+
Tarik Jahan muss mit ansehen, wie sein Sohn von einem Auto überfahren wird und verblutet. Doch dem Ruf nach Rache gibt der Vater nicht nach - er hat damit wohl einen neuen schlimmen Gewaltausbruch in England verhindert.

Vater von Todesopfer verhindert Gewalt

London - Tarik Jahan muss mit ansehen, wie sein Sohn von einem Auto überfahren wird und verblutet. Doch dem Ruf nach Rache gibt der Vater nicht nach - er hat damit wohl einen neuen schlimmen Gewaltausbruch in England verhindert.

Aktuelle Entwicklungen zu den Krawallen in England finden Sie in unserem Live-Ticker!

Wut, Trauer und Tränen. Tarik Jahan kann sie nur mit Mühe unterdrücken. Der stämmige grauhaarige Einwanderer aus Südasien ringt um Fassung. Er steht auf der Straße in Winson Green, einem Arme-Leute-Viertel in Birmingham, ist umringt von zornigen Nachbarn. Manche wollen Rache für den Mord an drei jungen Männern aus der Umgebung. Von Jahan hängt maßgeblich ab, ob England zur Ruhe kommen kann nach nächtelangen Krawallen oder ob die Gewalt erneut eskaliert. Jahan spricht bedächtig, aber mit fester Stimme: “Wer auch einen Sohn verlieren will, der soll jetzt vortreten.“

Die "Schlacht um London": Bilder von den Krawallen

Die "Schlacht um London": Bilder von den Krawallen 

Das sagt dieser Vater wenige Stunden nachdem sein Kind vor seinen Augen verblutet ist. Wie viel Kraft muss so ein Mann aufbringen, um nicht zu weinen oder wütend Auge um Auge, Zahn um Zahn zu fordern? Jahan hält ein Foto seines Sohnes hoch, ein freundliches Lächeln auf einem klugen Gesicht. 21 Jahre wurde Haroon Jahan. Er starb gemeinsam mit Shazad All (30) und Abdul Musavir (31).

Die drei gehörten zu einer Gruppe von Männern, die in Winson Green Geschäfte, Wohnungen und eine Moschee vor Plünderern schützen wollten. Ein schwarzer Wagen, so berichten Augenzeugen, raste direkt auf die Männer zu, riss sie zu Boden. Am Steuer und auf den Sitzen, heißt es, habe man “karibische Afrikaner“ gesehen.

Mehr als drei Viertel der knapp 26 000 Einwohner von Winson Green gehören verschiedenen “ethnischen Minderheiten“ an. Es gibt etliche Beispiele für gute, friedliche Nachbarschaft. Auch zwischen Muslimen aus Pakistan oder Indien und Nachfahren von afrikanischen Sklaven, die einst in die Karibik verschleppt worden waren. Aber es kam in Birmingham auch immer wieder zu blutiger Gewalt zwischen Schwarzen und Asiaten.

Clifton Stewart hat solche Exzesse miterlebt. Auch deshalb ist der 80-jährige, der 1960 aus Jamaika nach Birmingham kam, einer der ersten “karibischen Afrikaner“, die den Familien der Ermordeten ihr Beileid bekunden. Wie Stewart weiß auch Jahan, dass die Gefahr eines neuen Gewaltausbruchs groß ist, dass eine klare Friedensbotschaft gebraucht wird.

“Ich habe versucht, meinen eigenen Sohn wiederzubeleben“, berichtet Jahan. “Mein Gesicht war von Blut bedeckt, meine Hände waren voller Blut“, schildert er das, was Premierminister David Cameron bei einem Blitzbesuch in Birmingham einen “wirklich schrecklichen Vorfall“ nennt. “Schwarze, Asiaten, Weiße“, fährt Jahan fort, “leben alle im selben Viertel. Warum müssen wir uns gegenseitig töten?“ Die Menge beruhigt sich mehr und mehr. “Leute“, sagt Jahan, den später so mancher “Held von Birmingham“ nennt, “ich will keine weiteren Leiden sehen, keine weiteren Verletzten. (...) Mein Sohn ist gestorben. Niemand von euch muss deshalb auch sterben.“ Und fügt hinzu: “Mein Sohn starb, weil er versucht hat, die Gemeinschaft zu verteidigen, in der er lebte. Wir sind alle Teil dieser Gemeinschaft. Also, bitte, geht nach Hause.“ Niemand, notieren Reporter, wolle Jahan jetzt noch widersprechen.

dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Bahn drohen wohl weitere Verzögerungen bei Stuttgart 21
Stuttgart - Der Deutschen Bahn drohen nach einem Medienbericht weitere Verzögerungen beim umstrittenen Projekt Stuttgart 21. An einem Abschnitt dürfen vorerst keine …
Bahn drohen wohl weitere Verzögerungen bei Stuttgart 21
Hilfe unter Extrembedingungen nach neuen Erdbeben in Italien
Rom - Zwischen Schnee und Trümmern suchen die Einsatzkräfte in der Erdbebenregion in Mittelitalien auch am Tag nach der neuen Serie schwerer Erdstöße weiter nach …
Hilfe unter Extrembedingungen nach neuen Erdbeben in Italien
Klima-Schreckensjahr 2016: Dritter Temperaturrekord in Folge
Washington - Die Klimaforscher müssen sich wiederholen: Nach 2014 und 2015 hat auch 2016 den globalen Temperaturrekord gebrochen. Es war so warm wie noch nie seit Beginn …
Klima-Schreckensjahr 2016: Dritter Temperaturrekord in Folge
2016 bricht als drittes Jahr in Folge den Temperaturrekord
Warm, wärmer, 2016: Das Jahr ist nun schon das dritte in Folge mit Temperaturrekord. Forscher weltweit schlagen Alarm - auch wenn 2017 etwas kühler werden könnte gehe es …
2016 bricht als drittes Jahr in Folge den Temperaturrekord

Kommentare