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"Warum?" - Leipzig trauert um Michelle

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Leipzig - Vor dem mehrstöckigen Haus, in dem die ermordete Michelle aus Leipzig gewohnt hat, legt eine Frau eine Blume auf den Bürgersteig. Sie weint. Andere Menschen stellen neue Kerzen auf. Einige hundert Meter weiter liegen vor der Schule inzwischen dutzende Stofftiere.

Am Tag, nachdem das tagelange Bangen zur schrecklichen Gewissheit über Michelles Tod wurde, trauern viele Leipziger. Tränen flossen auch im Lehrerkollegium von Michelles Grundschule. Die Polizei fahndet unterdessen fieberhaft nach dem Mörder des blonden Mädchens - bisher allerdings noch ohne heiße Spur, wie eine Sprecherin sagt.

Auf allen Ebenen treibt die 177-köpfige Sonderkommission «Michelle» die Suche voran. Mit technischen Hilfsmitteln und psychologischem Druck wollen die Fahnder dem Mörder auf die Spur kommen. Morgens sucht erneut eine Hundertschaft Polizisten den Park rund um den Teich ab, in dem Spaziergänger die Leiche am Donnerstag fanden. Gleichzeitig rücken Taucher an, um den schlammigen Grund des Gewässers abzusuchen. Auf allen Vieren kriechen sie durch das dunkle Wasser - offenbar ohne größere Erfolge. Denn anschließend pumpt die Feuerwehr das Wasser ab.

Über dem Osten Leipzigs kreist wie in den vergangenen Tagen ein Polizeihubschrauber. Zum wiederholten Mal werden der Park und die Umgebung fotografiert, die Bewohner der benachbarten Häuser befragt. Die rund um die Uhr arbeitende Soko «Michelle» und ihr Chef, Kriminaldirektor Uwe Matthias, haben jetzt einen Vorteil: Sie können die Fahndung gezielt auf das Gebiet um die Grundschule von Michelle und den Teich konzentrieren.

Ob das Mädchen bereits am Montag, dem Tag ihres Verschwinden, oder erst später getötet wurde, hält die Polizei geheim. Das gleiche gilt für die Frage, ob sie Opfer eines Sexualverbrechers wurde. Je weniger der Täter über den Stand der Ermittlungen wisse, umso eher mache er Fehler, erläutert ein Beamter die Polizeitaktik.

Psychologisch wollen die Ermittler dem Mörder mit sogenannten Profilern auf die Spur kommen. Die erfahrenen Kriminalpolizisten werden in Deutschland als Fallanalysten bezeichnet. Sie versuchen aus dem Fundort, dem Zustand der Leiche und anderen Spuren die verschiedenen Motive des Täters und seine Einstellung aufzudecken. Fühlt er sich sicher? Ist er risikobereit? Ist es ein Wiederholungstäter? Welcher Schicht gehört er an? Diese Fragen treiben die Profiler um.

Auf selbst gemalten Plakaten vor der Schule steht: «Warum nur, Michelle?» und «Wir vermissen Dich alle». Am Montag, dem ersten Schultag in Sachsen, wird Michelle in der dritten Klasse der 25. Grundschule fehlen. «Alle Lehrer der Schule werden natürlich diesmal nicht über das schönste Ferienerlebnis sprechen, sondern über Michelle», sagt Roman Schulz von der Sächsischen Bildungsagentur. Die Kinder dürfen, wenn sie wollen, einen Brief an ihre ehemalige Mitschülerin schreiben oder einen Blumenstrauß für sie malen. Die Erwachsenen können an diesem Samstag bei einem Gedenkgottesdienst Abschied nehmen.

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