Pandemie-Erkenntnisse

Neue Corona-Studie der WHO überrascht sogar Experten: So tödlich ist das Virus wirklich

  • vonStefan Reich
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Stanford-Professor John Ioannidis hat in einer Metastudie erneut die Sterblichkeit von Covid-19 untersucht - mit einem erstaunlichen Ergebnis. Ist die durch das Coronavirus verursachte Krankheit weniger tödlich als bisher angenommen?

  • Weltweit sterben Menschen an der neuartigen Lungenkrankheit Covid-19*.
  • Der Stanford-Professor John Ioannidis hat in einer Metastudie erneut die Sterblichkeit untersucht.
  • Das Ergebnis ist erstaunlich. Bei den Sterberaten gibt es große Differenzen.

Stanford - Es klang nach einer guten Nachricht, und die steckt wohl auch im Ergebnis einer neuen Covid-19*-Metastudie: Die Krankheit scheint in weniger Fällen tödlich zu verlaufen als früher angenommen. Doch die Botschaft des Autors war auch klar: Für die Entscheidungen der Politik können seine Erkenntnisse zwar hilfreich sein, man müsse sie aber differenziert betrachten.

Coronavirus-Studie: Stanford-Professor wertet 61 Studien weltweit aus

Urheber der Studie ist John Ioannidis, einer der derzeit meistzitierten Autoren in der Wissenschaftswelt. Der Professor für Medizin und Epidemiologie an der Universität Stanford hat 61 Studien aus der ganzen Welt ausgewertet, die aus Antikörpertest-Stichproben die tatsächliche Infiziertenrate in der jeweiligen Bevölkerung errechneten. Sie untersuchten also die Dunkelziffern der Corona-Fälle. Die Ergebnisse hat Ioannidis statistischen Korrekturen unterzogen und ins Verhältnis gesetzt zu den offiziellen Covid-19-Todesfällen in den Untersuchungsgebieten.

Metastudie zu Covid-19-Sterblichkeit - auch Streek-Studie ausgewertet

Eine der Untersuchungen ist die Heinsberg-Studie des Bonner Virologen Hendrik Streeck. Die errechnete aus einer großen Antikörper-Stichprobe*, dass bis Mitte April vermutlich 15,5 Prozent der gut 12 000 Einwohner der Gemeinde Gangelt – also fast 2.000 Menschen – eine Infektion durchgemacht hatten. Offiziell lag die Zahl der Infizierten im Ort auch Mitte August noch unter 500. Sieben Menschen waren in Gangelt, einem der ersten deutschen Corona-Hotspots*, bis Mitte April gestorben. Daraus errechnete Ioannidis zusammen mit der Dunkelziffer aus der Streeck-Studie eine Sterberate von 0,25 Prozent, also 2,5 Todesfälle auf 1000 Infizierte.

Coronavirus: Weltweit stirbt einer von 500 Corona-Infizierten 

Damit liegt die Gangelt-Studie leicht über dem Median der Metastudie von Ioannidis. Der Median– er liegt bei 0,23– ist der Wert, der die herangezogenen Stichproben in gleich große Hälften teilt. 50 Prozent kommen auf niedrigere Sterblichkeiten*, 50 Prozent auf höhere. Der Medianwert legt also nahe, dass weltweit etwas mehr als einer von 500 Corona-Infizierten stirbt. Die höchste errechnete Sterblichkeit von 1,63 Prozent ergab sich aus einer Stichprobe in zwei OrtenimUS-Bundesstaat Louisiana. Die höchste Infiziertenrate fand sich mit 58 Prozent in einem Slum in Mumbai, wo die Sterblichkeit unter dem Durchschnitt lag. Ioannidis’ Folgerung: Die Sterblichkeit durch Covid-19 scheint geringer als früher angenommen. Er vergleicht seine Zahlen mit den in China errechneten Sterblichkeitsraten von 3,4 Prozent aus der Frühzeit der Pandemie. Damals glaubte man, es gebe kaum unentdeckte Fälle mit schwachen Symptomen und folglich auch keine hohe Dunkelziffer. Auch etwas später errechnete Sterblichkeiten von einem Prozent weltweit würden nicht erreicht. Einen eigenen globalen Wert nennt Ioannidis aber nicht.

Covid-19: Sterblichkeit hängt von verschiedenen Faktoren ab - und variiert erheblich

Die zweite Erkenntnis: Die Sterblichkeit variiert von Land zu Land, Stadt zu Stadt und teils sogar von Viertel zu Viertel erheblich – und zwar in Abhängigkeit vom Anteil alter Menschen in der Bevölkerung, von der Qualität des Gesundheitswesens, der Bevölkerungsdichte und Infektionsherden wie vollen Verkehrsmitteln. Eine US-Meta-Studie kam für die USA kürzlich auf einen Wert von 0,8 Prozent. Der Virologe Christian Drosten hält für Deutschland aufgrund der etwas älteren Bevölkerung einen Wert von einem Prozent für plausibel.

Coronavirus-Sterblichkeitsstudie - Darin sieht Ioannidis den Nutzen

Den Nutzen der Studie sieht Ioannidis vor allem im Herausarbeiten regionaler Unterschiede. Die zu kennen sei wichtig, wenn es darum gehe, Maßnahmen festzulegen, die eventuell die Sterblichkeit in anderen Bereichen erhöhe. Ioannidis hatte früh vor negativen Folgen, wie etwa dem Anstieg von Selbstmordraten bei steigender Arbeitslosigkeit gewarnt. Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Netzwerks

Rubriklistenbild: © Roberto Pfeil/dpa

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