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USA: Irak-Kommission denkt über Abzug nach

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- München - Gewalt gehört in Bagdad zum Alltag, doch so etwas hat die irakische Hauptstadt noch nicht erlebt: Gestern Morgen sperren Männer mit modernen Waffen und Polizeiuniformen die Straße vor dem staatlichen Institut für Kulturforschung. Sie durchkämmen das Haus, sperren die Frauen ein. Die männlichen Beamten werden auf Lastwagen verladen und abtransportiert.

US-Soldaten sind nach Augenzeugenberichten weit und breit nicht zu sehen. Am späten Dienstagabend werden einige Opfer freigelassen, das Schicksal der anderen bleibt unklar. Unter Tatverdacht: irakische Polizisten.

Der US-Armee ist die Lage in Bagdad schon vor Monaten entglitten. Der US-Kongress hatte deshalb bereits im März eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die neue Strategien für diesen in den USA inzwischen so ungeliebten Krieg entwickeln soll. Das Gremium ist hochkarätig besetzt - mit Republikanern und  Demokraten. Nach dem Wahlsieg der Demokraten vor einer Woche ist die Gruppe quasi über Nacht zum Hoffnungsträger der Nation geworden.

Geleitet wird sie von einem Tandem: James Baker, einst Außenminister unter Bush-Senior und an der deutschen Wiedervereinigung beteiligt, vertritt die Republikaner. Ihm zur Seite steht der einstige demokratische Kongressabgeordnete Lee Hamilton. Weitere Mitglieder sind beispielsweise die Ex-Richterin am Obersten Gericht Sandra Day O'Connor, Ronald Reagans Außenminister Lawrence Eagleburger und Ex-Verteidigungsminister William Perry.

In Bagdad haben sie mit nahezu allen wichtigen Funktionären und Ministern gesprochen. In Washington trafen sie sich am Montag mit Präsident Bush, seinem Vize Cheney sowie Außenministerin Rice. Gestern gab es eine Videokonferenz mit Tony Blair.

Mögliche Ergebnisse werden gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Doch aus bisherigen Äußerungen und den Zwängen der neuen Machtverhältnisse in Washington lässt sich einiges schließen: Ein sofortiger Rückzug wird eigentlich nur von einigen Demokraten für realistisch gehalten. Allerdings hört man auch unter Republikanern vermehrt Stimmen, die einen Zeitplan für den Abzug verlangen. Irakische Sicherheitskräfte sollen demnach Schritt für Schritt die Verantwortung übernehmen.

Nicht ausgeschlossen wird dabei, dass die Zahl der US-Truppen vor dem Abzug vorübergehend sogar erhöht wird - um die Ausbildung der Iraker zu forcieren und die Lage in der Hauptstadt ein wenig unter Kontrolle zu bringen. Auch die jüngsten Rufe nach mehr Dialog mit Iran und Syrien, unter anderem von Tony Blair, dürften durch die Baker-Gruppe im Dezember neue Nahrung erhalten.

Doch die meistgehörte Formel zum Thema lautet: "There is no silver bullet." Es gibt kein Patentrezept. Die Vorschläge haben gute Chancen auf Umsetzung. Denn Robert Gates ist erst vor wenigen Tagen aus der Kommission ausgeschieden - um als Verteidigungsminister den Schaden beim Irak-Feldzug zu minimieren.

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