+
Rauchschwaden steigen am Montag  aus den brennenden Wälder im Gebiet Tomsk in Sibirien auf. Mit

Waldbrände in Russland eine "Katastrophe"

Moskau - Bei den verheerenden Waldbränden in Russland ist keine Entspannung in Sicht. Schwere Feuer wüteten am Mittwoch vor allem weiter in Sibirien.

Die sibirische Taiga steht in Flammen. Russische Forstexperten der Umweltorganisation Greenpeace sprechen wie 2010 von einer “Katastrophe“ in dem mit Abstand waldreichsten Land der Erde. Der seit fast drei Monaten von extremer Hitze und Trockenheit geplagte sibirische Teil Russlands sei durch die verheerenden Feuer teils bis ins Wurzelsystem ausgebrannt. 100 Jahre dauere die Regeneration des einzigartigen Waldgürtels der Taiga.

Schuld hätten die Behörden, die aus den schlimmsten Wald- und Torfbränden der russischen Geschichte vor zwei Jahren nichts gelernt hätten, sagt Greenpeace-Experte Alexej Jaroschenko. Er meint, dass derzeit rund eine Million Hektar Waldfläche in Flammen stehe. Das entspricht etwa dem Elffachen der Größe der Insel Rügen. Und das sei noch vorsichtig geschätzt, betont er.

Neben sibirischen Regionen wie Krasnojarsk und Tomsk, wo Menschen erneut über giftigen Smog und Brandgeruch klagten, wüteten die Feuer auch im Ural und im äußersten Osten Russlands. Regierungschef Dmitri Medwedew musste unlängst eine Krisenlage einräumen. Er sprach auch von Toten, ohne Zahlen zu nennen. Hinzu kämen riesige Ernteverluste.

Angesichts der düsteren Smogbilder aus Städten wie Omsk und Tomsk fühlen sich viele Russen an den Jahrtausendsommer 2010 erinnert. Damals versank auch die Megapolis Moskau wochenlang in einem giftigen Rauchnebel wegen der schweren Torfbrände im Umland.

Greenpeace-Experte Jaroschenko widerspricht den Behörden, die die brennende Fläche mit einigen zehntausend Hektar angeben. Nach Auswertung von US-Satellitenbildern geht er davon aus, dass 10 Millionen Hektar Wald seit Jahresbeginn verbrannt seien.

Die Forstbehörde nennt als Ursache vor allem auch “unsachgemäßen Umgang“ mit Feuern. Ohne Rücksicht auf die höchste Waldbrandstufe in vielen Gebieten würden viele Menschen landauf, landab an Lagerfeuern grillen und feiern. Eine echte Kontrolle gebe es nicht.

“Die Beamten lügen ganz eindeutig“, sagt Jaroschenko der Nachrichtenagentur dpa. Er wirft ihnen vor, das wahre Ausmaß zu verschleiern. “Viele örtliche Verwaltungschefs setzen lieber nicht die ohnehin sehr begrenzten Kräfte und Mittel ein. Sie warten, bis sich das Problem etwa durch Regen von selbst löst“, behauptet er.

Dabei spielen sich in einigen Gegenden Medien zufolge dramatische Szenen ab. Bei Tomsk musste ein Hubschrauber drei Pilzsammler retten, die von Flammen umzingelt waren. Allein in Sibirien waren 12 000 Helfer im Einsatz; landesweit zudem rund 70 Löschflugzeuge, darunter auch von den Luftstreitkräften, hieß es.

Russland steht damit vor dem alten Dilemma. Seit einer von Kremlchef Wladimir Putin trotz Warnungen von Experten durchgesetzten Reform des Waldgesetzes beschäftigt Russland kaum noch Forstarbeiter. Die Lage habe sich in diesem Jahr weiter verschlimmert, schreibt die Zeitung “Nesawissimaja Gaseta“. Das Land versinke in einem “flammenden Grauen“.

Früher seien in Russland rund 200 000 Beschäftigte der Forstverwaltung im Einsatz gewesen, heute nur noch einige zehntausend. Dabei habe Russland mit 1,2 Milliarden Hektar Forstfläche so viel Wald wie kein anderes Land, schreibt das Blatt.

Zwar betonen Forstexperten wie Erik Walendik von der russischen Akademie der Wissenschaften, dass Naturbrände auch nötig seien, damit sich der Wald erneuern könne. Die kremlkritische Zeitung “Nowaja Gaseta“ bemängelt aber, dass es anders als in den USA keine professionelle Überwachung der Feuer und des Waldes gebe.

Weil die Beamten in den Regionen traditionell Verantwortung scheuten, kämen die Feuer immer wieder gefährlich nahe an bewohnte Orte. Und wie so oft, klagt der Moskauer Funktionär und Forstexperte Wladimir Bogatyrjow von Russlands Gesellschaftskammer, begannen die Behörden erst mit großangelegten Löscheinsätzen, nachdem Putin Minister in die Regionen beordert hatte.

dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Polizisten überwältigen Mann mit Spielzeugwaffen vor BND-Zentrale 
Vor der Berliner BND-Zentrale wurde ein wohl verwirrter Mann festgenommen. Er hantierte mit Spielzeugwaffen und betete vor dem Gebäude. Der Staatsschutz leitete …
Polizisten überwältigen Mann mit Spielzeugwaffen vor BND-Zentrale 
52-Jähriger erschlägt Exfreundin mit Hammer und begeht Selbstmord
Ein 52-Jähriger hat seine Exfreundin mit einem Hammer erschlagen. Anschließend gestand er die Tat und stürzte sich in den Tod.
52-Jähriger erschlägt Exfreundin mit Hammer und begeht Selbstmord
Justizopfer erhält Schmerzensgeld von Gutachterin
Vor Gericht lagen sich Norbert Kuß und seine Frau erleichtert in den Armen. Nach jahrelangem Rechtsstreit erhält das Justizopfer (74) nun Schmerzensgeld von der …
Justizopfer erhält Schmerzensgeld von Gutachterin
61-Jähriger will sich mit Rakete in die Luft schießen
Die Erde ist flach und wird an ihren Enden von Meereis begrenzt - daran glaubt der US-Amerikaner Mike Hughes. Um das zu beweisen, will er sich mit einer selbstgebauten …
61-Jähriger will sich mit Rakete in die Luft schießen

Kommentare