieden mit ihm. „Ramzi hat früher hier trainiert und ist heute Terrorist“, sagt er, das ist sein rauer Humor. Ramzi grinst jetzt wie einer, der beim Abschreiben erwischt wurde. Eigentlich boxt er besser, er ist mehrfacher Jerusalem-Champion. Aber er war länger nicht mehr beim Training. Ramzi arbeitet vormittags auf dem Bau, nachmittags studiert er Krankenpflege. „Du musst die Bewegung deines Gegners besser im Auge behalten“, sagt Gershon Luxemburg. Ramzi nickt.

Gershon Luxemburg weiß, wovon er spricht. Er kommt aus Usbekistan, war dort fünf Mal Meister im Halbschwergewicht. In den 1970er-Jahren wanderte er mit seinen zwei Brüdern nach Israel aus, war hier sieben Mal in Folge Meister. Wie er seine Gegner im Auge behält, lernte er früh. Mit sieben Jahren brachte sein Vater ihm und seinen beiden Brüdern das Boxen bei. „Er wollte, dass wir uns gegen antisemitischen Übergriffe in der Schule verteidigen können“, sagt er.

Weil damals kaum einer in Israel boxte, gründete er in den achtziger Jahren den „Jerusalem Boxing Club“. Nicht aus politischen Gründen. Über Politik spricht Gershon Luxemburg nur ungern. Eigentlich spricht er gar nicht darüber. Auch wenn Journalisten aus der ganzen Welt die Treppe runter in seinen Boxclub steigen, um den Nahen Osten besser zu verstehen. Denn Luxemburgs Bunker ist in dieser Welt eine Anomalie, die nicht ins Bild passen will. Ein Ort unter drei Meter Stahlbeton, an dem sie alle gleich sind. Palästinenser und Israelis.

Luxemburg steht jetzt in seinem winzigen Büro neben dem Boxring und kocht Kaffee. Draußen üben seine Schüler an den Sandsäcken. „Hier lernen sie Respekt“, sagt Luxemburg. „Sie sehen, dass ich die Leute respektiere, und lernen davon.“ Heute verstehen sich jüdische und arabische Sportler sehr gut, meint er. „Darauf bin ich stolz.“ Manchmal schaut er sich im Fernsehen an, wie Treffen zwischen Arabern und Juden organisiert werden, damit sie irgendwann friedlich miteinander leben können. Luxemburg hält von so was nicht viel. „Auch wenn sie dort nette Dinge sagen, sieht man, dass da keine wirkliche Nähe herrscht. Aber wenn sie hier in den Ring steigen und kämpfen, geschieht das mit Respekt. Und danach küssen sie sich.“

Anschauungsunterricht: Der Palästinenser Ramzi Srour beobachtet einen Boxkampf.

Auf einem Kühlschrank in der Ecke stehen Pokale, auf einem Rohr darüber liegt eine vergoldete Granate. An der Wand vermischt sich Luxemburgs Leben mit der Geschichte Israels. Da hängt ein Bild aus den 1970er-Jahren, aufgenommen im Yom-Kippur-Krieg zwischen Israel und den Arabern. Es zeigt den jungen Gershon Luxemburg vor einem Panzer, irgendwo in der Wüste, wie er einem Kameraden gerade das Boxen beibringt. „Zehn Minuten später fuhren wir ins nächste Gefecht“, erinnert er sich und schlürft Kaffee.

Ein Foto zeigt, wie Israels ehemaliger Ministerpräsident Ariel Sharon Luxemburg ein Pokal überreicht und ihm die Hand schüttelt. Daneben hängt das berühmte Bild, auf dem die israelische Luftwaffe über das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz fliegt. Es sind Bilder, die die Stärke Israels zeigen. Und hier mitten hinein stolperte Anfang der 1990er-Jahre der erste Palästinenser: Ismael Dschafri.

Er hatte die Werbung für den Boxstall auf dem Auto von Luxemburg gesehen, irgendwann rief Dschafri einfach an. Ob er auch kommen dürfe. Mittrainieren. „Ich habe damals Ja gesagt“ erzählt Gershon und grinst. „Ich dachte aber nicht, dass er tatsächlich kommt.“ Dschafri, der Palästinenser, war bald einer von Luxemburgs besten Boxern. Der Lastwagenfahrer aus dem Westjordanland kommt bis heute regelmäßig. Er war auch der erste Palästinenser, der beim alljährlichen Gedenkboxen für Israels gefallene Soldaten teilnahm. Gershon Luxemburg nahm ihn einfach mit. „Die Leute haben sich aufgeregt“, erzählt er. Das sei eine jüdische Veranstaltung. Luxemburg sagte: „Wie sind ein jüdischer Club, und Ismael ist Mitglied.“ Ende der Debatte. Inzwischen ist Ismael Dschafri dort sogar Ringrichter.

So ist das im Jerusalem Boxing Club: Immer geht es auch um Politik, auch wenn Luxemburg das bestreitet. Den Ring zum Beispiel hat er mit seinen eigenen Händen gebaut, die Halterung für die Seile aus den Verschlusskappen von Panzergeschossen gebastelt. Den Bunker selbst ließ die Regierung in den 1960er-Jahren bauen. In einer Zeit, in der die Existenz Israels tatsächlich nicht selbstverständlich war.

Die unterirdische Anlage steht in Alt-Katamon, einem heruntergekommenen Viertel in West-Jerusalem. Darüber haben sie einen Parkplatz hinbetoniert. Ein paar Straßen weiter, Richtung Altstadt, liegt die ehemalige deutsche Kolonie. Ein Magnet für Studenten, Künstler, Investoren. Viele neue Cafés, Kneipen und Geschäfte haben dort aufgemacht. In Alt-Katamon aber ist von dem Hype nichs angekommen. Hier bröckelt der Putz von den Wohnblocks, die Straßen sind an vielen Stellen aufgerissen.

Luxemburgs Boxclub ist wirtschaftlich gesehen völliger Blödsinn. „Die Menschen, die zum Trainieren kommen, sind arm“, sagt er. Wer zahlen kann, zahlt. Wer nicht zahlen kann, darf trotzdem trainieren. Luxemburg ist für viele hier Familie. Auch für die 14-Jährige, die in diesem Moment ins Büro kommt. Sie heißt May und hat ein paar Tage zuvor den israelischen Boxwettbewerb der Mädchen gewonnen. Heute hat sie Geburtstag. Luxemburg schenkt ihr ein paar Ohrringe und 100 Shekel – 20 Euro.

Gershon Luxemburg ist genau so schwer zu verstehen wie das Land, in dem er lebt. Er hat drei Gedichtbände veröffentlicht. Darin geht es um Frauen, die Liebe und Gott. Früher war Luxemburg ein Ultra-Rechter. Er sympathisierte mit Kahane Chai, einer jüdisch-rassistischen Organisation, die ein Großisrael errichten wollte – ohne Palästinenser. Sie unterstützten viele Anschläge auf Palästinenser und wurden schließlich von der Regierung Israels verboten.

1987 saß Luxemburg für ein halbes Jahr im Gefängnis, es folgten drei Jahre Hausarrest. Er hatte Panzerabwehrraketen gekauft, auf dem Schwarzmarkt. „Es gab damals viele Selbstmordanschläge, ich wollte meine Familie schützen“, sagt er. Damals begann die erste Intifada, der Aufstand der Palästinenser gegen die Besatzung durch Israel.

Erst Jahre später, als die ersten Palästinenser zum Boxen kamen, änderte sich seine Einstellung langsam. „Ich habe gesehen, dass sie keine Hörner und spitzen Zähne haben“, sagt er und lacht. Es klingt trotzdem nicht so, als würde er einen Witz machen.

Das Training ist zu Ende, die beiden Boxer, Palästinenser und Israeli, gehen nebeneinander die Treppe hoch. Ramzi Srour geht rüber zu seinem Motorroller. Das Teil sieht aus, als hätte es seine besten Tage lange hinter sich.

„Hey, Yehuda, dein Roller sieht aus wie meiner“, sagt er.

Yehuda schüttelt den Kopf. „Glaub ich nicht, du hast ja einen Frauen-Roller.“

Ramzi lächelt. „Aber er bringt mich dahin, wo ich will.“

„Ja“, sagt Yehuda, winkt kurz und fährt heim.

Drinnen, drei Meter unter der Erde, knipst Gershon Luxemburg das Licht aus. Übermorgen ist wieder Training.

Patrick Wehner

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