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Die "Unwort"-Jury besteht im Kern aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten. 

Aus 594 Vorschlägen ausgewählt

"Volksverräter" ist das "Unwort des Jahres 2016"

Darmstadt - Das letzte Mal war es „Gutmensch“. Nun gibt es ein neues Unwort des Jahres, ausgewählt aus 594 Vorschlägen: „Volksverräter“. 

Der Begriff „Volksverräter“ ist das „Unwort des Jahres 2016“. Das teilte die Sprecherin der „Unwort“-Jury, die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich, am Dienstag in Darmstadt mit. Das Wort sei „ein typisches Erbe von Diktaturen, unter anderem der Nationalsozialisten". Als Vorwurf gegenüber Politikern sei das Wort "in einer Weise undifferenziert und diffamierend, dass ein solcher Sprachgebrauch das ernsthafte Gespräch und damit die für Demokratie notwendigen Diskussionen in der Gesellschaft abwürgt".

Das Schlagwort „Volksverräter“ werde auch in sozialen Netzwerken häufig verwendet, sagte Janich. „Sprache sagt viel über Werthaltungen in einer Gesellschaft aus.“ Der Wortbestandteil „Volk“ - ebenso wie die in der Flüchtlingsdebatte genannten Begriffe „völkisch“ oder „Umvolkung“ - steht laut Jury „dabei ähnlich wie im Nationalsozialismus nicht für das Staatsvolk als Ganzes, sondern für eine ethnische Kategorie, die Teile der Bevölkerung ausschließt“.

Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) waren 2016 im Zuge der Flüchtlingskrise unter anderem von Anhängern des fremdenfeindlichen Pegida-Bündnisses als „Volksverräter“ verunglimpft worden - ebenso wie SPD-Chef Sigmar Gabriel. Im Sommer hatte der Vizekanzler in Salzgitter darauf reagiert, indem er den Pöblern den Stinkefinger zeigte.

Im Rahmen der Aktion wird jedes Jahr ein aus Sicht der Jury unmenschlicher oder unangemessener Begriff aus dem öffentlichen Gebrauch gewählt, um so für einen sensibleren und kritischeren Umgang mit Sprache zu werben. Die Jury nominierte in diesem Jahr neben "Volksverräter" kein weiteres Unwort. Sie begründete dies damit, dass sie der mit der Wahl ausgedrückten Kritik an dem derzeit in sozialen Netzwerken, aber auch in der Politik "zunehmenden Sprachgebrauch mit faschistischem und fremdenfeindlichem Hintergrund" mehr Gewicht verleihen wolle.

SPD-Generalsekretärin: „Ekelhaftes Unwort“

Die Kür des „Unworts des Jahres 2016“ ist aus Sicht von SPD-Generalsekretärin Katarina Barley eine gelungene Wahl. „„Volksverräter“ ist wirklich ein ekelhaftes Unwort“, sagte die Sozialdemokratin am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. „Wer andere als „Volksverräter“ beschimpft, will nicht diskutieren, sondern provozieren.“

Der Begriff belebe Nazi-Vokabular wieder und unterstelle Demokraten, sich nicht für ihr Land und die Menschen einzusetzen. „Das Gegenteil ist der Fall: Hetzer, Spalter und Populisten wollen den Zusammenhalt in Deutschland zerstören“, sagte Barley.

CDU-Generalsekretär: „Volksverräter“ hat politische Debatte vergiftet

Auch CDU-Generalsekretär Peter Tauber findet es richtig und gut, dass der Begriff „Volksverräter“ zum „Unwort des Jahres 2016“ bestimmt wurde. „Der Begriff hat die politische Debatte vergiftet. Mit ihm wird anderen Menschen abgesprochen, dass sie in ihrem Tun das Wohl unseres Landes und seiner Menschen zum Maßstab nehmen“, sagte er am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Und er wird häufig von Menschen benutzt, die für sich in Anspruch nehmen, festzulegen, wer zum Volk gehört, und damit Menschen bewusst ausgrenzen.“ 

Weitere Favoriten bei der Wahl zum "Unwort des Jahres 2016"

Begriffe zum Thema Flüchtlinge gehörten wieder zu den Favoriten für das Unwort des Jahres 2016. Als aussichtsreich galten Schlagworte wie etwa "Umvolkung" und "Rapefugee" - Letzteres ist eine Kombination aus "Rape" (Vergewaltigung) und "Refugee" (Flüchtling).

Diese Bezeichnungen entsprechen den Kriterien und sind häufig vorgeschlagen worden. Die sprachkritische Jury entscheidet aber unabhängig. Das Gremium richtet sich nach Angaben der Sprecherin Nina Janich nicht nach der Häufigkeit der Vorschläge. Bereits für 2015 war mit "Gutmensch" ein Begriff zum "Unwort" gewählt worden, der aus der Flüchtlingsdebatte stammt.

Für das "Unwort des Jahrs 2016" sind auch zwei vor kurzem häufig genannte Begriffe eingesendet worden: die Schlagworte "Nafri", im Polizeijargon für "nordafrikanischer Intensivtäter" verwendet, sowie "Fake News" für absichtliche Falschinformationen. Sie dürften bei der Auswahl laut Janich aber eher nicht in der engeren Wahl stehen.

Die "Unwort"-Aktion gibt es seit 1991. Für 2016 sind 1064 Einsendungen mit 594 verschiedenen Vorschlägen eingegangen. 2015 hatte es 1644 Einsendungen gegeben, mehr als in den Jahren 2014 (1246) und 2013 (1340).

Die "Unwort"-Jury besteht im Kern aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten. Die Aktion mit Sitz in Darmstadt will für Sprache sensibilisieren und auf undifferenzierten, verschleiernden oder diffamierenden Gebrauch aufmerksam machen. 

Neben dem „Unwort des Jahres“ gibt es auch das „Wort des Jahres“. Dieser Begriff wird unabhängig von der sprachkritischen Jury mit ihrer Sprecherin in Darmstadt von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden gewählt. Für 2016 entschied sie sich für den Begriff „postfaktisch“. Zur Begründung hieß es, in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen gehe es zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten.

Die „Unwörter“ vergangener Jahre

2015, „Gutmensch“: Der Vorwurf diffamiere Hilfsbereitschaft und Toleranz pauschal als naiv und dumm, begründet die „Unwort“-Jury.

2014, „Lügenpresse“: Diese pauschale Verurteilung „verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit“, so die Jury.

2013, „Sozialtourismus“: Der Ausdruck diskriminiert laut Jury Menschen, „die aus purer Not in Deutschland eine bessere Zukunft suchen, und verschleiert ihr prinzipielles Recht hierzu“.

2012, „Opfer-Abo“: Das Schlagwort prägte Wetter-Moderator Jörg Kachelmann. Er meinte damit, dass Frauen immer wieder die Opferrolle zugesprochen werde. Die Jury kritisiert, der Begriff stelle Frauen pauschal unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und damit selbst Täterinnen zu sein.

2011, „Döner-Morde“: Dieser Begriff ist für die Mordserie der rechtsextremistischen NSU-Terroristen verwendet worden. Mit der „sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung“ würden ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt, erklärt die Jury.

2010, „alternativlos“: Das Wort suggeriere zu Unrecht, dass keine Diskussion mehr notwendig sei.

2009, „betriebsratsverseucht“: Damit würden Arbeitnehmer-Interessen in völlig unangemessener Weise als Seuche dargestellt.

2008, „notleidende Banken“: Der Begriff stelle das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise auf den Kopf.

dpa/afp

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