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Michael Hesemann trifft Papst Benedikt XVI. im Oktober 2011 während einer Audienz im Vatikan.

Vatikan-Experte Hesemann

"Große Chance für Papst aus der Dritten Welt"

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München - Vatikan-Experte Michael Hesemann meint: Die Chance ist groß, dass nach dem Rücktritt Benedikts XVI. der nächste Papst aus der Dritten Welt kommt. Zum Interview mit merkur-online.de

Michael Hesemann ist ein Vatikan-Insider. Der renommierte Historiker verfasste zuletzt "Jesus in Ägypten. Das Geheimnis der Kopten". Aus tiefgehenden Gesprächen mit Georg Ratzinger entstand 2011 das Bestseller-Buch "Mein Bruder, der Papst." Hesemann kennt Papst Benedikt XVI. über den er das Wer "Benedetto! Benedikt XVI., die Kirche ist jung!", verfasste, zudem von persönlichen Begegnungen. Wir sprachen mit ihm über den Rücktritt von Papst Benedikt XVI, das Erbe des Pontifex sowie dessen möglichen Nachfolger.

Herr Hesemann, Sie haben Papst Benedikt XVI. zuletzt am Wochenende beim 900. Jubliäum des Malteserordens in Rom erlebt. War dieser Rücktritt absehbar?

Nun, wir sahen alle, wie seine physischen Kräfte nachließen, auch wenn er, als er sprach, so verschmitzt und fröhlich wie eh und je wirkte und uns alle segnete. Trotzdem war es schon ein Schock, als wir schon letztes Jahr sahen, dass der Heilige Vater auf einem Rollpodest zum Papstaltar gefahren wurde, denn das erinnerte nur zu deutlich an die letzten Jahre von Johannes Paul II. Natürlich, die Ursache war nur eine Arthrose im Knie, aber der dadurch bewirkte Bewegungsmangel wirkt sich doch auf den gesamten Organismus aus.

Pressestimmen zum angekündigten Papst-Rücktritt

Pressestimmen zum angekündigten Papst-Rücktritt

Gab es noch weitere Anzeichen?

Als er seinen treuen Sekretär Georg Gänswein am 6. Januar zum Erzbischof weihte, war dies schon ein deutliches Zeichen: Er bestellt sein Haus. Das Pontifikat neigt sich dem Ende zu. Papst Benedikt hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass er sich die Option eines Rücktritts offenlässt, wenn seine physischen Kräfte nicht mehr reichen. Von dieser Option hat er jetzt Gebrauch gemacht.

Wie empfinden Sie den Rücktritt?

Das ist für uns als Katholiken, die wir gerade diesen deutschen, nein: bayerischen Papst geliebt haben wie einen Vater, eine traurige Nachricht. Aber dieser Schritt verdient vor allem unseren größten Respekt. Er zeugt von der großen Demut Benedikts XVI., davon, dass ihm die Kirche so sehr am Herzen liegt, dass er sich ganz zurücknimmt und buchstäblich hinter das Petrusamt zurücktritt. Tatsächlich ist der Gegenwind für das Schiff Petri in den letzten Jahren so viel stärker geworden. Da braucht es starke Schultern, um es sicher durch die Zeit zu lenken.

Natürlich wird bereits über mögliche Nachfolger spekuliert. Haben Sie schon eine Vermutung, wer die besten Aussichten hat, Nachfolger Benedikts XVI. zu werden?

Von jedem, den ich Ihnen jetzt nennen könnte, kann man fast sicher sein, dass er es nicht ist. Denn es ziehen immer viele „Päpste“ ins Konklave, die es dann als ganz normale Kardinäle wieder verlassen. Aber ich denke, große Chancen hätte ein Kardinal aus der dritten Welt, etwa aus Afrika, wo die Kirche, anders als im alten Europa, ständig wächst. Das wäre vielleicht ein schönes Symbol für die Globalisierung der Kirche und ein Signal an die Christen der dritten Welt: Wir brauchen euch, ihr seid wichtig für die Zukunft der Kirche!

"Fragen an mich": Der Papst antwortet den Gläubigen

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Kann Benedikt XVI. in irgend einer Form die Wahl seines Nachfolgers beeinflussen? Etwa, indem er den Kardinälen eine „Wahlempfehlung“ mitgibt?

Papst Benedikt hat mit jeder Kardinalsernennung den Kreis seiner Nachfolger definiert. Ich denke, er ist zu demütig, als dass er eine „Wahlempfehlung“ geben würde; das überläßt er dem Heiligen Geist.

Welche Herausforderungen kommen auf den neuen Papst zu?

Sehr viele. Ich war ja gerade am Wochenende in Rom, da wird jetzt der Petersplatz renoviert. Die Hälfte der Kolonnaden erstrahlt schon in neuem Glanz, die andere Hälfte ist noch hinter Baugerüsten versteckt. Ich denke, es gibt kein besseres Bild für die momentane Situation der Kirche. Es ist schon viel getan, der Kurs ist schon festgelegt durch diesen großen Theologenpapst, aber es warten auch noch viele Baustellen auf seinen Nachfolger.

Welche sind das konkret?

Da wäre an erster Stelle eine Kurienreform zu nennen, mit der Benedikt XI. begonnen hat, die aber noch eine Reihe energischer Schritte verlangt. Da stieß der Ratzinger-Papst, der ein herzensguter, bescheidener Mensch ist, der nie laut werden oder auf den Tisch hauen könnte, an seine Grenzen. Es wäre ihm wohl schwergefallen, notwendige Umbesetzungen vorzunehmen, denn er mochte Menschen nicht verletzen. Das gleiche gilt für die Weltkirche.

Wo liegt es in der Weltkirche im Argen?

Wenn man sieht, dass von Theologen, ja sogar von Bischöfen Ansichten vertreten werden, die nicht in Einklang mit dem Lehramt stehen, dann wird schnell der Ruf nach einem energischeren Papst laut. Beten und hoffen wir, dass sein Nachfolger trotzdem auch ein Menschenfischer sein wird, einer, dem es gelingt, die Herzen der Gläubigen zu erreichen und auch viele Nichtgläubige für die Kirche zu gewinnen.

Wie bewerten Sie das Pontifikat Benedikts XVI., das sich nun seinem baldigen Ende zuneigt?

Es war ein großes, ja ein historisches Pontifikat, das uns so reich beschenkt hat. Ich denke da an erster Stelle an seine mutige Reflektion unserer Zeit, die er so treffend als „Diktatur des Relativismus“ definierte. Ich denke daran, wie viele junge Menschen er für den Glauben begeistert hat, durch seine klaren, wahren Worte und seine tiefe Menschlichkeit. Vor allem aber denke ich an sein geradezu epochales theologisches Erbe, denn es war ein Pontifikat des Lehramtes.

Papst Benedikt XVI. in Deutschland: Die besten Bilder

Papst Benedikt XVI. in Deutschland: Die besten Bilder

Was blieibt vom Besuch in Deutschland?

Seine Rede vor dem deutschen Bundestag wird als Magna Charta einer christlichen Gesellschaft in die Geschichte eingehen, seine Freiburger Rede sollte nicht nur für die Kirche in Deutschland Weichen stellen. Und schließlich sind die großen Jahrfeiern zu nennen, das Paulusjahr, das Priesterjahr und jetzt das Jahr des Glaubens, in dem wir uns befinden. Möge das nächste Pontifikat die Weichen stellen, damit die Kirche diese reichen Früchte ernten kann!

Fragen: Franz Rohleder

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