+
Die Taube und das Rhesusäffchen: Die Tiere schliefen in einer Tierschutz-Station in China in einem Käfig

Die ungewöhnlichsten Freundschaften der Tierwelt

Ein Tempelaffe, der ein Kätzchen adoptiert. Eine Hündin, die Freundschaft mit einer Eule schließt. Die Bilder dieser ungleichen Freunde rühren das Herz – und zeigen klar: Auch Tiere haben Gefühle. Sehen Sie hier die besten Bilder dieser tierischen Beziehungen:

Videos zu den ungewöhnlichsten Tierfreundschaften aus dem Buch "Unlikely Friendships"

Es geschah in einer Oktobernacht am indischen Fluss Dhadhar. Das Zuckerrohr raschelte. Ein Leopard kroch hervor. Er schien etwas zu suchen – und fand ein angebundenes Rind. Er verletzte es nicht, sondern legte sich zu ihm, der Jäger zur Beute. Zunächst hatten die Dorfbewohner Angst, versuchten, das Tier zu fangen. Doch der Leopard kam jede Nacht wieder, schmiegte seinen Kopf zur Begrüßung an den Freund – und legte sich zu ihm. Bis er eines Nachts verschwand.

Sehen Sie hier ein Video über ungewöhnliche Tierfreundschaften auf YouTube

Ein weißes Tigerbaby findet eine neue Mama

Vogel liebt Hund

Dies ist eine von 47 Tierfreundschaften, deren Geschichte die Amerikanerin Jennifer S. Holland in ihrem Band „Unlikely Friendships“ erzählt. Mal finden die Tiere in der Not zusammen, wie das Luchsbaby und das Kitz, die sich nach einem Waldbrand etwas Geborgenheit geben. Andere leben als Haustiere in einer Wohngemeinschaft wie die Katze, die sich von ihrem Kakadu so gern kraulen lässt. Manche wählen sich offenbar frei als Freunde wie der Leopard und das Rind.

Selbst erklärte Kitschverächter dürften bei diesen Geschichten feuchte Augen bekommen. Vor allem wenn Tiere, welche die Natur zu Feinden bestimmt hat, Freunde werden. Dies erscheint wie ein Blick ins Paradies. Als sei ein goldenen Zeitalter angebrochen, in dem sich der Löwe friedlich zum Lamm legt.

Der Blick des Wissenschaftlers ist das freilich etwas nüchterner: „Oft sind das Zweckgemeinschaften“, sagt Dr. Andreas Knieriem, Direktor des Münchner Tierparks Hellabrunn. Fehlt ein geeigneter Sozialpartner, tut es eben auch mal ein artfremder – im Notfall selbst ein Mensch. „Das kommt vor allem bei domestizierten Tieren vor“, sagt Knieriem. Hier ist ein Problem gelöst, das einer liebevollen Beziehung vor allem unter Raubtieren oft im Weg steht: der Kampf ums Futter. Daher muss zum Beispiel Muschi keine Angst haben, dem Appetit von Mäuschen zum Opfer zu fallen. Die schwarze Katze tauchte plötzlich im Gehege der Kragenbärin im Berliner Zoo auf. Muschi blieb – viele Jahre lang. „Vor allem Katzen gesellen sich gerne mal zu Zootieren“, erzählt der Tierparkdirektor. Sie kuscheln gerne, den Zootieren ist oft langweilig. Doch Zweck hin oder her – eins bezweifelt Knieriem nicht: dass die Tiere etwas füreinander empfinden.

Die ungewöhnlichsten Tierfreundschaften in Bildern

Die verrücktesten Tierfreundschaften in Bildern

Gefühle oder gar Empathie bei Tieren: Mit diesem Forschungsgegenstand tut sich die Wissenschaft seit Langem schwer. Natürlich fliehen Tiere bei Gefahr, wetteifern wütend um Weibchen und geben ihr Leben für ihre Kinder. Doch fühlen sie deshalb wie wir Menschen Furcht und Angriffslust, ja selbst Liebe?

Der Vater der Evolutionstheorie, Charles Darwin, war durchaus dieser Ansicht. 1872 erschien sein Werk „The Expression of the Emotions in Man and Animals“, also „Der Ausdruck von Gefühlen bei Menschen und Tieren“. Auch der berühmte Verhaltensforscher Konrad Lorenz hatte noch kein Problem zu erzählten, wie Graugans Martin jahrelang um ihren verlorenen Ganter trauerte. Doch geriet diese Sichtweise in Verruf. Forscher geißelten es als unwissenschaftlich, menschliche Gefühle in Tiere zu projizieren. „Alles nur Instinkt“, lautete jetzt die Devise.

Wer freilich länger mit Tieren zusammenlebt, tut sich schwer, diese als instinktgesteuerte Automaten zu betrachten. So schrieb auch Jane Goodall, nachdem sie viele Jahre wilde Schimpansen beobachtet hatte: „Ich beging die schlimmste Sünde der Verhaltensbiologie: Anthropomorphismus.“ – das Fachwort für das Vermenschlichen von Tieren.

Das Hauptproblem der Forschung: Tiere können nicht sagen, was sie fühlen. Und Tests, die einen direkten Zugang in das Erleben eines Wesens öffnen, gibt es nicht. „Gefühle lassen sich nicht messen“, sagt Knieriem. Der Beweis führt also über Indizien. Doch solche gibt es durchaus, zum Beispiel im Speichel von Tieren. Forscher der Uni Münster maßen den Spiegel von Cortisol, einem Stresshormon – und fanden Hinweise auf Emotionen bei den sehr sozialen Meerschweinchen. Die Forscher trennten einen Meerschweinchen-Mann von seiner vertrauten Partnerin. Die Folge: Der Cortisolspiegel stieg. Eine fremde Frau konnte das nicht ändern. Kehrte die Liebste zurück, normalisierte sich auch die Menge an Stresshormonen. Ein Nachweis eines subjektiven Empfindens ist das aber nicht.

Auch die Evolutionsbiologen trauen den Tieren Gefühle zu. Denn diese sind nützlich. Ein Tier, das gelernt hat, den Anblick eines Löwen mit Angst zu verbinden, wird fliehen, wenn es auf ein solches Raubtier trifft – ein klarer Vorteil gegenüber einem gefühllosen Konkurrenten. Auch Kinder, die von der Mutter geliebt werden, haben es leichter. So verzichtet eine gute Eisbärenmutter lieber auf ihre Beute, als ihre Kinder hungern zu lassen. „Was sollte sie dazu bringen, wenn nicht Mutterliebe?“, fragt Knieriem.

Dazu passt: Der Gehirnbereich, in dem Forscher den Sitz der Gefühle vermuten, hat sich früh entwickelt. Alle Säugetiere haben ein sogenanntes limbisches System, selbst Vögel und Reptilien. Gefühle sind also wohl uralt.

Heute kippt die Waagschale der Wissenschaft also wieder eher in Richtung Charles Darwin. „Wir haben Tiere lange unterschätzt“, sagt Knieriem. Auch, was ihre Gefühlswelt angehe. Natürlich müsse man unterscheiden: Das Gefühlsleben eines Fischs sei sicher anders als das eines Gorillas. „Aber Tiere haben Gefühle“, sagt Knieriem. „Hier vertrau ich meinem Bauchgefühl.“ Aktuelle Forschungen zeigen zudem: Manche Tiere sind sogar zu Empathie, zur Einfühlung in andere Wesen fähig. Zum Beispiel Ratten.

Und wer in die Augen des Rhesusäffchens blickt, der sanft seine Taube streichelt, kann nicht zweifeln: Das ist Liebe. Auch wenn es sich nicht beweisen lässt.

Buchtipp

Die Fotos stammen aus „Unlikely Friendships“ von Jennifer S. Holland. Das Buch ist auf Englisch bei Workman Publishing erschienen und kostet im Internet etwa 11 Euro, ISBN 9780761159131. Die Tierbilder gibt’s auch als Kalender für etwa 9 Euro.

Von Sonja Gibis

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Nach Amokfahrt: Säugling erliegt seinen Verletzungen
Melbourne - Die Amokfahrt eines jungen Mannes hat das fünfte Todesopfer gefordert. Ein Baby erlag seinen schweren Verletzungen. Der Fahrer soll psychische Probleme haben.
Nach Amokfahrt: Säugling erliegt seinen Verletzungen
16 Tote bei Busunglück in Italien
Mitten in der Nacht prallt ein Bus gegen einen Pfeiler und fängt Feuer, ein Schülerausflug endet auf grausame Weise. Bus-Experten sprechen von tragischen Umständen: Die …
16 Tote bei Busunglück in Italien
Festnahmen zwölf Jahre nach millionenschwerem Diamantenraub
Amsterdam - Zwölf Jahre nach dem Raub von Diamanten im Wert von rund 75 Millionen Euro auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol hat die Polizei sieben Tatverdächtige …
Festnahmen zwölf Jahre nach millionenschwerem Diamantenraub
Bus wird bei Verona zur Todesfalle: “Tragische Umstände“
Verona - Mitten in der Nacht prallt ein Bus gegen einen Pfeiler und fängt Feuer, ein Schülerausflug endet auf grausame Weise. Experten sprechen von tragischen Umständen: …
Bus wird bei Verona zur Todesfalle: “Tragische Umstände“

Kommentare