Die Wahl als Familienausflug

- Bagdad/Tikrit - Die 52. Straße im Bagdader Stadtviertel Wahda ist normalerweise eine belebte, von Staus geplagte Geschäftsmeile. Doch an diesem Sonntag schlendern ganze Familien, Ehepaare, Schiiten und Christen zu Fuß die lange, leere Straße entlang. Die Übergangsregierung hat jeden Auto-Verkehr verboten, um Anschlägen mit Autobomben vorzubeugen.

In der Ferne sind Explosionen und Schüsse aus automatischen Waffen zu hören - doch die Bagdader Wähler lassen sich davon nicht abschrecken. Es liegt eine entspannte, freudige Stimmung in der Luft, und das nicht etwa deshalb, weil keine Abgasschwaden aus dem überalterten irakischen Fahrzeugpark das Atmen erschweren.

"Wir sind sogar anderthalb Stunden gelaufen, weil wir neulich umgezogen sind und noch im Wahllokal unseres früheren Wohnsitzes wählen müssen", sagt der 43-jährige Arbeiter Edisan Briha, der eben mit seiner Frau Veronia wählen war. Während des Fußmarsches und bei der Stimmabgabe selbst habe er sich "keinen Augenblick lang" in Gefahr gefühlt. Von der Wahl erhoffen sich die beiden "Freiheit und Sicherheit". Der Bagdader Christ hält den Übergangspremier Ijad Allawi für den Politiker, der das am ehesten umsetzen kann. Deshalb habe er für seine Irakische Liste gestimmt.

Das Wahllokal, in dem die beiden wählten, ist eine Schule in einer Nebengasse. Am Eingang haben irakische Polizisten einen Kontrollpunkt errichtet, um die Ausweise zu prüfen und die Wähler auf Waffen und Sprengstoff zu durchsuchen. Dutzende stehen in den Mittagsstunden Schlange. Drinnen herrscht Chaos. Kaum jemand nutzt die wackligen Wahlkabinen aus Pappkarton, die meisten machen ihr Kreuz auf dem stabilen Tisch der Wahlhelfer und vor deren Augen. Das Wahlgeheimnis ist der Begeisterung über die erste freie Wahl seit Jahrzehnten zum Opfer gefallen.

Wahlgeheimnis fällt der Begeisterung zum Opfer

In Wahda leben vor allem urbane Schiiten und Christen, von denen viele den Klerikern und ihrer Einheitsliste UIA misstrauen und Allawi, einem weltlichen Schiiten, zuneigen, der das Image eines "starken Mannes" pflegt. "Ich habe ihn gewählt, weil er Schlagkraft ausstrahlt und über den Konfessionen steht", sagt der 28-jährige Goldschmied Imad Ali Mohammed. Mehrere Verwandte des jungen Schiiten wurden unter Saddam hingerichtet, er selbst war 1997 aus Angst vor der Repression ins Ausland geflohen.

Eine rege Wahlbeteiligung und zuvor nie gekannte Debatten prägen auch das Wahllokal Nummer 7 nahe des westlichen Tigrisufers. In der Umgebung wohnen viele Beamte, die ethnische Zusammensetzung ist gemischt. "Stellen Sie sich vor, meine Frau hat etwas anderes gewählt als ich", gibt ein 68-jähriger Arzt mit gespielter Entrüstung von sich. Er votierte für die Kommunistische Partei, sie für Allawi. Ähnlich hielten es die Kinder der beiden. Die Söhne setzen auf den bulligen Übergangspremier und seine Liste 285, die Tochter auf die Bewegung der konstitutionellen Monarchie des Thronprätendenten Sherif Ali bin al-Hussein. "Es ist herrlich", frohlockt Vater Said, "derart lebendige Diskussionen hatten wir in unserer Familie noch nie."

Doch während Schiiten, Kurden und Christen den Spaß an der von den Besatzern offerierten Demokratie zu entdecken beginnen, mauern sich die Sunniten in ihrer Boykotthaltung ein. In Tikrit, 160 Kilometer nördlich von Bagdad, empfängt die wenigen Wahlwilligen in den Wahllokalen gähnende Leere. Die Straßen sind leergefegt, US-Soldaten fahren in Jeeps durch die Stadt, um die Bürger über Lautsprecher zur Wahl aufzufordern. Vergeblich.

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