Vorwürfe gegen Hallenbesitzer

- Warschau/Kattowitz - Im Dach der eingestürzten polnischen Halle soll es schon vor Jahren Risse gegeben haben: Drei Tage nach dem tragischen Halleneinsturz im oberschlesischen Kattowitz (Katowice) mit mindestens 65 Todesopfern wurden immer neue Vorwürfe gegen die Messefirma laut. Der Leichtmetallbau aus dem Jahr 2000 hatte nach Angaben ehemaliger Mitarbeiter schon im Jahr 2002 bauliche Schäden aufgewiesen. "Wir sind geflohen, als plötzlich Schrauben herunterstürzten", sagte einer von ihnen der Zeitung "Rzeczpospolita". Bei der Vorbereitung auf eine Messe seien Risse im Hallendach, das von Schnee bedeckt war, entdeckt worden.

Damals seien zusätzliche Metallstützen eingebaut worden. Schon am Eröffnungstag der in Eile erbauten Halle sei Wasser durch die Decke eingedrungen, sagte ein anderer ehemaliger Mitarbeiter der "Gazeta Wyborcza".

Bei der Beseitigung der Trümmer entdeckten die Einsatzkräfte am Dienstagvormittag zwei weitere Leichen, am Abend einen Toten auf dem Gelände des ungarischen Messestands. Die Zahl der Toten stieg damit auf 65, unter ihnen sind auch zwei Deutsche und sechs andere Ausländer. Um das Leben eines der mehr als 140 Verletzten kämpften die Ärzte noch. Die Suche nach Leichen soll auch in den kommenden Tagen fortgesetzt werden, kündigte die Einsatzleitung an. Drei Menschen werden noch vermisst.

Für die Opfer sind in den nächsten Tagen Trauerfeiern geplant. Ob es eine gemeinsame Totenmesse für alle Opfer gibt, werde derzeit noch mit den Angehörigen erörtert, berichtete der Rundfunk. Am Dienstagnachmittag wurde im südpolnischen Bachowice als erstes Opfer ein 29 Jahre alter Mann beerdigt. Er hinterlässt eine Frau und eine fünfjährige Tochter.

Inmitten der Aufräumarbeiten machten sich am Dienstag auch Gutachter daran, nach der Ursache für den Einsturz des Daches zu suchen. Zwei Gruppen von Technikern und Wissenschaftlern versuchten, sich durch das fast undurchdringliche Gemenge aus zerrissenen Kabeln, geborstenen Stahlteilen und zerstörten Messeständen zu arbeiten. Bereits am Montag hatte eine Untersuchungskommission von Staatsanwälten, Polizei und Feuerwehr ihre Arbeit aufgenommen.

Bauexperten überprüfen nun mögliche Konstruktionsfehler oder möglichen Materialverschleiß. Bislang wird vermutet, dass die Tonnen schwere Schneedecke auf dem Dach der Leichtmetallkonstruktion die Katastrophe zumindest auslöste. Als nahezu sicher gilt, dass schwere Sicherheitsmängel zur Tragödie beitrugen und die Notausgänge verschlossen waren. Die flüchtenden Hallenbesucher verloren wahrscheinlich wertvolle Zeit, weil sie die Türen gewaltsam einschlagen mussten.

Ministerpräsident Kazimierz Marcinkiewicz reiste am Dienstag erneut nach Kattowitz, um sich am Unglücksort über die Untersuchung zu informieren. Am Mittwoch wollte er sich auch mit Helfern und den Psychologen treffen, die die Unglücksopfer und ihre Angehörigen betreuen. In der Warschauer Synagoge fand am Dienstagabend ein ökumenischer Gottesdienst für die Opfer statt, bei dem auch Geld für die Hinterbliebenen des Unglücks gesammelt wurde. In einem neben der Synagoge geparkten Rettungswagen konnte außerdem Blut gespendet werden.

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