Vogelgrippe: Der Kampf gegen die Panik

- München - Ostanatolien, so sagen die, die dieses Land lieben, sei einer der romantischsten Flecken der Erde. Gewaltige Berge, bis zu 5000 Meter hoch, teils schneebedeckt, endlose Steinwüsten, rot glühende Felsen, Nomadenzelte und einsame Dörfer aus Lehmhütten. Doch seit Anfang Januar geht hier die Angst um: die Geschwister Hülya (11), Mehmet Ali (14) und Fatma (15) aus Dogubeyazit starben binnen weniger Tage am Vogelgrippe-Virus H5N1. In Deutschland, nur drei Flugstunden entfernt, sagt man: "Der Virus wird bald an unserer Tür anklopfen." Auch die Deutschen haben Angst - die Angst ist am ansteckendsten.

Die Deutschen haben Angst. Die Angst ist am ansteckendsten.

Die Angst ist längst nicht neu - horten die Deutschen doch aus Panik vor einer möglichen Vogelgrippe-Pandemie seit Monaten Tamiflu, ein Neuraminidasehemmer, neben Relenza das momentan einzig wirksame Medikament gegen Vogelgrippe. Nur jetzt, jetzt scheint der Tag X erschreckend nah - wenn er denn kommen wird. "Es wäre eine Illusion zu glauben, die Vogelgrippe könne nicht in Bayern ausbrechen", sagt Roland Eichhorn, Pressesprecher im Bayerischen Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz. Aber: "Wir sprechen immer noch von einer Tierseuche." Es gebe, so lange sich das Virus nicht aggressiv verändere, keinerlei Indizien für eine Ansteckung von Mensch zu Mensch. Angst aber ist nicht zugänglich für Argumente. Da mag einige auch nicht die Nachricht beruhigen, dass Bayern ausreichend Tamiflu-Vorräte angelegt hat; immerhin können 15 Prozent der Bevölkerung im Ernstfall damit versorgt werden. Oder dass der Pharmakonzern GlaxoSmithKline bei der Europäischen Arzneimittelagentur die Zulassung eines Musterimpfstoffs beantragt hat.

Einen Haken hat die Sache allerdings: Der spezifische Virus kann frühestens drei Monate nach Beginn der Pandemie, wenn das verursachende Virus bekannt ist, produziert werden. Viele bleiben also verunsichert. Ärzte und Apotheker bekommen dies mitunter am meisten zu spüren. Da stehen die Besorgten plötzlich in der Praxis oder im Geschäft und verlangen dringend das verschreibungspflichtige Tamiflu, obwohl, wie Eichhorn sagt, "das Rezept wirklich nur dann ausgegeben werden darf, wenn eine Indikation vorliegt".

Zur besseren Kontrolle gibt es vom Bundesgesundheitsministerium eine Maßgabe an Apotheken, entsprechende Rezepte auf Tamiflu oder Relenza nicht mehr zu bedienen, wenn nicht eine nachgewiesene Infektion dahinter steht. "Das ist natürlich schwer zu überprüfen. Wir sind doch keine Ärzte", sagt Serpil Türedi von der Münchner "Apotheke am Justizpalast". Allerdings sei die Zahl der Kunden, die mit einem Rezept auf Tamiflu kommen, seit einem Boom im Herbst gesunken. Das bestätigt auch Andrijana Jaukoci von der "Sonnenapotheke". "Die Ärzte verschreiben wohl inzwischen wieder weniger", vermutet sie. Aber auch ohne Rezept, einzig mit der Begründung, sie hätten Angst vor einer Pandemie, versuchen die Kunden an Tamiflu zu kommen - keine Chance: "Mir bleibt nur, die Kunden zu beruhigen. Es besteht schließlich kein Grund zur Panik."

Keine Panik. Auch Roland Eichhorn sagt: "Bloß keine Panik." Und zählt, scheinbar ohne Luft zu holen, weiter auf, welche Maßnahmen man in Bayern noch in der Hinterhand hält beziehungsweise bereits umsetzt: stark verstärkte Zollkontrollen, hohes Kontrollniveau am Flughafen und "Tötungsmaschinen" für Hühner - leistungsstarke Elektromaschinen können im Ernstfall bis zu 4000 Hühner in der Stunde töten. Nur gegen die Angst vor der Angst, dagegen gibt es keine Maschinen. Und auch keine Pläne.

Auch interessant

Kommentare